Klaus Klamroth, Heidelberg. Im Herbst 1999

Sinnloser Krieg

Vorwort des Herausgebers Klaus Klamroth

Ich kam zwanzig Jahre nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges auf die Welt. Mein Großvater gehörte zu einer Kohorte, die 60 Jahre vor mir durch das Leben ging. Nur drei Generationen vor ihm lebte der gemeinsame Ahne, der noch aus dem Zunftwesen des heiligen römischen Reiches deutscher Nation stammte und den staatlichen Aufstieg Preußens erlebte. Heute wachsen meine Enkel auf, die 60 Jahre nach mir das Leben meistern wollen und das Glück haben, ihren Lebensweg in einem sich friedlich sehr nahe gerückten Europa zu beginnen, in dem die nationalen Grenzen allmählich verblassen.

Es gibt Großväter, die nehmen ihre Enkel auf die Knie und erzählen. Das hat Kurt Klamroth vor 60 Jahren so wenig getan wie ich heute. Er hat ein großes Kriegstagebuch geschrieben und seinen Kindern gewidmet. Mein Vater hat es mir weitergegeben. Ich denke, dass beide das in der Hoffnung taten, es würde gelesen und bedacht, was Kurt Klamroth der Ältere "im Felde" an Erlebnissen und Empfindungen seinem Tagebuch anvertraute und etwa 10 Jahre später aufschrieb. In einer Zeit, die weit zurückzuliegen scheint und doch schon viele Ansätze zu unseren heute gewohnten Lebensumständen zeigte und Begriffe kannte, die bis jetzt im Schwange sind. Wir stehen halt auf ihren Schultern und sehen deshalb weiter. Wir können erkennen, wohin das nationale Pathos unserer Altvorderen den einzelnen und die Gesellschaft geführt hat. Wehret den Anfängen, möchte ich meinen Enkeln zurufen mit diesen Hinterlassenschaften meiner Väter. Dabei liegt mir fern und stünde mir nicht zu, über sie zu urteilen oder zu moralisieren. Auch ist das Interesse an solcher Lektüre unterschiedlich und kann auf sich warten lassen, so wie bei mir, bekenne ich freimütig. Meine Enkel und Nachkommen werden selbst entscheiden, wann und ob sie lesen, was ich hier vorlege. Aber sie sollen es zur Hand nehmen können, wenn die Neugier oder das Wissenwollen sie dazu bringt. Dann wäre mein Ziel erreicht, dazu beitragen zu haben, dass diese Erfahrungen weitergereicht werden. Möge das Alphabet, das uns Menschen ein paar Tausend Jahre lang das gesammelte Wissen und Fühlen erschlossen und bewahrt hat, zu diesem Zweck weiterhin der Herrschaft der bewegten Bilder trotzen.

Wir leben in einer anderen Zeit. Und doch bin ich im Zweifel, ob alle Mitmenschen aus der Katastrophe der beiden Weltkriege in der ersten Hälfte des jetzt zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts Lehren gezogen haben. In diesen Kriegen sind die tönernen Ideale unserer Vorfahren zusammengebrochen. Der Schriftsteller Ernst Jünger, der damals 23 Jahre alt war, und dessen Reflexionen der Zeit, wie ich sie miterlebt habe, bis zu seinem Tode mit fast 103 Lebensjahren ich besonders schätze, beschreibt diese Ideale zur Zeit des Kriegsausbruchs 1914 : "..zu Haus, in Schulen, Universitäten und Kasernen ist der Begriff Vaterland in die Nebelwelt unserer

Anschauung als Mitte gesetzt wie die Sonne in das Planetensystem, wie der Kern in den Kraftwirbel eines Atoms. An den grauen Wänden der Kasernenflure kündeten goldene Lettern die Namen der in früheren Kriegen Gefallenen, und die Sprüche darunter mahnten uns, stets dieser Helden würdig zu sein. Die Denkmäler der Generale auf den Plätzen, das Studium der Geschichte, das uns zeigte, wie eng Größe und Niedergang eines Volkes mit seinen Kriegen verkettet sind, die ernsten Gesichter, mit denen Generationen von Offizieren von den Wänden unseres Kasinos auf uns niederblickten, blitzende Orden und zerschossene Fahnen, deren Seide nur an hohen Festtagen über der Menge wehte: das alles hat uns den Krieg zu einer feierlichen und gewaltigen Sache gemacht. Wir fühlten uns als Erben und Träger von Gedanken, die durch Jahrhunderte von Geschlecht zu Geschlecht vererbt und der Erfüllung näher getragen wurden. Über allem Denken und Handeln stand eine schwerste Pflicht, eine höchste Ehre und ein schimmerndes Ziel: der Tod für das Vaterland und seine Größe." Das war es, was mein Großvater stolz und unbeirrt als Banner seiner vaterländischen Gesinnung durch sein Tagebuch trägt und was immer noch durch die Erzählung meines Vaters trotz des totalen Zusammenbruchs seiner "völkischen" Vorstellungen geistert.

Beide Kriege waren sinnlos. Sich auf sie besinnen kann und muss eines bewirken: Nie wieder solche Kriege unter zivilisierten Menschen!

Was heißt aber Friede unter Menschen? Friede muss erhalten werden. Das Wort bezeichnet einen Zustand, der sich von selbst nicht einstellt und erhält. Das ahnt man schon, wenn man unter Geschwistern heranwächst. Wer aber dazu beitragen möchte, dass Friede erhalten bleibt - und dazu soll die Vorlage dieser Kriegserinnerungen dienen -, muss wissen, wozu sich Menschen verführen und bis wohin sie sich treiben lassen können. Wer eines Tages selbst in eine aufgehetzte Masse Mensch geraten sollte, dem kann nur noch das eigene Urteil helfen. Elias Canetti hat in einem erschreckenden Buch über Masse und Macht aufgezeigt, was für Mechanismen in unserer Spezies stecken, wie Menschen handeln können, wenn sie zu Meuten und Massen werden und damit ihre humanen Eigenschaften verlieren. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat vor kurzem auf einem Symposion in Elmau vorgetragen: „Was die gebildeten Römer humanitas nannten, wäre undenkbar ohne die Forderung nach Abstinenz von der Massenkultur in den Theatern der Grausamkeit. Sollte der Humanist selbst sich einmal in die brüllende Menge verirren, so nur, um festzustellen, dass auch er ein Mensch ist und daher von der Bestialisierung infiziert werden kann. Er kehrt aus dem Theater nach Hause, beschämt über seine unwillkürliche Anteilnahme an den infektiösen Sensationen und ist nun geneigt zuzugeben, dass nichts Menschliches ihm fremd sei. Aber damit ist gesagt, dass Menschlichkeit darin besteht, zur Entwicklung der eigenen Natur die zähmenden Medien zu wählen und auf die enthemmenden zu verzichten."

Seit es Menschenhorden gibt, haben sie Kriege gegeneinander geführt, und dabei ging es um die Ernährung, die Bereicherung, das Wachstum und das Ansehen der Horde, des Stammes und schließlich des Staates, nicht selten aber nur um Gier und Mordlust. Einen Unterschied zu den Kriegszügen von Ameisen sehe ich dabei bis auf den Grad der Brutalität nicht. Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts sind traurige Höhepunkte solchen Selbstzerstörungsdranges, der in der Menschheit auf diesem Planeten steckt. Diese menschliche Schwäche gibt es nach wie vor und überall. Sie führt dazu, dass sich das eigene Gewissen und die eigene Urteilskraft Ideologien und Suggestionen unterordnet. Die dunkle Seite des Menschen hat anscheinend unaufhaltsam blutige Folgen, zum Beispiel in Algerien, in Afghanistan, auf dem Balkan, im Baskenland, in Nord-Irland, im Nahen Osten, in Ost-Timor und auf Zypern, um nur einige Brennpunkte zu nennen, die jeder kennt.

Terroristen, wie der von Serajewo 1914, mögen für manche je nach Standpunkt und Interessen vielleicht Freiheitskämpfer sein. Jedenfalls sind es häufig genug die, die glauben für eine gute Sache zu streiten, die am grausamsten gegen Mitmenschen wüten. Was für Eltern und Großeltern haben diese Menschen gehabt? Gab es niemanden, der ihnen Versöhnung gezeigt, Toleranz vorgelebt, Bildung vermittelt und ein kritisches Urteil gefördert hat, besonders gegen jene Typen, die man Führer nennt? Das sind in der Regel Männer, deren Charisma zum Personenkult verkommen ist, meistens bärtig , und mit allerlei Mummenschanz behängt.

War das nicht seit Jahrtausenden so? Muss das heute weitergehen, wo wir unseren verletzlichen, übervölkerten, blauen Planeten aus dem Weltraum sehen können und die Streitereien um Macht und Einfluss aus dieser Perspektive besonders kleinlich sind ?

Ich möchte, dass diese Führer endlich ihre naive Gefolgschaft verlieren, die leider überwiegend aus jungen Menschen besteht. Offenkundig wird das häufig dann, wenn die Verführten am Ende blinden Wütens als Leichen gezeigt werden oder an den Lebensdaten auf ihren Gräbern.

Wem soll man glauben, solange in jungen Jahren noch Erfahrung fehlt? Was soll man für möglich, was für richtig halten unter Menschen? Es geht dabei nicht um Schuld. Schuld versinkt mit den Schuldigen, sie ist nicht erblich. Aber lebendig bleibt die Verführbarkeit. Zuhören, Lernen, Lesen und Prüfen hilft weiter. Und die Familie ist aufgerufen, das Urteil der Nachkommen zu stärken. Ehrlich muss es dabei zugehen und keine Fassaden dürfen aufbaut werden, die würdig und schön dastehen sollen, während es dahinter "menschelt".

Wenn sich die Enkel wirklich wie auf einer Spirale wieder den Großeltern nähern, dann haben sie vielleicht auch ein besonderes Verständnis füreinander oder können es entwickeln, ohne die Alten zu verklären. Etwa so empfinde ich mitleidend die Hinterlassenschaft meines Großvaters und meines Vaters, ohne in deren Haut schlüpfen zu können und zu wollen. Was sie sich antaten und Ihnen angetan wurde, sollen meine Leser nicht erleben müssen. Kurt Klamroth, der ältere erlebte und schildert den Krieg 1914-18 aus der Perspektive des Offiziers und Großbürgers, dem der älteste Sohn so schnell wie möglich nacheifern möchte. Kurt Klamroth, der

jüngere, mein Vater, kein militärischer Typ, aber aufblickend zu Vater und großem Bruder, musste das ganze Elend des Landsers erleben.

Ich weiß, ich weiß, man kann keinem Menschen gerecht werden, wenn man Bruch-

stücke dessen, was er hinterlassen hat, thematisiert, und ganz bestimmt diesen Vorfahren nicht, die unendlich viel mehr zu bieten hatten und hinterlassen haben, als nur Soldatisches. -

Vor 120 und ganz besonders übertrieben vor 60 Jahren nannte man bei uns Verwandtschaft "deutsches Blut auf deutschem Boden". Das jagt uns heute einen Schauer über den Rücken und erzeugt die genau gegenteilige Empfindung der damaligen, die mein Vater zu Beginn des "tausendjährigen Reiches" in die Verse fasste:

Wer es liest, kann sich fragen, wie er unter ähnlichen Umständen denken, fühlen und handeln würde. Ich möchte darauf vertrauen, dass die Scheu, sich über alle Solidarität und Verantwortung unter Menschen guten Willens aus verschiedenen Völkern hinwegzusetzen, größer ist als jedes religiöse oder politische Programm, das zum Kampf gegen andere Menschen aufruft. Wir wollen keine Feindbilder mehr!

Damit ich nicht missverstanden werde, füge ich gleich hinzu, dass ich von Gewaltlosigkeit nichts halte. Spitzbuben, auch Bestien, gibt es unter Menschen mehr als genug und keiner der Gründe, warum das so ist, rechtfertigt die Duldung von Verbrechen. Ich bin schon dagegen, offensichtliche Vorbereitungen von kriminellen Handlungen um des lieben Friedens willen hinzunehmen.

Die dumpfe Ablehnung von Autorität an sich, ich meine keine angemaßte, hat in den letzten 30 Jahren der Wehrhaftigkeit unserer Demokratie nicht gut getan, vielerorts die Teufelchen tanzen lassen und manchen der schweigenden Mehrheit verbittert. Angemessene Gewalt, wenn alle anderen Mittel der Einflussnahme versagen, auch ohne jede Nachsicht muss nach meiner Ansicht der demokratisch verfasste und kontrollierte Staat ausüben nach innen und außen gegen jedermann, der seine Gesetze oder unerlaubt seine Grenzen übertritt.

Der Natoeinsatz im Kosovo 1999, den ich Krieg nicht nennen kann, hat diese moralische und juristische Qualität von Gewaltausübung auf das Niveau der Staatengemeinschaft unserer einen Welt, die wir kennen, ausgedehnt. Das finde ich richtig so. Den souveränen Rechten auch der Staaten müssen Grenzen gesetzt werden, wenn Sie wie im Falle Jugoslawiens zur Vernichtung und Vertreibung von Menschen missbraucht werden.

Der Kriegsteilnehmer Kurt Klamroth 1914-18

Kurt Klamroth wurde am 22. April 1872 als Sohn des Kaufmanns und späteren Königlich-Preußischen Kommerzienrates Gustav Klamroth (1836 bis 1905) und dessen Ehefrau Anna (1840 bis 1890) in Halberstadt geboren. Anna Klamroth war die Tochter des Halberstädter Postdirektors Franz Johann Weigel. Drei Generationen vor ihm hatten dort eine angesehene und schon über die Region hinaus tätige Firma im Landwarenhandel aufgebaut.

Von l878 an besuchte Kurt die Schule, die er mit dem Zeugnis der mittleren Reife des Domgymnasium 1888 beendete und wurde mit 16 Jahren Lehrling im Bankgeschäft Ernst Vogler in Halberstadt. Am 1. April 1891 beendete er seine Lehrzeit. Bis zum 1. Oktober desselben Jahres blieb er noch im Bankgeschäft Vogler und war dann als Einjährig- Freiwilliger bei der 3. Eskadron des Kürassier-Regiments von Seydlitz (Magdeburgisches) Nr. 7, wurde bald Gefreiter, dann Unteroffizier, lernte nicht nur mit dem Gewehr umzugehen, sondern auch mit der Lanze zu kämpfen und schließlich erhielt er nach bestandener Prüfung am 30. September 1892 das Befähigungszeugnis zum Reserveoffizier der Kavallerie. In den folgenden Jahren nahm er regelmäßig an den Reserveübungen teil und kletterte auf

der militärischen Leiter folgerichtig vom Vizewachtmeister (Frühjahr 1893) zum Second-Lieutenant (Herbst 1893). Zehn Jahre später wurde er Oberleutnant der

Reserve, um schließlich 1910 Rittmeister der Reserve zu sein. Welchen Wert Kurt darauf legte, diesem Kürassier-Regiment als Reserveoffizier anzugehören, zeigt neben vielem anderen, dass er, als er 1897 seine Verlobung mit Gertrud Vogler anzeigt, stolz unter seinen Namen setzt: Second-Lieutenant der Reserve und nicht Fabrikant oder Mitinhaber der Firma Klamroth, Halberstadt. Dabei war er ein musisch veranlagter Mensch, der gut zu beobachten, zu zeichnen und zu modellieren verstand. Aber den gelb-weißen Rock zu tragen, das war eine besondere Ehre und verschaffte zusätzliches Ansehen in der damaligen Gesellschaft.

Kurt Klamroth unternahm Auslandsreisen, sicherlich um sowohl seine Sprachkenntnisse zu verbessern, als auch um seinen Horizont zu erweitern. So berichtet er im September 1893 von einer Bildungsreise, die ihn nach Nordamerika führte, aus St.Louis:

An der City-Hall kamen wir an dem Platze vorüber, wo der letzte Sklavenmarkt abgehalten worden ist. Er ist unverändert geblieben, man sieht noch die Abgrenzungen der einzelnen Marktstände.

In Cincinnati vermerkt er, die Stadt

...ist jedoch auf so unebenem Gelände erbaut, dass die Bahnen von einem Stadtteil in den höher gelegenen anderen nicht hinauffahren können. So wurden wir in unserem Straßenbahnwagen einfach in die Höhe gehoben und per Elevator in die obere Stadt hinaufbefördert. Den Amerikanern scheint wirklich kein Hindernis unüberwindlich, kein Projekt unausführbar zu sein.

Kurze Zeit darauf folgte ein längerer Aufenthalt in London zu dem Zwecke, die kaufmännische Ausbildung zu vervollkommnen, Seiner zwei Jahre älteren Schwester Eva von Busse hatte Kurt in einem Brief vom 4. Oktober 1895 geschrieben:

Im allgemeinen gefällt es mir hier recht gut, obwohl ich mich an manche Sonderheiten erst gewöhnen mußte. Meine Sonntage verbringe ich natürlich möglichst weit weg von London, da nichts schrecklicher ist, als ein Sonntag in der City. Die Sonntage sind zum Auswachsen, da weder Tennis- noch Billard- noch Klavierspielen erlaubt ist. Auf letzterem dürfen allenfalls "hyms" gespielt werden.

Am 9. Oktober 1897 heiratete Kurt Klamroth seine Tennis-Partnerin, die Tochter des Bankiers Vogler, seines vormaligen Lehrherren. Beim Festessen im Halberstädter Hotel Prinz Eugen erschien eine Abordnung der Unteroffiziere der 5. Schwadron der Kürassiere, um zu gratulieren. Sein älterer Bruder Johannes, der ihm die Karriere in

der väterlichen Firma überlassen hatte, erschien auf dem Polterabend als alter Zauberer, der Abschied nahm von seinem Zauberlehrling, denn beide Brüder hatten

von Jugend auf mit ziemlicher Geschicklichkeit Taschenspielerkunststücke getrieben, wobei der jüngere vom älteren gelernt hatte. Später wurde Kurt Klamroth sogar angesehenes Mitglied des magischen Zirkels in Deutschland unter Berufskünstlern dieser Gattung.

Schon am 7. März 1904 wurde Kurt Klamroth Mitglied der Industrie- und Handelskammer in Halberstadt und drei Jahre später deren Vizepräsident. 1905 ehrenamtlicher Handelsrichter und später Handelsgerichtsrat in der Kammer für Handelssachen beim Amtsgericht Halberstadt. Er war Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und von 1913 bis 1920, vier Jahre davon kriegsbedingt in absentia, deren Vorsteher. Die Stadtverordnetenversammlung delegierte ihn in den Provinzial-Landtag. Ferner gehörte er dem Steuer-Ausschuß des Deutschen Industrie- und Handelstages, dem Vorstand des Zweckverbandes Magdeburg und Halberstadt, dem Harzwasserbeirat beim preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten an und war stellvertretendes Mitglied des Landeseisenbahnrates Magdeburg.

Dann wurde er Vorsitzender des Vereins Deutscher Dünger-Fabrikanten in Hamburg. In dieser Eigenschaft reiste er Anfang 1912 nach Curacao, um dort über den Bezug des Dünger-Rohstoffs Phosphat (Guano) mit Erfolg zu verhandeln und internationale Beziehungen in seiner Branche anzuknüpfen.

Er baut für seine Familie und sich mit dem damaligen Star-Architekten Hermann

Muthesius eine Villa im englischen Landhaus-Stil, die er Weihnachten 1911 mit seiner Frau und vier Kindern bezieht. Im gleichen Jahr wird im Kindertagebuch des ältesten Sohnes Johannes-Georg berichtet von einem Kriegsspiel des königlichen Domgymnasiums, an dem der 12-jährige im April teilnahm, wo Herr Direktor Prof. Dr. Ehrenthal auf die ernste Bedeutung des Spieles hinwies, Herr Turnlehrer Dickhaut den Dank der 200 Schülerherzen zum Ausdruck brachte und mit einem Hoch auf den Kaiser schloß, in welches die Schüler begeistert einstimmten und gemeinsam die Nationalhymne sangen.

Wer sich einen Eindruck verschaffen möchte, welch` Zeiten Kind er war und wie

er seine Kinder prägte, der lese die Romane des alten Theodor Fontane und des

jungen Thomas Mann.

Europäische Sorgen anno 1914

Aus „Der große Krieg 1914/18 -von Sarajewo bis Versailles", von Joe J. Heydecker

Europa lebt in einer Epoche unglaublicher Sorglosigkeit. Seit 1870/71 hatte es keinen Krieg mehr gegeben, denn die Verwicklungen auf dem Balkan oder das ferne Schlachtgetümmel zwischen Japan und Rußland von 1905 hatten niemanden berührt.

Berlin, dessen Einwohnerzahl sich gerade der Zweimillionengrenze nähert, genießt den jungen Sommer. Die Kinder spielen Diabolo, in den Comptoirs arbeiten

vorwiegend männliche Bürokräfte bei Tintenfaß und Kopierpresse. Der Kinematograph hat sich den Vergnügungsmarkt erobert, und Automobile sind jetzt so häufig in den Straßen zu sehen, daß Witzbolde behaupten, eines Tages werde es überhaupt keine Pferdefuhrwerke mehr geben. Vorläufig aber beherrschen noch die siebentausend Droschken erster Klasse und 1150 zweiter Güte das Straßenbild, außerdem gibt es 3400 elektrische Straßenbahnwagen. Wer wohlhabend ist, zeigt es dadurch, daß er sich ein Telephon einrichten läßt, einen braunen Kurbelkasten mit verstellbarem Trichter und zwei Hörern. Das heraufdämmernde technische Zeitalter wird daneben durch den verrückten Grafen Ferdinand Zeppelin vertreten, der es sich in den Kopf gesetzt hat, die Luft mit zigarrenförmigen Ballons zu erobern. Dazu kommt die Einrichtung der ersten amerikanischen Rolltreppe in Berlin, bald trällert man überall: Ob Kinda oder Olle, Mensch, loof nicht, sondern rolle. Die Wirtschaft blüht, obwohl es kein Wirtschaftsministerium gibt, man kann ohne Schwierigkeiten billige Wohnungen mieten, und der Staat nimmt von seinen Steuerzahlern nicht einmal den Zehnten: Die Einkommensteuer liegt bei vier Prozent, und die Umsatzsteuer ist überhaupt noch nicht erfunden. Man kann auf der ganzen Welt ohne Paß umherreisen, einwandern, auswandern, sich niederlassen, arbeiten. Die Mark ist ein blankes Geldstück von unerschütterlicher Härte und stets gleichbleibender Kaufkraft. Alles ist billig, gediegen und in jeder Menge zu haben. Der Staat arbeitet mit einer Handvoll Beamten, und alles funktioniert trotzdem. Seine Haupteinnahmequelle sind die Überschüsse der Eisenbahn. Zensur ist unbekannt, die Zeitungen schreiben, was sie wirklich meinen, und von den zehn Millionen wehrpflichtigen Deutschen brauchen nur fünf Millionen damit zu rechnen, jemals eingezogen zu werden.

Und über allem glänzt unwirklich und fern Seine Majestät Wilhelm II, Kaiser von Gottes Gnaden. Wilhelms Bartspitzen, von Hoffriseur Harby bis fast zur Höhe der Augen empor dressiert, sind auf der ganzen Welt bekannt. Wilhelm hat seit seiner Geburt einen verkürzten linken Arm und einen gehörigen Komplex. Er ist ständig darauf bedacht, durch lautes und pompöses Auftreten seine Schwächen vergessen zu machen. Bald wird das Schicksal der Welt von den Entscheidungen dieses Mannes abhängen. Wird Wilhelm der Situation gewachsen sein?

Bei seinem Regierungsantritt hat er dem deutschen Volk versichert: Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen! Sicher meint er es ehrlich. Sicher ist er an jedem edlen

Ziel interessiert. Aber ebenso sicher ist er zu ungeschickt, zu faul und zu eitel, um

auch nur das Bestehende erhalten zu können. Er reist, jagt, speist und amüsiert sich.

Seinen Schreibtischstuhl, der die Form eines Sattels hat, benützt er nur selten, die

Staatsgeschäfte sind ihm lästig.

Während die Menschen von Paris bis Petersburg den ungewöhnlich schönen Sommer genießen, wird hinter den Kulissen ein halsbrecherisches Spiel getrieben, das schließlich Hab und Gut und Leben und Gesundheit von Millionen vernichten soll. Eine Handvoll ängstlicher, verblendeter oder übermütiger Leute bringt es fertig,

aus dem Funken von Sarajewo den Weltbrand anzublasen. In Österreich gibt es zwei Männer, deren Gedanken seit Jahren um einen kommenden Krieg kreisen:

Außenminister Graf Leopold von Berchtold und Generalstabschef Graf Franz Conrad von Hötzendorf. Berchtold, den selbst in Wien niemand recht ernst nimmt, weil er nur seine Garderobe und seine Amouren im Kopf zu haben scheint, lechzt danach, sich vor aller Welt einmal als Tatmensch zeigen zu können. Conrad ist seit dem Jahre 1912 nie müde geworden, Kaiser Franz Joseph und jedem anderen mit einer einzigen Forderung in den Ohren zu liegen - einen Krieg gegen Serbien zu führen.

Kurt Klamroth:

Nach der Ermordung des Thronfolgerpaares in Sarajewo, ist die Stunde für Berchtold und Conrad gekommen. Conrad prescht als erster vor und erklärt, daß nun ein sofortiger Schritt gegen Serbien unternommen werden muß. Wenn überhaupt, so mußte seine jahrelange Kriegspredigt jetzt endlich zum Erfolg führen. Außenminister Berchtold sagt feierlich: Ich gedenke, die Greueltat von Sarajewo zum Anlaß der Abrechnung mit Serbien zu machen. In einer Ministerratssitzung gewinnen Berchtold und Conrad rasch kriegerische Anhänger, weil der Doppelmord eine nie wiederkehrende Gelegenheit zu geben scheint, alte Pläne unter dem Mantel gerechter Vergeltung zu verwirklichen.

Die Verwirklichung der " hohen Ideale": mit so erhabenen Worten beginnt ein Schriftstück, das im Dezember des Jahres 1909 verfaßt worden ist. Es handelt sich um ein geheimes Militärabkommen zwischen Rußland und Bulgarien, vorgeschlagen von dem russischen Außenminister Alexander Petrowitsch Iswolski. Die Fortsetzung des so feierlich begonnenen Satzes bringt eine herbe Überraschung. Der ganze Inhalt lautet nämlich: Die Verwirklichung der hohen Ideale der slawischen Völker auf der Balkanhalbinsel, die Rußlands Herzen nahestehen, ist nur möglich nach einem günstigen Ausgang des Kampfes Rußlands mit Deutschland und Österreich-Ungarn...."die hohen Ideale auf der Balkanhalbinsel" bestehen darin, der Türkei die Dardanellen wegzunehmen: Rußland will die Meerengen beherrschen und einen eisfreien Zugang zu den westlichen Gewässern haben. Wie alle russischen Politiker weiß auch Iswolski, daß dieses Ziel niemals mit der Zustimmung Deutschlands oder der Österreich-ungarischen Monarchie erreicht werden kann. Noch zu Beginn des Jahres 1914, lange vor dem Attentat in Sarajewo, nimmt der russische Ministerrat eine Denkschrift des Außenministeriums an, in der es heißt, daß die Meerengen "nur im Rahmen eines europäischen Krieges" erobert werden können. Zu diesem Zeitpunkt allerdings ist Iswolski nicht mehr der russische

Außenminister. Er hat erkannt, daß seine Amtsräume zu weit ab von den Nervenzentren der europäischen Politik liegen und ist deshalb als Botschafter seines

Landes nach Paris gegangen. In Paris kann Iswolski seine Ziele besser verfolgen, und als in Europa endlich scharf geschossen wird, ruft er triumphierend aus: das ist mein Krieg.

Die politischen Kreise in Paris sind friedliebend und für einen dauerhaften Ausgleich mit dem deutschen Nachbarn. Aber es gibt einen Mann, dessen Trachten nur auf Revanche gerichtet ist, einen Mann, der in seinen Erinnerungen geschrieben hat: "Ich konnte keinen Grund dafür ausmitteln, weshalb meine Generation weiterleben sollte - es wäre denn um der Hoffnung willen, unsere verlorenen Provinzen wiederzugewinnen." Dieser Mann ist Raimund Poincaré. Er und Iswolski finden und ergänzen sich in ihren Plänen. Ein Hindernis gibt es: Poincaré ist ein nicht sehr einflußreicher Politiker, obwohl er Ministerpräsident geworden ist. Er entschließt sich, für die Wahlen zum Staatspräsidenten zu kandidieren und damit ein Amt zu erlangen. in dem er nach der Verfassung sieben Jahre lang unbehelligt bleibt. Aber das ist nicht einfach. Wahlen kosten Geld, und sie kosten um so mehr, je weniger Aussichten der Kandidat bei den Wählern hat. Der damals einfachste Weg ist, die gegnerischen Zeitungen zu bestechen. Iswolski schickt alarmierende Telegramme nach Petersburg und bittet um Geld, das für die Redakteure einflußreicher Blätter, für verschiedene Politiker und Parlarnentarier bestimmt ist. Am 3.Januar 1913 telegraphiert er: Ich bin der Ansicht, daß es für uns sehr erwünscht wäre, der Kandidatur Poincarés diese Unterstützung zu gewähren." Die Unterstützung wird gewährt, und am 17. Januar 1913 wird Raimund Poincaré wider alle Erwartungen zum Präsidenten der französischen Republik gewählt. Wenige Stunden zuvor war das Wort gefallen: Wenn es Poincaré wird, gibt es Krieg! Gesprochen hatte es kein anderer als Georges Clemenceau, der sich später selbst als Politiker den Beinamen der Tiger erwerben wird. Um des europäischen Friedens willen hatte Clemenceau Poincaré gebeten, von der Kandidatur Abstand zu nehmen, vergebens. In einem Bericht nach Petersburg erläutert Iswolski noch einmal die Voraussetzungen seiner Politik, bittet um einen ständigen Meinungsaustausch und schließt mit den Worten: Nur unter dieser Bedingung kann die französische Regierung die öffentliche Meinung Frankreichs mit Erfolg auf die Notwendigkeit einer Teilnahme am Krieg vorbereiten. Geschrieben 1913.

Das Volk, das später mit seinem Blut bezahlen muß, das Volk, dessen Stimmung friedlich ist, muß also erst auf die Notwendigkeit einer Teilnahme am Krieg umgestellt werden. Um diese Stimmung zu erzielen, gesteht Iswolski in einem seiner zahlreichen Berichte, tue ich gleichzeitig mein möglichstes, die Presse zu beeinflussen. Durch eine Aufstellung, die der russische Finanzbevollmächtigte in Paris, Alexander Raffalowitsch, Ende 1913 machte, ist bekannt, daß allein im November über 400 000 Goldfranken zu diesem Zweck verteilt wurden. Diese Verteilung, schreibt Iswolski selbst, an der französische Minister sich beteiligen, hat bereits die nötige Wirkung gehabt. Im allgemeinen ist der Ton der französischen Presse nicht mehr mit dem von 1908 bis 1909 zu vergleichen.. Die Pläne Iswolskis

scheinen zu klappen. Aber Poincaré ist nicht geneigt, sich so ohne weiteres auf einen Krieg mit Deutschland einzulassen. Die Vorstellung, von den Teutonen abermals

überrannt zu werden wie 1870/71, ist ihm schrecklich, und so wendet sich sein Blick fragend nach Großbritannien. Wie wird sich London verhalten? Die Außenpolitik des britischen Weltreichs liegt zu dieser Zeit in den schmalgliedrigen Künstlerhänden von Sir Edward Grey, einem schwankenden, aber stets freundlichen und nach allen Seiten hin unverbindlichen Ästheten. Als er einmal wirklich verbindlich wird, am 22. November 1912, muß er es lange nachher noch bitter bereuen. An diesem Tage nämlich schreibt Sir Edward einen Brief an den französischen Botschafter in London, Paul Cambon. Nach der Anrede - Mein lieber Botschafter!" - folgt sofort der Satz: Im Lauf der letzten Jahre haben die Heeres- und Flottensachverständigen Frankreichs und Englands von Zeit zu Zeit miteinander Beratungen gepflogen selbstverständlich im geheimen. Sie waren für den Fall gedacht, daß die eine oder andere Regierung ernsten Grund hätte, einen unprovozierten Angriff seitens einer dritten Macht zu erwarten, und der Absprache gemeinsamer Maßnahmen gewidmet. Würden diese Maßnahmen eine Aktion erforderlich machen, so würden sofort die Pläne der Generalstäbe in Erwägung gezogen werden, und die Regierungen würden dann entscheiden, inwieweit ihnen Folge gegeben werden soll..

Winston Churchill, damals Erster Lord der Admiralität, gibt in seinen Erinnerungen zu, daß man von jener Zeit an die Unvermeidlichkeit eines Krieges mit Deutschland annahm und sowohl in materieller wie in psychologischer Beziehung für einen solchen ständige Vorbereitungen traf .Vielleicht hat Sir Edward selbst nicht gewußt, daß sein Brief nur eine diplomatisch-formelle Bindung war, während die Militärs längst weiter fortgeschritten sind. Richard Burdon Haldane, britischer Kriegsminister und Lordkanzler, hat erklärt, daß schon um Ende 1910 alle Pläne zu voller Durcharbeitung gediehen waren. Der russische Außenminister Sergej Dimitrijewitsch Sasonow, der im September 1912 London besucht hatte, kann in einem persönlichen Bericht an Zar Nikolaus schreiben: Da sich mir eine günstige Gelegenheit dazu bot, hielt ich es für angebracht, in einer meiner Besprechungen mit Grey mich darüber zu informieren, was wir von England im Falle eines Konflikts mit Deutschland erwarten könnten. Aus eigenem Antrieb bestätigte Grey mir dann, was ich bereits durch Poincaré wußte: Es besteht zwischen Frankreich und England eine Vereinbarung, nach der im Falle eines Krieges mit Deutschland England die Verpflichtung eingegangen ist, Frankreich nicht allein zu Wasser Hilfe zu bringen, sondern auch zu Lande durch eine Truppenlandung auf dem Kontinent. Der amerikanische Diplomat Edward Mandell House, der von Präsident Wilson nach Europa geschickt worden ist, um die Lage zu studieren, erkannte die Dinge schon lange vor diesem Zeitpunkt und bevor sie auf dem Höhepunkt angelangt sind. Nüchtern schreibt er nach Washington: Sobald England einverstanden ist, werden Frankreich und Rußland über Deutschland und Österreich herfallen. House schreibt diese Zeilen am 29. Mai 1914, genau einen Monat vor dem Attentat von Sarajewo.

Am 27. Juli kehrt Kaiser Wilhelm vorzeitig von einer Urlaubsreise zurück. Es riecht jetzt doch zu sehr nach Pulver. Er liest selbst die von den Serben gegebene Antwort auf die Vorhaltungen der Österreicher nach dem Attentat, und in diesem

Augenblick muß ihm blitzartig klargeworden sein, daß Europa im Begriff ist, wegen Haarspaltereien in den Abgrund zu marschieren. Damit entfällt jeder Kriegsgrund,

entscheidet Wilhelm, nachdem er zu Ende gelesen hat. Darauf hätte ich (an Franz Josephs Stelle) niemals Mobilmachung befohlen!" Tatsächlich geht aus dem Inhalt der serbischen Antwortnote hervor, daß Belgrad so gut wie alle Forderungen des österreichischen Ultimatums angenommen hat. Der entscheidende Punkt, das entscheidende Nein, ist in so viele ja eingewickelt, daß auch Wilhelm darüber hinwegliest: Nein sagt die serbische Regierung zu der Forderung, österreichische Beamte auf serbischen Boden an der Untersuchung der Hintergründe des Attentats von Sarajewo mitwirken zu lassen. Sie muß diesen Punkt ablehnen, weil die Untersuchung sonst sicher die Beteiligung der serbischen Regierung an der Untat oder wenigstens ihre Mitwisserschaft an den Tag gebracht hätte. Aus Paris kommt der Vorschlag, über die noch offenen Fragen zu verhandeln, aber Wilhelm schreibt in einem neuen Zwiespalt seiner Gefühle an den Rand der Note: Ultimata erfüllt man oder nicht, aber man diskutiert nicht darüber. Daher der Name.

Am 28. Juli liegt die Kriegserklärung auf dem Schreibtisch Kaiser Franz Josephs. Außenminister Berchtold weiß, daß der Herrscher gegen den Krieg ist, daß er mit der Unterschrift zögern wird. So ist es gut, gleichzeitig auf einen empörenden Zwischenfall hinweisen zu können und ihn in das Schriftstück einzubauen:

Serbische Soldaten haben auf einen österreichischen Donaudampfer geschossen! In der Kriegserklärung, die Franz Joseph nun unterschreibt, stehen damit zwei Gründe: die unbefriedigende Antwort auf das Ultimatum und der Feuerüberfall auf das österreichische Schiff. "Ich bin mir der Tragweite meiner Entschlüsse bewußt", sagt der Kaiser, „und habe dieselben im Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit gefaßt." Berchtold zieht sich mit der Unterschrift aus der Audienz zurück. In seinen Amtsräumen angekommen, erfährt er, daß die Geschichte mit dem beschossenen Donaudampfer eine Falschmeldung ist. Was tun? Er nimmt die Feder, streicht den betreffenden Satz aus der Kriegserklärung heraus und gibt das Schriftstück in der veränderten Form weiter, ohne noch einmal eine Rücksprache mit dem Kaiser zu halten. Erst später, als alles schon läuft, gesteht er Franz Joseph ganz nebenbei: Ich habe es in Anhoffung der nachträglichen Genehmigung Eurer Majestät auf mich genommen, diesen Satz zu eliminieren.

Kurt Klamroth:

Am 23. Juli hatte Österreich-Ungarn an Serbien ein Ultimatum gestellt, am 25. wurde berichtet, daß die Antwort ungenügend sei, und am 28. Juli erklärte die k.u.k. Regierung, daß sie selbst für die Wahrung Ihrer Rechte und Interessen Sorge tragen und zu diesem Ende an die Gewalt der Waffen appellieren müsse.

Da war er, der Krieg! Zunächst zwischen unserem Bundesgenossen und den Serben, dem Volke der

Königsmörder. Wird der Krieg um sich greifen, wird auch unser geliebtes Deutsches Vaterland hineingezogen werden in den Kampf? Diese Frage bewegte alle Gemüter und ein

jeder traf seine Vorbereitungen für alle Fälle. Ich ging zum Notar und ließ Vollmachten ausstellen, ich traf im Geschäft Anordnungen für meine Abwesenheit und ließ

meine Pferde, "Nelly" und "Lord" nach Berlin verladen. Den "Lord" hatte ich für den Fall des Krieges von meinem Schwager Heinrich Schultz gekauft, die "Nelly" hatte ich schon länger besessen. Inmitten aller Vorbereitungen griff man hastig nach den Extrablättern. Das Reutersche Büro meldete die teilweise Mobilisierung Rußlands. Aus Frankreich kam am 29. Juli die Nachricht, daß zweihundertachtzigtausend Mann an der Ostgrenze konzentriert würden. Und bei uns blieb noch alles still. Erst später erfuhr man durch die Veröffentlichung des Depeschenwechsels zwischen den Monarchen, wie ernst und eifrig, von heiliger Friedensliebe beseelt, sich unser Kaiser in diesen Tagen bemüht hat, Europa vor den Schrecken dieses Krieges zu bewahren. Aber alles war vergeblich, da man jenseits der Grenzen den Krieg

wollte .-

Am 31. Juli 1914 wurde ein Ultimatum an Rußland gerichtet und gleichzeitig eine Anfrage an Frankreich. Das Extrablatt lautete:"Berlin, 31.Juli: Nachdem die auf einen Wunsch des Zaren selbst unternommene Vermittlungsarbeit von der russischen Regierung durch allgemeine Mobilmachung der russischen Armee und Marine gestört worden ist, hat die Regierung seiner Majestät des Kaisers heute in St.Petersburg wissen lassen, daß die deutsche Mobilmachung in Aussicht steht, falls Rußland nicht binnen 12 Stunden seine Kriegvorbereitungen einstellt und hierüber eine bestimmte Erklärung abgibt. Gleichzeitig ist an die französische Regierung eine Anfrage über ihre Haltung im Falle eines Deutsch-Russischen Krieges gerichtet worden."

Am gleichen Tage wurde der "Zustand der drohenden Kriegsgefahr" proklamiert: "Berlin, 31. Juli. Aus Petersburg ist heute die Nachricht des Deutschen Botschafters eingetroffen, daß die allgemeine Mobilmachung der russischen Armee und Flotte befohlen worden ist. Darauf hat der Kaiser den Zustand der drohenden Kriegsgefahr befohlen. Der Kaiser wird heute nach Berlin übersiedeln." Nun wußte jeder, wie ernst es stand, und die Hoffnung auf Erhalt des Friedens war kaum noch vorhanden. Als ich am nächsten Tage aus dem Geschäft auf der Woort nach Hause ging, da kamen mir schon aufgeregte Leute auf der Schuh-Straße entgegengelaufen. "Krieg"! " Mobil "! riefen sie, und als ich über den Fischmarkt ging, da waren eben die roten Zettel angeklebt, die die Mobilmachung aussprachen und den 1.

August als ersten Mobilmachungstag bekanntgaben. Nun war die schier unerträglich gewordene Spannung der letzten Tage gelöst. Wir wußten, Deutschlands in langer Friedensarbeit geschliffenes Schwert fliegt aus der Scheide zum Schutz und Abwehr gegen die Feinde, die uns frevelhaft angriffen. Die Gewißheit gab uns die Ruhe wieder und wir hatten noch einen friedlichen Abend auf der Terrasse unseres Hauses, wobei uns auch die Anwesenheit unserer kleinen englischen Freundin, Gladys Kidson, die zufällig gerade in dieser Zeit bei uns war, nicht störte. Mit angstvollen Augen hatte sie die Entwicklung der Ereignisse verfolgt und oft die bange Frage an mich gerichtet: " What will England do "? Ja, wenn Du, kleine Gladys, damals hättest hinter die politischen Kulissen gucken können und das Treiben Sir Grey`s und seiner Genossen gewahr geworden wärst, Deine Augen wären voll Entsetzen gewesen!--

Umrüstung über Nacht

Im letzten Schnellzug, der vor der Mobilmachungssperre noch von München nach Berlin rollt, sitzt der Reichstagsabgeordnete Conrad Haußmann. Er reist zu der eilig anberaumten Kriegssitzung des Hohen Hauses, und es ist eine gespenstische Fahrt, über die er in seinem Tagebuch schreibt: „Bei Osterburken längerer Halt. Eine Stunde lang fahren Militärfahrzeuge durch, mit bayerischen Truppen, munter und durstig. Geistige Getränke sind untersagt; ich bringe ihnen literweise Sauerwasser. Die ganze Nacht passieren Militärzüge. Die Maschinengewehre auf den offenen Wagen heben sich in der Nacht ab. Pferde, Kanonen, Train. Wir sind in der Mobilmachung und im Krieg. Am Anhalter Bahnhof in Berlin türmen sich häuserhohe Mauern von Koffern. Kein Auto, keine Droschke."

Kurt Klamroth:

Am Sonntag, den 1. August ging ich mit meiner Frau und allen Kindern nochmal in unsere liebe alte Lieb-Frauen-Kirche. Wie friedlich lag sie da im Schatten der alten Domplatzlinden!

Mittags waren die Geschwister aus Gröningen bei uns;

ich war schon in der feldgrauen Uniform. Gleich nach dem Essen fuhr das Auto des Herrn Thiemann vor, das mich nach Berlin, meinem Mobilmachungsort bringen sollte und mit drei Hurrahs auf Kaiser und Vaterland fuhr ich zum Tor hinaus.

Lebt wohl, liebes Haus am Bismarckplatz, leb`wohl Frau, die mir so tapfer ins Auge sah und mir den Abschied so

leicht gemacht hat, lebt`wohl, Kinder, und werdet echte Deutsche in dieser großen Zeit! -

War das eine Fahrt! Überall, in allen Städten und Dörfern herrschte die gleiche Begeisterung, Überall winkten uns die Leute zu.

Nach überaus schneller Fahrt kam ich in Berlin an und ging sofort zur Kaserne der Garde-Train-Abteilung. Hier traf ich zu meiner Freude schon den alten Kutscher Schultze mit meinen beiden Pferden "Nelly" und "Lord", die Fahrt nach Berlin gut überstanden hatten.

Der württembergische Oberstleutnant Groener (dem Kurt Klamroth später begegnen wird), der die Transportpläne für die Mobilmachung ausgearbeitet hatte, hat ganze Arbeit geleistet. In den ersten paar Tagen läßt er rund achtzehntausend Militärzüge über das deutsche Schienennetz rollen. Über drei Millionen Mann, achthundertsechzigtausend Pferde und eine halbe Million Tonnen Kriegsmaterial werden in unendlich vielen Waggons befördert. Ein anderes Organisationswunder ist die Bekleidung der Truppen. Gestern noch trugen die Soldaten der verschiedenen deutschen Länder und der einzelnen Waffengattungen unterschiedliche Uniformen, in den Farben der alten Tradition, die vom leuchtenden Blau bis zum knalligen Rot reichen. Die Bevölkerung staunt über das einheitliche feldgrau, und im Ausland hat man wieder einen Grund mehr, auf Deutschland zu deuten und zu sagen: Das kann nur von langer Hand geplant gewesen sein. Die Franzosen nämlich kämpfen noch in ihrer althergebrachten Ausrüstung, und der bayerische Generaloberst Kronprinz Rupprecht vermerkt nach den ersten Gefechten in seinem Kriegstagebuch: Auf dem Gerichtsberg liegen reihenweise niedergemähte französische Tote, weithin erkennbar an dem Rot ihrer Hosen, einem Mohnfelde vergleichbar.

Acht deutsche Armeen sind bei Kriegsbeginn kampfbereit. Die kaiserliche Flotte zieht drei Linienschiffgeschwader, ein Aufklärungsgeschwader und sieben Torpedobootflottillen in den Häfen der Deutschen Bucht zusammen. Außerdem gibt es fünfzehn kampfbereite Unterseeboote. In der Luft ist das Deutsche Reich mit sechs Zeppelinen, einem lenkbaren Parsevalballon und vier Verkehrsluftschiffen namens Schütte-Lanz, Hansa, Viktoria-Luise und Sachsen vertreten. Die Fliegertruppe, die zum Heer gerechnet wird, verfügt über 226 Flugzeuge und einundzwanzig sogenannte Drachenballone, davon fünfzehn im Westen, sechs im Osten. Das ist die schimmernde Wehr, von der Kaiser Wilhelm jetzt immer spricht. Nicht weniger schimmernd ist der deutsche Kriegsschatz. Er beträgt 120 Millionen Goldmark und besteht ausschließlich aus goldenen Zehn- und Zwanzigmarkstücken. Die Münzen sind in 1200 Stahlkisten verpackt und im Juliusturm der Spandauer Zitadelle aufbewahrt: hinter vier eisernen Türen und zweieinhalb Meter dicken Mauern, Tag und Nacht unter den Augen einer starken militärischen Bewachung. Außer dem Goldschatz besitzt das Deutsche Reich 180 Millionen Mark Bargeld, die Reichsbank hat 1700 Millionen Mark Aber schon für die ersten Mobilmachungstage müssen 740 Millionen Mark ausgegeben werden.

In der ersten Begeisterung hat Wilhelm II. die Worte geprägt: Noch ehe die Blätter fallen, werden unsere siegreichen Soldaten wieder daheim bei ihren Familien sein! Erst später, als der Herbstwind die Blätter schon verweht hat, wird daraus das berühmte "Weihnachten seid ihr wieder zu Hause!" Danach wagte niemand mehr eine Prophezeiung.

Vorläufig sieht alles noch rosig aus. Der deutsche Generalstabschef Moltke gibt seine erste Aufmarschanweisung heraus. Er hält sich streng an den Schlieffenplan und befiehlt: Die Hauptkräfte des deutschen Heeres sollen durch Belgien und Luxemburg nach Frankreich vorgehen. Luxemburg ist bereits über Nacht und ohne Warnung besetzt worden. jetzt soll Belgien an die Reihe kommen.

Im Taumel der Begeisterung schweigt die Vernunft

Nationaler Eifer schwemmt alle klaren Gedanken fort. Männer, deren Namen einmal hohen Klang hatten, gebärden sich in diesen Stunden wie Schüler beim Indianerspiel. Der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger zum Beispiel, der im Jahre 1918 als deutscher Waffenstillstandsbevollmächtigter auftreten wird, erklärt den Reichstagsmitgliedern an einer aufgehängten Landkarte in der Wandelhalle: Es wird alles sehr gut gehen. Die Serben sind bis zum nächsten Montag aufgewickelt. Unsere Haubitzen sind den französischen weit überlegen, und das Gammageschütz, mit dem wir jetzt herauskommen, sichert uns einen ungeheuren Vorsprung. So berichtet es der Abgeordnete Haußmann in seinen Erinnerungen.

Alles hat sich schlagartig geändert. Mit Erzbergers Gammageschütz ist zum erstenmal die Legende von einer Wunderwaffe aufgetaucht, und es ist nicht mehr verwunderlich, wenn Erzberger wenige Tage später in einem Zeitungsartikel schreibt: Deutschland wird den Krieg zu Ende führen, bis zum vollen Erfolg, und die kriegerische Auseinandersetzung mit England wird sich gründlich und rücksichtslos vollziehen müssen, auch frei von allen Vorschriften des sogenannten Völkerrechts. Auch der oppositionelle Sozialdemokrat Philipp Scheidemann, der 1918 den Sturz der Monarchie und die Gründung der Republik ausrufen wird, schreibt jetzt Artikel, die so gut sind, daß sie später als Propagandamaterial von deutschen U-Booten nach Amerika gebracht werden und der Kaiser sich noch einen Monat vor seiner Abdankung veranlaßt sieht, folgende Verfügung zu erlassen: Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden, Deutscher Kaiser, König von Preußen usw., tun kund und fügen hiermit zu wissen, daß Wir im Namen des Reichs allergnädigst geruht haben, den Vizepräsidenten des Reichstags, Philipp Scheidemann, zum Staatssekretär zu ernennen. Selbst ein Versöhnungspolitiker wie der spätere Außenminister Gustav Stresemann läßt sich von der Sturmwoge mitreißen und schreibt: Aber eins soll und darf man dem deutschen Volke nicht zumuten: eine Versöhnung mit England. Hier sitzt der Haß so tief, weil er entstanden ist aus Widerwillen gegen ein Volk, das mit frechem Zynismus auf den Tag hofft, an dem bengalische Lanzenreiter ...in den Parks von Potsdam sich tummeln werden. Es gibt noch grellere, gellendere Töne. Die Stimmen überschlagen sich. Demgegenüber klingt durchaus gemäßigt, was der berühmte Theaterkritiker Alfred Kerr in diesen Tagen dichtet:

Kurt Klamroth:

Meine Mobilmachungsbestimmumg lautete für den zweiten Mobilmachungstag. So meldete ich mich am 3. August morgens bei dem Kommandeur der Abteilung, Major Pasche, und wurde mit der Führung der Etappen-Train-Escadron No 1, betraut, die jetzt zusammengestellt werden sollte. Natürlich hätte ich lieber den Feldzug mit meinem alten Regiment, den Halberstädter Kürassieren, mitgemacht, aber eigene Wünsche müssen schweigen.

Montag, 3. August 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts:

Um 18 Uhr erklärt die deutsche Regierung Frankreich den Krieg. Zuvor hatte die belgische Regierung die vom Deutschen Reich geforderte Erlaubnis zum Truppendurchmarsch unter Hinweis auf seine Neutralität abgelehnt.

In einer offiziellen Erklärung gibt die italienische Regierung in Rom ihre Neutralität im Kriegsfall bekannt. Sie wirft ihren Bündnispartnern Deutsches Reich und Österreich-Ungarn ein "abgekartetes Spiel" vor

Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion beschließt in Berlin, den von der deutschen Regierung geforderten Kriegskrediten in Höhe von fünf Milliarden Mark auf der Reichstagssitzung am 4. August zuzustimmen. Eine Minderheit der Abgeordneten um Karl Liebknecht spricht sich allerdings gegen eine Unterstützung der deutschen Kriegspolitik aus

Auf einer Vorstandskonferenz in Berlin vereinbaren die deutschen Gewerkschaften eine Unterstützung der Reichsregierung u. a. bei derbevorstehenden Mobilmachung und bei einem eventuellen kriegsbedingten Lohnstopp.

Kurt Klamroth:

Meine Escadron wurde in Marienfelde bei Berlin mobil gemacht. Als Offiziere wurden mir zugeteilt Leutnant Fritz Schuell, ein Fabrikant aus Düren, und Leutnant

Hans-Georg Oppermann, Gerichtsassessor aus Berlin. Ferner hatte ich bei meiner Schwadron den Unterveterinär

Dr.Bormann, der im Zivilen Schlachthofsdirektor in Teterow war, und den Feldzahlmeister Fingas. Als Wachtmeister ist mir der bisherige Futtermeister der dritten Schwadron Kruse zugeteilt. Er, der Feldzahlmeister und ein Gefreiter namens Kemna sind die drei einzigen "Aktiven" bei meiner Escadron, die sonst nur aus Reserve- und Landwehrleuten zusammengestellt wurde. Es wurden in Marienfelde 6 Etappen-Train-Escadrons aufgestellt. Jede bekam drei Offiziere, einen Veterinär, einen Zahlmeister und 102 Mann, darunter 22 als berittenes Aufsichtspersonal. Einschließlich der Offizierspferde erhielt jede Schwadron 27 Reitpferde in Berlin. Die Fahrzeuge und die Zugpferde erhielten diese Etappen- Train-Escadrons erst im Aufmarschgebiet. Als Waffen bekam jede Schwadron 102 Kavallerie - Karabiner. Das deutsche Ultimatum an Belgien war vergebens gewesen. Es mußte in der Not der Abwehr die Grenze überschritten werden. Der Reichskanzler hatte freimütig den durch das Betreten belgischen Bodens begangenen Verstoß gegen das Völkerrecht anerkannt und den Willen des deutschen Reiches erklärt, die Folgen wieder gut zu machen, und prompt benutzte England die schöne Gelegenheit, einen edel erscheinenden Kriegsgrund zu haben und ließ durch seinen Botschafter noch am 4. August abends den Krieg gegen Deutschland erklären. Arme Gladys Kidson! Da ist die Antwort auf Deine bange Frage:"What will England do?" Meine Frau schrieb mir am 5. August: "Hier schlug heute die Nachricht von Englands Kriegserklärung gewaltig ein! Gladys ist sehr verständig, aber zum Umpusten blaß." Sie selbst schrieb auf einen Brief der Kinder: "I am so sorry England has joined- but we can be friends still." Nun wird ihre Gegenwart in Halberstadt doch stören, aber an eine Heimreise ist zunächst nicht zu denken. Die Freundschaft wird aber wohl harte Proben bestehen müssen, denn die Kinder werden wohl schwerlich das Schimpfen auf England unterlassen..

Durch Belgien hindurch.

Am 21. August traf morgens um 10 Uhr der Befehl ein. Wir sollten von Malmedy über Spa, Pepinster nach Fraipont marschieren, dort Ortsunterkunft beziehen und am nächsten Tage weiter über Lüttich nach Bergilers.

Freitag 21. August 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts:

Der deutsche Industrielle August Thyssen setzt sich in einer dem deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg zugeleiteten Denkschrift für eine Annexion des französischen Erzbeckens Longwy-Briey ein. Thyssen wünscht eine Verbreiterung der deutschen Rohstoffbasis, um die Importabhängigkeit der deutschen Schwerindustrie zu verringern.

Dicht hinter der Grenze liegt das früher so saubere Francorchamps, das durch seine netten Landhäuser auffiel. Jetzt war es ein Trümmerhaufen. Immer wieder ist in wahnwitziger Verblendung aus den Häusern auf die durchziehenden Truppen geschossen worden. Auch von gebildeten Leuten, wie z.B. einem Rechtanwalt. Da hat man mit unerbittlicher Strenge gegen den Ort einschreiten müssen; alle Häuser sind niedergebrannt! Nur das Bahnhofsgebäude, auf dem die Genfer Flagge wehte, stand noch und daneben ein kleines Haus, in dem die deutsche Bahnhofswache einquartiert ist.Meine Leute machten ernste Gesichter, als ihnen hier bei dem Marsch durch die Trümmer des einst blühenden Ortes die schwere Seite des Krieges zum ersten Male so handgreiflich vor Augen trat. Gegen halb neun Uhr erreichten wir in der Abenddämmerung unser heutiges Marschziel Fraipont. Wir besprachen die Eindrücke des ersten Marsches in Feindesland und gaben einander die Adressen unserer Lieben für alle Fälle. Es herrschte eine ernste, aber keineswegs ängstliche Stimmung, voll Erwartung dessen, was uns der Krieg persönlich bringen würde, aber auch voll Hoffnung und Siegeszuversicht. Dann ging es weiter auf Lüttich zu. Wir kreuzen mehrfach die Bahn, die von unseren Landsturmleuten sehr scharf bewacht wird. Wir bestaunen die steilen Höhen, auf denen die Forts liegen. Wir bewundern die Kühnheit unserer Truppen, die hier so ungestüm vordrangen und sich so schnell in den Besitz von Lüttich setzten.

Lüttich gilt als die stärkste Festung der Welt. Sie bewacht das Maastal, das Einfallstor nach Belgien auf der direkten Linie Berlin-Paris. Zwölf Panzerforts aus meterdicken Betonwällen sind zu beiden Seiten des Flusses der Stadt vorgelagert. In der Stadt selbst erhebt sich die uneinnehmbare Zitadelle. Am 3. August 1914 treffen im Hotel Union in Aachen zufällig zwei deutsche Generale zusammen: General der Infanterie Otto von Emmich und der damals noch gar nicht bekannte Generalmajor Erich Ludendorff. Emmich hat den Befehl, mit schnell zusammengezogenen gemischten Infanteriebrigaden Lüttich in einem Überraschungsangriff zu nehmen und damit den Weg nach Belgien frei zu machen. Emmich hat mit den Vorbereitungen alle Hände voll zu tun. Generalmajor Ludendorff dagegen

langweilt sich schrecklich. In der Tasche trägt er seine Mobilmachungsbestimmung,

die ihn zum Quartiermeister bei der 2. Armee ernennt, aber sein späterer Vorgesetzter, General von Bülow, ist noch nicht in Aachen eingetroffen. So sitzt Ludendorff untätig herum, und aus lauter Verzweiflung bittet er endlich General Emmich, sich dem Vorstoß auf Lüttich als Schlachtenbummler anschließen zu dürfen. Am Morgen des 4. August bricht Emmich mit seinen Truppen auf. Zum erstenmal marschieren die Soldaten nun gegen den Feind. Sie haben noch keine Kugel pfeifen, noch keine Granate krachen hören, noch keinen Kameraden fallen sehen. Die Lieder sind verstummt. Schweigend, schwitzend und ohne jeden Sturmschritt schieben sich die Kolonnen auf belgischem Boden vor. In der Ferne grollt die Artillerie, legt ihr Feuer vierundzwanzig Stunden lang auf die Forts von Lüttich. Es geht sehr langsam vorwärts, sehr langsam. General Emmich, der am Ende der Truppen reitet, schaut unwillig auf seine Taschenuhr. Was ist denn da vorne los? jetzt hört die Vorwärtsbewegung ganz auf, die Marschkolonne bleibt stehen. Eine halbe Stunde vergeht. Generalmajor Ludendorff erbietet sich, mal nach vorne zu gehen und nachzusehen. Dort muß er feststellen, daß sich kein Grund für das Anhalten feststellen läßt - mit Ausnahme einer sehr geringen Begeisterung für den nahen Heldentod. Er schleudert ein paar derbe Worte um sich und bringt die Kolonne wieder in Marsch. Er bleibt selbst an der Spitze, und trotzdem geht alles so zäh, daß er später in seinen Erinnerungen schreibt: " lch mußte oft die Mannschaften, die nur zögernd vorgingen, ermahnen, mich nicht allein gehen zu lassen. " Am nächsten Tag sehen die Truppen Lüttich zu ihren Füßen im Tal liegen. General Emmich rückt an der Spitze eines verstärkten Truppenkontingents in die Stadt ein, aber die Forts ergeben sich nicht und feuern weiter. Wieder greift ein grotesk anmutender Zufall in die Geschehnisse ein. Während des Angriffs auf die Stadt hat ein Oberst von Oven den Befehl erhalten mit einer Vorhut die Zitadelle zu erstürmen und zu besetzen. Oven zieht los, verirrt sich aber mit seinem Trupp in Lüttich und kommt nie bei der Festung an. Inzwischen denkt Schlachtenbummler Ludendorff, es wäre wohl interessant, die durch den wackeren Oven eroberte Zitadelle einmal in Augenschein zu nehmen. Er besteigt einen requirierten belgischen Kraftwagen und läßt sich zusammen mit dem Adjutanten der Brigade Emmich zur Festung fahren. In der Meinung, daß hinter den Toren und Mauern längst Ovens Männer weilen, steigt Ludendorff aus und geht auf das mittelalterliche Tor der Festung zu. Mit seinem Degenknauf klopft er an das Holz. Höflich wird das Tor geöffnet, aber heraus schauen die Gesichter einiger verdutzter belgischer Soldaten. Ludendorff erschrickt, doch noch ehe er zurückweichen oder vorstürmen kann, heben die Belgier die Hände und ergeben sich dem deutschen General. Dreihundert Soldaten und Offiziere strecken die Waffen vor dem Irrläufer, dem der Kaiser dafür am 19. August den Pour le mérite um den Hals legt.

Kurt Klamroth:

Bei Chaudfontaine meldet mir der wachhabende Oberleutnant der Bahnwache, daß weiter oberhalb der Straße vor einer halben Stunde eine seiner Patrouillen beschossen sei. Ich möchte vorsichtig sein beim Weitermarschieren. Was heißt da, vorsichtig sein? Ich muß eben weiter in dem engen Tal mit seinen Wäldern an den steilen Hängen, die den

hinterlistigen Schützen für ihr feiges Treiben so gute Deckung bieten. Immer langsam Schritt für Schritt weiter mit der Kolonne! In Lüttich fragte ich nach Nachrichten. Ich hörte, daß Italien noch immer Gewehr bei Fuß stehe, daß aber der italienische Geschäftsträger in Berlin am 16. August erklärt habe, alle Nachrichten, daß Italien gegenüber Deutschland und Österreich eine wenig freundlichen Haltung einnehme, seien unbegründet. Das wäre ja auch noch schöner! Ich hörte ferner, daß Japan ein ULtimatum an Deutschland gestellt habe, daß die deutschen Kriegsschiffe aus den östlichen Gewässern zurückgezogen werden sollten und daß Kiautschau bedingungslos an Japan übergeben werden sollte! O, Du perfides Albion! Da hast Du auch den gelben Japs aufgehetzt gegen uns, es ist eine Schande!

...Wenn Du Dich nur nicht irrst, Sir Gray. Es ist eine schöne Sache, andere gegen uns zu hetzen und durch sie die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen, aber Du solltest es noch am eigenen Leibe zu spüren bekommen, wie der Deutsche Dir dankt!

Wir ließen Lüttich hinter uns und kamen auf die große Landstraße nach St. Trat. Bald sahen wir eine Dorfkirche, deren Turm eine Granate getroffen hatte, und etwas später das Fort Loucin auf der rechten Seite der Straße. Staunend betrachten wir die Wirkung unserer schweren Artillerie. Auf den Trümmern des Forts wehte stolz die schwarz-weiß-rote Fahne. Überall traten uns nun deutlich die Spuren des Kampfes entgegen. Gegen 7 Uhr abends erreichten wir das kleine Dörfchen Bergilers. Der Quartiermacher meldete, daß die Dorfbewohner friedlich zu sein schienen. Trotzdem gebrauchte ich die Vorsicht, durch den Maire bekannt geben zu lassen, daß jede feindliche Handlung durch Einäscherung des Ortes geahndet werden würde. Um 3 Uhr nachts kam ein Motorradfahrer und brachte den Befehl: "Magazin-Fuhrpark-Kolonne 1 (Klamroth) ladet am 23.8.früh am Bahnhof Waremme Hafer und marschiert über Hannut-Ambresin-Gran Rosiere nach Et.Mag.Pervez, entladet dort und quartiert in Aische-en-Refail."

Am Bahnhof Waremme war reges Leben. Kraftwagenkolonnen luden Verpflegung und Munition. Die Führer der Kraftwagenkolonnen kommen viel zu den Stäben und wissen meist Neues von der Kriegslage zu erzählen. Ich erfuhr Gutes, soviel Gutes, daß es kaum glaublich war. Unsere Truppen sind am 21. August in Brüssel eingerückt! Bei Metz hat der Kronprinz Rupprecht von Bayern einen großen Sieg über die Franzosen errungen, Tausende von Gefangenen

sind gemacht! Die Österreicher haben die Russen bei Kielce geschlagen!

Durch bergiges Gelände ging es dann weiter mit der Kolonne. Es war Sonntag und von den Kirchtürmen grüßte uns Glockenklang. Uns schien es Siegesgeläut! Und als wir bei einem Dorfe eine kurze Marschrast zum Tränken der Pferde machten, kamen einige Leute zu mir mit der Bitte, gemeinsam einen Choral zu singen. Ich ließ die Leute antreten und in die belgischen Kirchenglocken mischte sich unser Gesang: "Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen!"

In Pervez war kein Magazin, da die Bahnverbindung unterbrochen war. Mit der Etappen-Inspektion in Lüttich erreichte ich telephonische Verbindung. "Es wird Befehl erteilt werden, entweder telephonisch (Station ist ununterbrochen besetzt zu halten) oder persönlich durch Kraftwagen. Am 24. August kam um 9 Uhr vormittags mit einem Kraftwagen der Kommandeur der Etappen-Trains, Major Fiedler, persönlich nach Pervez und rief die Kolonnenführer zusammen.

Montag, 24. August 1914, Chronik des 20.Jahrhunderts

Trotz einzelner Siege gegen alliierte Truppen an der Westfront zwischen dem 22. und 24. August bei Dinant, Neufchâteau und Longwy sowie an der Sambre gelingt den deutschen Streitkräften kein entscheidender Durchbruch. Der Übergang an der Sambre wird nur unter schweren, verlustreichen Kämpfen, die erwartete Umfassung des Gegners gar nicht erreicht. Damit droht die gesamte Westoffensive zu scheitern.

Kurt Klamroth:

Dem Rittmeister Jungnickel und mir erteilte er den Befehl, mit den Kolonnen nach Gembloux zur Neufüllung aus einem dort eintreffenden Verpflegungszuge zu marschieren. Beide Kolonnen sollten dann nach Nivelles weitermarschieren, dort unter allen Umständen bis 7 Uhr abends eintreffen. Es war aber fast halb 7 Uhr geworden, als ich Gembloux endlich verlassen konnte, also nicht daran zu denken, daß wir Nivelles noch am gleichen Tag erreichen konnten. Wir marschierten noch bis Sombreffe, hielten dort eine kurze Biwakrast und erreichten dann am 25. August um 8 Uhr morgens den Ort Nivelles. Dort hieß es, daß die Truppen bereits gestern weiter nach Osten abmarschiert seien. Die Zeit, in der wir auf weitere Befehle warteten, benutzten wir, um für die marschunfähig

gewordenen Pferde Ersatz zu requirieren. Wir fanden recht gute Pferde. Nivelles ist eine Arbeiterstadt und die Bevölkerung machte einen recht wenig vertrauenerweckenden Eindruck. Als ich gegen Abend noch einmal in die Stadt gehe, traf ich ziemliche Erregung. Rittmeister Jungnickel und Oberleutnant Fricke hatten erregte Auseinandersetzungen mit dem stellvertretenden Bürgermeister. Beide Herren beherrschen das Französische noch weniger als ich und das trägt nicht zur Förderung der Verständigung bei. Gut, daß gerade mein Leutnant Schüll kommt, der sehr elegant französisch spricht. Ein Arbeiter hat einem Soldaten einen Revolver fortgenommen. Beide waren angetrunken. Da muß scharf eingeschritten werden. Der Vizebürgermeister muß ausklingeln lassen, daß die Waffen der Bevölkerung sofort abzuliefern sind, daß der Ausschank von Alkohol untersagt ist und daß fünf Bürgen für die Sicherheit der Truppen festgesetzt werden. Unter diesen ist auch der zitternde Vizebürgermeister, der sich bei dem richtigen Bürgermeister bedanken kann. Dieser ist bei dem Herannahen der Deutschen "parti" -abgereist!

Um 3 Uhr nachmittags kommen wir durch die große Industriestadt Chaleroi mit ihrer unheimlichen Arbeiterbevölkerung. Überall treten uns die Spuren des Straßenkampfes entgegen. Gefangene begegnen uns, von wenigen Infanteristen mit aufgepflanzten Seitengewehr begleitet. Wie die Einwohner den Zug ansehen!

Wir kommen durch mehrere Dörfer, in denen sich kein Einwohner zeigt, alles tot und leer! Dämmerung im Walde. Da lichtet sich der Wald. Blutigrot wird der Himmel, Gozte liegt vor uns mit brennenden Häusern und weiterhin sehen wir an fünf oder sechs Stellen die rote Lohe emporschlagen, den Franzosen ein Zeichen von nahendem Tod und Verderben! Deutlich hörten wir jetzt zwischen dem Grollen der Artillerie die hellen Töne des Infanteriefeuers und das Tacken der Maschinengewehre. Bei Tageslicht sah Gozte noch schauervoller aus. Sanitätstruppen suchten die Umgegend nach Verwundeten ab. Die gefangenen Franzosen gruben Gräber für die Gefallenen unter Aufsicht der Landwehrleute. Am 28. August brachte uns unser Befehlsempfänger die Nachricht nach Rance, ein sauberes kleines Provinzstädtchen, daß die Etappen-Inspektion der 2. Armee von Gembloux nach Beaumont vorgezogen sei. Unserem Marschbefehl war eine kurze Angabe über die Gesamtlage vorangestellt:"Bei Namur sämtliche Forts gefallen. Der Feind geht vor 1. und 2. Armee fluchtartig zurück. Die 2. Armee setzt Verfolgung über die Linie Landrecies-Clairfontaine fort.

E.F.K.1 (Fricke) und M.F.K.1 und 15 (Klamroth und Jungnickel) marschieren nach Chimay."

Freitag, 28. August 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

Auf seiner ersten Kriegstagung fordert der Geschäftsführende Ausschuß des alldeutschen Verbandes in Berlin eine expansionsorientierte deutsche

Kriegszielpolitik. Der politisch einflußreiche Verband verlangt unter anderem weitgehende Annexionen im Westen, zusätzliches Siedlungsland im Osten sowie die Bildung eines großen Kolonialreiches in Mittelafrika. Das Kriegszielprogramm des alldeutschen Verbandes repräsentiert die Interessen von Schwerindustrie und Landwirtschaft.

Kurt Klamroth:

Nun wunderten wir uns nicht mehr, daß wir unsere braven Truppen immer schon abgerückt fanden, wenn wir unser Marschziel erreichten. Wie gut, daß außer unseren mit Pferden bespannten Kolonnen noch die schnellen Kraftwagenkolonnen den Tapferen Verpflegung und Munition nachschafften!- Zwischen Grandieu und Hestrud erreichten wir die französisch- belgische Grenze.

Unser Vormarsch in Frankreich bis zur Marne

Dicht vor der Grenze machten wir einen kurzen Halt und ich sprach ein paar Worte zu den Leuten. Dann ging`s mit Hurrah hinein nach Frankreich. Dabei trat mir ein rührender Zug eines unserer Landwehrmänner entgegen. Ich ritt an der Kolonne entlang, um die Leute zu kontrollieren. Ein Fahrer hatte ein kleines Büchlein in der Hand und las darin. Schon wollte ich ihn wegen dieser Ungehörigkeit zur Rede stellen:"Zeigen Sie mal das Buch her Regenbrecht! Wie kommen Sie dazu, auf dem Marsche zu lesen, anstatt auf die Pferde zu achten?" Er reichte mir das Buch. Es war ein katholisches Gebetbuch. "Herr Rittmeister ", sagte er, „ich wollte beim Überschreiten der Grenze ein kurzes Gebet verrichten für unseren allergnädigsten Landesvater." -

Am Abend erreichten wir unser heutiges Marschziel Le Nouvion. Auch hier waren überall starke Spuren des Straßenkampfes zu sehen. In einer Straße hatten unsere Truppen nur durch Artilleriebeschießung eine Straßensperrung nehmen können. Fast alle Einwohner waren geflohen. Meine Pferde Nelly und Lord bezogen eine leere Stube in einem an der Straße gelegenen Häuschen, sie

teilten sich darin mit meinen beiden Burschen Schmidt und Eckert. Es sah drollig aus, wenn die Pferde ihre Köpfe aus den Fenstern heraussteckten. Ich selbst kam mit

meinen Offizieren und dem Zahlmeister in dem Hause eines alten Forstbeamten unter. Er war mit seiner Haushälterin trotz der bösen Tage nicht fortgegangen, wie die meisten Einwohner. Wir ließen wieder sämtliche Waffen und Munition zusammenbringen und setzten Geiseln fest. Große Freude erregte das Etappenauto, als es am 31. August den Befehl brachte. Die Nachrichten vom Feinde lauteten: "Ein großer Sieg ist von der 2. Armee östlich und südwestlich Guise errungen worden; der Feind geht auf der ganzen Linie zurück. Armee folgt in südlicher Richtung." So hat Gott unseren Waffen gestern wieder Sieg verliehen! Voll Dank gegen ihn im Herzen traten wir mittags den Marsch nach der Gegend von Trélon an.

Montag, 31. August 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

In der am 26. August begonnenen sog. Schlacht von Tannenberg (westliches Masuren) besiegt die 8. deutsche Armee unter Generaloberst Paul von Beneckendorff und von Hindenburg die 2. russische Armee unter General Alexandr W. Samsonow. Die Schlacht wird von der deutschen Kriegspropaganda zur Glorifizierung Hindenburgs ausgenutzt.

Nachdem bereits die 3. und 4. deutsche Armee unter Generaloberst Max Freiherr von Hausen bzw. Generalfeldmarschall Herzog Albrecht von Württemberg die Maas überschritten haben, erreicht auch die 5. Armee unter dem Oberbefehl des deutschen Kronprinzen Wilhelm von Preußen nach verlustreichen Kämpfen das westliche Maasufer. Die französischen Truppen ziehen sich ohne große Verluste zurück.

Der 1913 verstorbene Generalstabs-Chef Graf Alfred von Schlieffen hatte lange Zeit den Gedanken verfolgt, aus heiterem Himmel einen Vorbeugungskrieg gegen Frankreich zu führen, war damit aber bei Wilhelm II auf Ablehnung gestoßen. Trotzdem hatte sich Schlieffen Gedanken darüber gemacht, was alles geschehen könnte, falls seine kriegerischen Ideen doch Anklang finden sollten. Er erkannte damals schon, daß Deutschland es dann mit einer Übermacht von Gegnern zu tun bekommen würde, nämlich mit Frankreich, Rußland und Großbritannien, möglicherweise auch noch mit Serbien und Belgien. Als Verbündeter Deutschlands kam nur Österreich-Ungarn infrage. Konnte Deutschland einen solchen Krieg überhaupt gewinnen? Schlieffen war hartnäckig genug, die Möglichkeit wenigstens theoretisch ins Auge zu fassen. Im Jahre 1889 kommt ihm die grundlegende Idee, und 1905 - neun Jahre vor Beginn des ersten Weltkriegs - läßt er die ganze Sache vorsorglich einmal auf der Generalstabskarte durchexerzieren. Genial sieht Schlieffens Plan in der Tat aus, und obwohl er inzwischen in zwei Weltkriegen versagt hat, wird er auch heute noch gelegentlich als einer der großen Einfälle in der

Militärgeschichte betrachtet: Deutschland, so sagte sich Schlieffen, kann einen Zweifrontenkrieg nicht führen und schon gar nicht gewinnen. Es muß deshalb die Gegner einen nach dem anderen besiegen, und zwar zuerst den nächstliegenden, nämlich Frankreich. Das muß allerdings rasch geschehen, solange Rußland noch mit der Mobilmachung beschäftigt ist und nicht eingreifen kann. Die russische Mobilmachung dauert nach Schlieffens Meinung sehr lange, vor allem das Heranführen der sibirischen Divisionen, so daß die deutschen Truppen vierzig Tage Zeit haben, um erst einmal im Westen zu siegen. Dann können sie sich nach Osten wenden und die Russen aufs Haupt schlagen. Das alles klingt so einfach, daß der Schlieffenplan zur Grundlage der deutschen Generalstabsarbeit wird. Er gilt als eine Art Geheimwaffe, die Deutschland unbesiegbar macht. In Wirklichkeit ist er ein Verhängnis, eine Fehlrechnung. Außerdem hat er zwei Schönheitsfehler. Der erste: Um Frankreich wirklich in der notwendigen kurzen Zeit besiegen zu können, will Schlieffen die französischen Befestigungswerke links liegen lassen und mit der Masse seiner Armeen durch das neutrale Belgien marschieren. Völkerrechtswidrig? Darüber sollen sich die Politiker die Köpfe zerbrechen. Schlieffen kümmert sich nicht darum. Der zweite Schönheitsfehler ist, daß der Schlieffenplan schon lange kein Geheimnis mehr darstellt. In den Generalstäben Europas gehörte es zur Ausbildung der jungen Stabsoffiziere, ihn eingehend zu studieren, und jedermann weiß: Wenn es zu einem Krieg kommt, wird Deutschland durch Belgien nach Frankreich marschieren. In Berlin dagegen war man sich bewußt, daß ein Krieg, wenn überhaupt, nur nach dem Schlieffenplan gewonnen werden kann.

Moltke hat den Schlieffenplan in mehreren Punkten abgeschwächt: Schlieffen sieht für den Angriff fünfunddreißig Korps und acht Kavalleriedivisionen vor, etwas über eineinhalb Millionen Mann. Nur 200.000 Mann sollen in Elsaß-Lothringen stehen und zur Verteidigung bereit sein, falls die Franzosen hier angreifen sollten. Moltke ist das zu gewagt. Er stellt 450 000 Mann in Elsaß-Lothringen auf, dirigiert außerdem zwei Korps an die 0stfront, und am Ende ist das Verhältnis zwischen seinem linken und rechten Flügel nicht mehr 1: 7, wie es Schlieffen vorgesehen hatte, sondern nur noch 1: 3. "Macht mir den rechten Flügel stark" - gerade dieser Grundgedanke des Schlieffenplans ist von Moltke über den Haufen geworfen worden. Mit dem geschwächten rechten Flügel ist es ihm aber nicht mehr möglich, tief genug nach Frankreich hineinzustoßen und dann Paris von rückwärts zu umfassen. Schlieffen hat in seinem Plan nicht nur den Durchmarsch durch Belgien, sondern unbekümmert auch durch die Niederlande gefordert. Moltke sieht davon ab. Schlieffen hat geplant, einen Teil der in Elsaß-Lothringen stehenden Truppen ebenfalls noch an den rechten Flügel zu transportieren. Moltke macht keinen Gebrauch von dieser Möglichkeit. Schlieffen wollte die Franzosen, falls sie in Elsaß-Lothringen angreifen würden, unter Umständen nach Süddeutschland und notfalls bis Bayern marschieren lassen, wenn nur die gewaltige Umfassungsschlacht von Paris gelänge! Moltke aber hört auf den bayerischen Armeeführer Kronprinz Rupprecht, der das aus Prestigegründen für ganz unmöglich hält. Unter solchen Umständen entwickelt sich der deutsche Feldzug im Westen, und selbst der französische Generalstabschef und Oberkommandierende, General Joffre, sagt später über Moltke: "Die Deutschen hatten ihre Schnellzuglokomotive einem Postkutscher anvertraut."Am äußersten rechten Flügel, im Norden also, geht die erste Armee unter Alexander von Kluck vor. Bei Brüssel schwenkt sie nach Süden, und wenn es nach Schlieffen gegangen

wäre, hätte sie im Rücken von Paris vorbeistoßen müssen. Dazu aber ist der ganze Arm nach Moltkes Änderungen zu schwach. Links neben der Armee Klucks ist die zweite Armee unter Karl von Bülow im Vordringen über Lüttich, Charleroi und dann nach Süden in Richtung Laon. Die dritte Armee unter Max von Hausen, gegen Dinant gewendet, „Wurde durch Hilferufe hin und her gezerrt, so daß sie nirgends ausschlaggebend zur Geltung kam ", wie General Hermann von Kufil bemerkt. Herzog Albrecht von Württemberg führt die vierte Armee in Richtung Neufchateau, Sedan, während Kronprinz Wilhelm die fünfte Armee zu einer Umfassungsbewegung an der Festung Verdun vorbeistoßen läßt. So trocken sieht das in den Werken der Generale aus. Sauber gezeichnete Karten mit ein paar Pfeilen und Strichen machen die strategische Idee anschaulich, aber nirgends ist ein Wort verloren über die Menschen, aus denen die Pfeile und Linien in Wirklichkeit bestehen. Im brennend heißen August des Jahres 1914 kämpfen auf verwüsteten Feldern Männer, die gestern noch Angestellte, Kaufleute, Arbeiter, Handwerker, Bauern und Familienväter waren, gegen andere Angestellte, Kaufleute, Arbeiter, Handwerker, Bauern und Familienväter. Die Heeresberichte melden nichts davon, und erst auf dem Höhepunkt der Geschehnisse erfährt die deutsche Öffentlichkeit, daß in Frankreich an der Marne eine Entscheidungsschlacht entbrannt ist. Die deutschen Armeen haben ihre Schwenkung nach Süden vollendet, vor ihren Spitzen liegt die Marne, und es ist der italienische Kriegsberichterstatter Luigl Barzini, der zum erstenmal der Welt schildert, wie es in diesem modernen Krieg wirklich aussieht:

Der Frontoffizier des ersten Weltkriegs Ernst Jünger schreibt: "ohne jede Deckung im Feuer kauern zu müssen, unaufhörlich mit Geschossen beworfen zu werden, von denen jedes einzelne ein mittleres Dorf verwüsten könnte, ohne eine andere Ablenkung als die, mechanisch und halbverstört die Einschläge zu zählen - das ist eine Prüfung, die den Grenzen, welche der menschlichen Kraft gezogen sind, sehr nahe kommt. Ein solcher Befehl, der Hunderttausende bloß und schutzlos ins Feuer wirft, schließt eins der größten Todesurteile in sich, die je verhängt worden sind. Aber die Zeit arbeitet mit gewaltigen Mitteln, und es kommt im Kampf um ein grauenhaftes Trümmerfeld, auf dem sich zwei Weltbilder begegnen, nicht auf die tausend Menschen an, die vielleicht vor dem Verderben zu retten sind, sondern

darauf, daß das überlebende Dutzend so rechtzeitig zur Stelle ist, daß es seine Maschinengewehre und Handgranaten entscheidend ins Treffen bringen kann."

Joffre nimmt seine Truppen immer weiter zurück, auch das britische Expeditionskorps weicht, aber zur gleichen Zeit verbrauchen sich die deutschen Armeen, entfernen sich mit jedem Meter gewonnenen Bodens weiter von ihren Versorgungslagern. Auf dem steinhart gebrannten Boden Frankreichs nützen sich die Beschläge der Pferde ab, der Troß wird von Tag zu Tag unbeweglicher, der Nachschub klappt nicht mehr zufriedenstellend, sogar die Artilleriemunition wird knapp.

Kurt Klamroth:

1.Feind hat am Serre-Abschnitt wieder Front gemacht. Armee beginnt am 1.9. den Angriff auf die Festung La Fére und den Serre-Abschnitt La Fére-Marle.

2.Zur Übernahme von Verpflegung aus einem in Fourmies eintreffenden Verpflegungszuge halten sich in Trélon bereit Mag.Fuhrp.Kolonne l(Klamroth) bestimmt für X.A.K. 40,000 Portionen - kein Hafer - nach Etreux." So lautete der Befehl, den ich am 1.September 1914 In Glageon erhielt.

Dienstag, 1. September 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

Auf Anordnung von Zar Nikolaus II. wird die russische Hauptstadt Petersburg in Petrograd umbenannt . Mit der Russifizierung des Namens soll die Ablehnung alles Deutschen demonstriert werden.

Die Berliner "Vossische Zeitung" berichtet über ein von dem Barmener Fabrikanten Friedrich Reichmann entwickeltes Verfahren zur Ersetzung des Rohstoffs Jute. Es basiert auf der Aufschließung pflanzlicher Fasern. Jute, einer der wichtigsten pflanzlichen Rohstoffe, wird u. a. für Verpackungs- und Seilerwaren benötigt. Seit Beginn des Krieges ist der Jute-Import aus dem britischen Vizekönigreich Indien unterbrochen.

Deutsche Künstler, darunter die Maler Max Liebermann und Max Slevogt, beteiligen sich an der deutschen Kriegspropaganda durch die regelmäßige Herausgabe von illustrierten Flugblättern unter dem Titel "Kriegszeit!". Der Erlös kommt dem Kriegsfonds des Wirtschaftlichen Verbandes bildender Künstler Berlins zu. Die erste Ausgabe enthält u. a. eine Darstellung der Kriegsrede des deutschen Kaisers Wilhelm II. vor dem Berliner Schloß.

Kurt Klamroth:

In Trélon bat mich ein Arzt, 300 Verwundete mit nach Pourmies zu nehmen. Sie wurden auf Stroh so gut es ging gebettet. Sie hatten an der Schlacht bei St.Quentin teilgenommen und trotz Ihrer Schmerzen erzählten sie stolz, wie Ihr Führer, Prinz Eitel Friedrich, selbst die Trommel schlagend zum Sturmangriff geführt habe. Ja, unsere Hohenzollernprinzen. Sie teilen jede Gefahr mit ihren Soldaten und diese blicken voll Vertrauen zu ihnen auf. Langsam und vorsichtig fuhren wir nach Fourmies und lieferten dort in einem Lazarett unsere traurige Ladung ab.Auf dem Bahnhof Fourmies war großer Kolonnenandrang. Ich traf dort auch den Oberleutnant Goldenberg aus Hamburg,einen Verwandten der Oschersleber Wredes,der gleichfalls eine Kolonne führte. Während wir unsere Ladung einnahmen , kam Exzellenz von Nieber,der Inspekteur unserer Etappe, selbst auf den Bahnhof,um das Beladen zu beobachten.

Der Französiche Oberbefehlshaber, Genral Joffre traf am 6. September trotz aller Bedrängnis der französischen Truppen die Entscheidung, „Wir werden uns an der Marne schlagen".

Sonntag, 6. September 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

In New York besiegt Australien im Endspiel des Daviscups den Titelverteidiger USA 3:2. Australien hatte den Pokal bereits in den Jahren zwischen 1907 und 1911 gewonnen.

Moltke hat kein richtiges Bild von der Lage. So unglaublich es klingt, ist die oberste deutsche Heeresleitung damals darauf angewiesen, gelegentlich einen Funkspruch aufzufangen, den die Truppenteile an der Front untereinander austauschen, aber es gibt so gut wie keine Telephonverbindung zwischen Hauptquartier und Armeekommandos. Verschwommen und lückenhaft stellt sich auf diese Weise die Frontlage für Moltke dar. Auf die Idee, selbst näher an die Front heranzurücken und persönlich Verbindung mit seinen Armeeführern aufzunehmen, kommt er nicht. Dabei hängt nun alles davon ab, daß die Operationen der Armeen aufeinander abgestimmt werden! Moltke ist nicht der Mann, in dieser entscheidenden Stunde die Zügel fest in der Hand zu halten. Jetzt, am 7. September, da Joffres Angriffsbefehl schon bekannt ist, zittert Moltkes Stimme, als er dem Kaiser Vortrag hält und dabei zum erstenmal den Gedanken durchblicken läßt, die deutschen Armeen zurückzunehmen. Freilich, der deutsche Generalstabschef weiß, daß die Truppen abgekämpft sind, daß Joffre frische Kräfte zur Verfügung hat, und er ist überdies

beunruhigt von der Alarmnachricht, daß die Russen mit ihrer Mobilmachung doch schneller als erwartet fertig geworden sind und nun in Ostpreußen einfallen. Wilhelm hat bessere Nerven. Er hört Moltkes Rückzugserwägungen an und entgegnet ihm heftig: "Angreifen, solange es geht - unter keinen Umständen einen Schritt zurück! Angreifen! Angreifen! Angreifen!"

Mittwoch, 9. September 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg stellt in Berlin ein Kriegszielprogramm der deutschen Regierung vor. In diesem als sog. September-Programm bekannten Memorandum fordert er neben wirtschaftlich und militärisch begründeten Annexionen eine deutsche Hegemonialstellung in Europa. Das Programm spiegelt den Einfluß deutscher Wirtschaftsführer wider.

Am Morgen des 10. September aber, einem bangen Morgen für das französische Heer, stellen Kundschafter fest, daß sich etwas Unerhörtes ereignet hat.

Die Deutschen sind verschwunden, sie ziehen sich zurück, sie lösen die Klammer.

„Das französische Große Hauptquartier fiel in senkrechtem Sturz aus allen Wolken", heißt es in einer der zahlreichen Erinnerungen. Niemand kann fassen, was hier geschehen ist, niemand kann verstehen, daß die Deutschen so kurz vor dem greifbar nahen Ziel ihrer Pläne aufgeben.

Zunächst glauben die Franzosen an eine deutsche Kriegslist, an eine Falle. Erst allmählich kommt ihnen die Gewißheit, daß es ein echter Rückzug ist. Sie sprechen von einem Wunder, dem Wunder an der Marne.

Jahrelang hat Moltke in Friedenszeiten allen Generalstabsoffizieren eingehämmert, daß jeder Befehl schriftlich gegeben werden muß. Jetzt weicht er selbst von dieser Regel ab und läßt Oberstleutnant Richard Hentsch ohne schriftlichen Auftrag zur Lageerkundung an die Front fahren, so daß sich später nicht mehr feststellen läßt, was nun eigentlich wirklich befohlen worden war. Schriftlich äußert sich Moltke nur gegenüber seiner Frau, an die er berichtet: „Die Kämpfe im Osten von Paris werden zu unseren Ungunsten ausfallen. Ich muß das, was geschieht, tragen und werde mit meinem Lande stehen oder fallen ..." Was ihn freilich nicht hindert, 1916 friedlich in seinem Bett zu sterben.

Hentsch selbst weicht gleich zu Beginn der Fahrt von dem ihm erteilten Auftrag ab. Statt befehlsgemäß zur zweiten und ersten Armee zu fahren, sucht er zunächst einmal die fünfte auf und vertrödelt kostbare Zeit mit dem reizvollen Spiel, sich als Oberstleutnant vom künftigen Kaiser, dem Führer der fünften Armee, Generalleutnant Kronprinz Wilhelm, Bericht erstatten zu lassen. Kronprinz Wilhelm ist zuversichtlich, Hentsch dankt und setzt seine Fahrt fort - nicht etwa nun endlich zur zweiten Armee, sondern erst zur vierten. Dort wiederholt sich das gleiche Spiel. Hentsch läßt sich vom Armeeführer, Generaloberst Herzog Albrecht von

Württemberg, die Lage erklären und meint dann, es wäre wohl am besten, wenn sich

die vierte Armee hinter die Marne zurückziehen würde. Albrecht sieht den Abgesandten des Großen Hauptquartiers an, als habe er einen Wahnsinnigen vor sich. Er lehnt Hentschs Anregung ganz entschieden ab und deutet auf das Feldtelephon, denn die vierte Armee verfügt als einzige über einen Fernsprechanschluß nach Luxemburg. Hentsch macht von dem Telephon keinen Gebrauch. Er besteht auch nicht auf dem Rückzug, sondern fährt zur dritten Armee nach Chälons weiter. Seine Tätigkeit besteht darin, der üblichen Abendmeldung den Satz hinzuzufügen: „Lage und Auffassung bei der dritten Armee durchaus günstig." Um acht Uhr abends endlich trifft er in Montmort bei der zweiten Armee ein. Dort ist der Oberbefehlshaber, Generaloberst von Bülow, gerade von seinem Gefechtsstand an der Front zurückgekehrt und in glänzender Stimmung. „Ich wurde über die Lage orientiert, erzählt Hentsch selbst in seinen Erinnerungen, und mir wurde gesagt, daß die Armee auf ihrem linken Flügel Fortschritte gemacht habe, auf ihrem rechten Flügel aber nur mühsam in der Verteidigung den Gegner abgewehrt habe. Die Armee wolle am nächsten Tag ihre Stellungen halten, würde es auch können, wenn sie nicht umfaßt würde. Dieser Gedanke allerdings erschreckt Hentsch, und er glaubt auch, daß die erste Armee nun ebenfalls in einer bedrohlichen Lage ist. Er glaubt es, aber der Gedanke, sich erst einmal bei der ersten Armee zu erkundigen, kommt ihm nicht „Ich habe Vollmacht, nötigenfalls den Rückzug zu befehlen", sagt Hentsch. „Der Durchbruch ist noch nicht Tatsache", wehrt Bülow ab, und das ist gewiß eine tapfere Antwort, nachdem er weiß, daß ihm Maschinengewehre fehlen und die schweren Feldhaubitzen wegen Munitionsmangel schweigen müssen.

Während die Besprechungen bei der zweiten Armee noch im Gang sind, berichtet auf der Gegenseite General Castelnau an Oberbefehlshaber Joffre „Sollte ich sehr stark bedrängt werden, so kann ich mich entweder auf der Stelle totschlagen lassen oder rechtzeitig ausweichen." Bald darauf hat Castelnau Telephonverbindung mit Joffr und erklärt „Meine Verluste sind sehr schwer, die Truppen müde. Wenn ich noch länger bleibe, ist meine Armee verloren. Ich muß zurück! "

„Ich befehle Ihnen, noch vierundzwanzig Stunden zu warten", entgegnet Joffre. „Wir wissen nicht, wie es beim Feind aussieht. Vielleicht ist seine Lage genauso schlecht wie Ihre."

Hentsch weiß nichts von diesen vierundzwanzig Stunden Frist. In panikartiger Stimmung gibt er der zweiten Armee den Befehl, zurückzugehen, falls der Gegner über die Marne vorstoßen sollte. Sein Hauptargument ist, daß die erste Armee nicht in der Lage sei, sich zu halten. Erst am nächsten Morgen fährt Hentsch zur ersten Armee weiter, um sich von den Tatsachen zu überzeugen. Nachdem er gegangen ist, sagt Bülow seinen Stabsoffizieren: „Ich soll zurückgehen und will nicht, da ich die Lage nicht für so schlimm ansehe." So ist es wirklich. Hentsch hat allerdings eine aufregende Fahrt, die seinen Pessimismus noch steigert. Ohne jede Fronterfahrung, kommt ihm das ganze Leben und Treiben dort so erschreckend vor, daß er später schreibt: „Überall traf ich auf in wilder Hast zurückgehende Trains und Bagagen der Kavalleriedivisionen. Verwundetentrupps strömten in gleicher Richtung ab, fürchteten, bereits abgeschnitten zu sein. In einem Ort war alles durch Kolonnen

verstopft; ein Fliegerangriff hatte eine völlige Panik hervorgerufen. Wiederholt mußte ich aussteigen, um mir mit Gewalt die Weiterfahrt zu erzwingen. Erst mittags gelang es mir, Mareuil zu erreichen. Unterwegs hörte ich, daß der Gegner unsere Kavallerie von der Marne vertrieben und den Fluß bereits überschritten habe. Schwer erschüttert trifft Hentsch beim Hauptquartier der ersten Armee in Mareuil ein und findet dort eine so große Siegeszuversicht vor, daß er nur noch sagen kann: "Ich bin baff." Die Lage der ersten Armee ist ausgezeichnet, und Hentsch muß einsehen, daß er bei der zweiten Armee ein ganz falsches Bild gezeichnet hat. Zwar sind britische Einheiten über die Marne vorgedrungen, aber Hentsch hat ja bei der zweiten Armee den Befehl hinterlassen, in diesem Fall zurückzugehen! Wahrscheinlich befindet sich die zweite Armee jetzt schon auf dem Rückmarsch, und dann gibt es eine Katastrophe für die erste Armee, wirklich eine Katastrophe, wenn sie stehenbleibt und sich nicht ebenfalls zurückzieht.

"Der Kampf bis zum vollen Sieg ist jetzt leichter als ein schwieriger Rückzug", erklärt der Stabschef der ersten Armee, General Hermann von Kuhl. Da spricht Hentsch in seiner Verwirrung ein furchtbares, ein unwahres Wort: "Die zweite Armee ist nur noch Schlacke." Unter dem Eindruck dieses Satzes bricht der Widerstand Klucks und Kuhls zusammen. War die zweite Armee wirklich nur noch Schlacke, dann war auch die Lage der ersten Armee verzweifelt. Und so gehen unter Hentschs Befehl zwei siegende Armeen plötzlich zurück, weil die eine von der anderen fälschlich glaubt, sie könne sich nicht mehr halten. Als Moltke im fernen Luxemburg erkennt, was hier geschehen ist, kann nichts mehr gerettet werden. Im Gegenteil, nun muß auch den anderen Armeen der Rückzug befohlen werden, wenn sie nicht umklammert und vernichtet werden sollen. Das Wunder an der Marne ist geschehen. Moltke aber tritt als gebrochener Mann vor den Kaiser hin und meldet: "Majestät, wir haben den Krieg verloren! "

Das Unheil, das Oberstleutnant Hentsch mit seinen sinnlosen Befehlen angerichtet hat, ist jedenfalls nicht mehr gutzumachen. Sieben deutsche Armeen gehen zurück, müssen zurückgehen, und an der ganzen Westfront wird bald alles Geschehen im ewigen, zähen, hoffnungslosen Stellungskrieg erstarren. Natürlich ist versucht worden, die ganze deutsche Niederlage im ersten Weltkrieg auf Hentschs Schultern abzuwälzen. Aber das war doch zu absurd, und ein in der ersten Erregung angestrengtes Kriegsgerichtsverfahren gegen den unglückseligen Oberstleutnant ist rasch wieder eingestellt worden. Anders liegen die Dinge bei Generalstabschef Moltke. Die Reaktion des Kaisers gipfelt in Moltkes Absetzung, und der scheidende Heerführer schreibt in sein Tagebuch: „So wurde ich das, was man mir nahegelegt hatte, nämlich krank."

Kurt Klamroth:

Am 7. September kam früh morgens der Adjutant Rabetge. Er war wieder Herr der Situation."Die französische Regierung verläßt Paris und geht nach Bordeaux, meine Herren! Wenn jetzt noch die Italiener den richtigen Dreh kriegen und sich endlich an ihre Bundespflichten erinnern, dann sind wir in vier Wochen wieder zuhause!" Ja, die Italiener!

Wie oft haben wir über die gesprochen! Es ist ja richtig, daß ihre lange Küste sehr dem Feuer der englischen und französischen Flotte ausgesetzt ist,aber das wußten sie doch schon lange und man macht doch Bündnisse schließlich für den Kriegsfall!

Der heutige Etappenbefehl lautete:

1) die zweite Armee steht heute Linie Fontenelle-Montmirail-Moers -Sezanne -Marigny le Grand.

2) Verpflegungsnachschub: Beide Marschkolonnen A und B

marschieren heut mittag 12 Uhr über Jaulgonne nach Moulins. Hier Übergabe der Bestände an Leerkolonnen des VII. AK und X.R.K. Zur Ergänzung der Verpflegung bringen Etappen-Kraft-Wagenkolonnen Verpflegung von Fourmis nach Jaulgonne.

Unterkunft der gefüllten Fuhrparkkolonnen Moulins, der leeren Fuhrparkkolonnen Jaulgonne.

Um 13 Uhr setzten wir uns in Marsch, aber es dauerte unendlich lange, bis alle Kolonnen ihre Wagen einzeln über die Marnebrücke gezogen hatten. Wir kamen ziemlich zuletzt an die Reihe. Endlich, um 11 Uhr abend, bezogen wir am Südufer der Marne bei Moulins neben den anderen Kolonnen Biwak. Schüll, den ich zur Erkundung des Biwakplatzes vorausgeschickt hatte, empfing uns dort mit prachtvollen Pfirsichfrüchten aus dem Pfarrgarten von Moulins.

Am 8. September entwickelte sich auf dem großen Biwakplatze der Etappenkolonnen reges Leben. Korpskolonnen kamen und erhielten aus den Etappen- Kolonnen Verpflegung und die leeren Etappen-Kolonnen gingen über die Marne nach Jaulgonne zurück, um dort aus den zu erwartenden Kraftwagenkonnen neu gefüllt zu werden. Ordonnanzen kamen und gingen. Zum Teil lauteten die Nachrichten etwas beunruhigend. So kam plötzlich die Nachricht, daß die Kolonne Goldenberg, die wir in Formies getroffen hatten, von feindlicher Kavallerie angegriffen sei, aber den Angriff mit geringen Verlusten abgeschlagen habe. Aufregender war die Nachricht, daß unsere Gardeschützen sehr gelitten haben sollten und daß unser VII.Armee-Korps zurückgehen müsse. Alle diese Gerüchte waren natürlich vollkommen unkontrollierbar. Lebhaft hörten wir das Feuer vor uns. Wir waren ja nur 15 km hinter dem rechten Flügel unserer Armee. Mehrere Male überflogen unser Biwak feindliche Flieger in großer Höhe, aber nur einer warf eine Bombe in eine Munitionskolonne, wodurch leider einige Verluste eintraten. Später erfuhren wir, daß auch eine eben erst von unseren Pionieren über

die Marne geschlagene Brücke durch eine Fliegerbombe zerstört wurde. Die Flieger wurden heftig von unserer Artillerie mit Schrapnells beschossen. Es ist sehr interessant und aufregend, eine solche Beschießung zu beobachten. Man sieht den Flieger, da plötzlich ein Knall und hinter ihm entsteht eine kleine, langsam größer werdende weiße Wolke am blauen Himmel. Inzwischen ist der Flieger weitergeflogen und die nächste Wolke taucht unter ihm auf, dann wieder eine und noch eine. Nun kann man schon eine ganze Strecke, die der Flieger durchflogen hat, an den am Himmel stehenden Wölkchen verfolgen, die immer größer sind, je weiter sie von ihm entfernt sind und schließlich sich ganz auflösen.

Gegen Abend kam noch Befehl, daß zwei Kolonnen weiter vorfahren sollten, das es an Korpskolonnen mangelte. Kolonne Fricke und Kolonne Jungnickel machten sich auf. Es verlautete jetzt, daß der sich vor uns abspielende Kampf eine für uns günstige Wendung nehme, da unsere Artillerie den frisch auftretenden französischen Truppen Flankenfeuer geben könne. Mit Spannung erwarteten wir jede Nachricht , die uns durch Meldereiter oder zurückkommende Sanitätsautos gebracht wurde. Aber ein richtiges Bild von den Vorgängen konnte man sich doch nicht machen. Unsere Leute sangen am Lagerfeuer und unter dem Klange von Soldatenliedern und Geschützdonner schliefen wir endlich ein.-

Der Rückzug von der Marne bis Rozoy sur Serre

Am Morgen des 9. September 1914 erreichte das Lagerleben der Kolonnen südlich der Marne, das als fliegendes Feldmagazin gedacht war, ein unerwartetes, vorzeitiges Ende. Wir wurden um 4 Uhr in der Frühe durch den Adjutanten Rabetge alarmiert. Wir sollten sofort unter Führung des ältesten Rittmeisters in aller Stille aufbrechen, bei Dormans über die Marne zurückgehen und über Verneuil - Villers -Agron auf Vezill marschieren. „Steht`s ungünstig für uns? Ist was schiefgegangen?" fragten wir."Nein, nein! Es steht im ganzen gut" antwortete der Adjutant,"Reims ist von den Franzosen ohne Schuß geräumt. Aber hier ist die Fühlung zwischen der 1. und 2. Armee unterbrochen. Bei Chateau- Thierry soll feindliche Kavallerie durchgebrochen sein und unsere rückwärtigen Verbindungen bedrohen. Deshalb müssen Sie etwas ausweichen. Marschieren Sie mit Sicherungen." Sprach´s und autelte davon!

Rittmeister Schoen, ein famoser alter Herr, im Zivilberuf Hamburger Kaufmann, übernahm das Kommando. Voran ließ er

die Kolonne des Rittmeisters Schmidt marschieren, die auch die Spitze stellte. Dann folgten die Kolonnen des Rittmeisters Schlachter und seine eigene, die eine rechte Seitenpatrouille stellten; die beiden letzten Kolonnen, meine und die des Oberleutnants Bohnhorst hatten die Nachspitze zu stellen.

Es wurde eilig marschiert und da sich das Tempo bekanntlich nach hinten immer verstärkt, war es schwer für die beiden letzten Kolonnen, mitzukommen. Einzelne Reiter kamen von hinten und wollten an uns vorbei. „Halt! Wie steht´s vorne?" „Schlecht, wir sind geschlagen; alles im Rückzuge!" und weiter ritten sie ohne Aufenthalt. Sanitätsautos prusteten mit lautem Tuten an uns vorbei. Sie führten Verwundete und hielten nicht auf unseren Anruf. Da mußte eins anhalten, weil ein Wagen der Kolonne, dessen Radspeiche gebrochen war, den Weg versperrte. „Wo kommt ihr her?" "Von Rebais; die Schlacht ist verloren, alle transportfähigen Verwundeten sollen wir zurückbringen!" Unserer Leute bemächtigte sich große Unruhe. Wir kamen durch einen kleinen Ort Sauvigny. Die Haltung der Einwohner schien uns verändert. Lachend und schwatzend standen sie auf der Straße und betrachteten unseren eiligen Marsch nach Osten. Da verrieten ein paar Mädchen die Gedanken der Franzosen: Sie strichen mit den Fingern gegeneinander, wie es auch bei uns die Kinder tun, wenn sie anderen Kindern ihre Schadenfreude zeigen wollen, und riefen uns nach "Battus! Battus!" Groll stieg in unseren Herzen auf und die bange Sorge: Sollten wir wirklich geschlagen sein ? Sollte unser glänzender Vormarsch zu Ende sein ? „Haaaalt! Haaalt!" wurde von vorn nach hinten in der langen Marschkolonne durchgerufen. Wir hatten mit der Spitze Dormans erreicht. Hier trafen noch von Süden her vier weitere Straßen ein und alle waren voller Kolonnen, Kavallerie und Artillerie. Alles strebte der Marnebrücke zu. Plötzlich taucht in dem Gewirr vor mir Vetter Fritz Busse auf. „Fritz!" rufe ich, „Fritz komm her! Weißt Du etwas Genaueres?" Schon ist er neben mir. Wir tauschen unsere Erfahrungen aus. „Es kann nichts Schlimmes sein," sagt er, „ich war erst gestern Mittag in unserer Artilleriestellung und habe Munition hingebracht. Alles stand gut!" Da erschallt die Marschkolonne entlang der Ruf: „Kolonnenführer nach vorn!" - „Schmidt: die Nelly her!" rufe ich und schon kommt der aufmerksame Paul Schmidt, der den Ruf nach den Kolonnenführern auch gehört hat, mit meiner Fuchsstute angelaufen. Ich schwinge mich in den Sattel - "Straße frei!" und im Galopp geht´s nach Dormans zu an den haltenden Kolonnen vorbei. Dicht hinter mir galoppiert Bohnhorst. Da steht Rittmeister Schoen mit

den anderen beiden Kolonnenführern Schmidt und Schlachter. Wir springen vom Pferde und melden uns bei ihm zur Stelle. „Bitte, meine Herren, wir sollen zum Major Fehling kommen, der hier den Übergang über die Brücke leitet." In einem Hause an der Hauptstrasse finden wir den Major, den ich schon am 6.September in Jaulgonne gesehen hatte. Es waren eine ganze Menge Offiziere versammelt. Major Fehling war die Ruhe selbst. Er sagte etwa folgendes zu uns: „Es schwirren alle möglichen Gerüchte in der Luft herum von verlorener Schlacht und Rückzug. Nichts ist an alledem! Ich kann Ihnen zunächst die gute Nachricht verkünden, die ich soeben durch den Fernsprecher erhielt, daß am 7.September Maubeuge kapituliert hat. Viertausend Gefangene, darunter vier Generale, vierhundert Geschütze und zahlreiches Kriegsgerät sind in unsere Hände gefallen. Hier ist es allerdings einem Teile der französischen Armee gelungen, zwischen die 1. und 2. Armee einen Keil zu schieben. Wir sind dadurch gezwungen, in unserem siegreichen Vorgehen einzuhalten und die beiden bedrohten Flügel der Armeen, von der 1. den linken und von der 2. den rechten zurückzunehmen. Zwischen die beiden Armeen werden frische Truppen, wahrscheinlich die bei Maubeuge freigewordenen treten. Wir sind hier hinter dem rechten Flügel der 2. Armee, der zurückgedreht werden soll. Es handelt sich darum, schnell Platz hinter der Armee zu machen. Sie müssen deshalb schnell marschieren. Es sind nur wenige Marneübergänge zur Verfügung. Nur größte Ruhe und Ordnung wird es ermöglichen, daß der Übergang glatt vor sich geht. Ich bestimme die Reihenfolge der Truppen. Beschäftigen Sie ihre Leute während der Wartezeit, treten Sie arlamierenden Gerüchten scharf entgegen und halten Sie strenge Disziplin. Kraftwagen werden den Kolonnen teils diesseits und teils jenseits der Marne Verpflegung und Munition abnehmen und den Truppen zuführen".- Damit wurden wir entlassen. Als ich zur Kolonne zurückkam, hörte ich von Dr. Bormann und Schüll, daß Verwundete durchgekommen waren, die Schauergeschichten erzählt hätten. Die Leute seien sehr beunruhigt. Ich ließ sie zusammentreten und verkündete die Kapitulation von Maubeuge. Dann erklärte ich Ihnen die Sache mit der Flügeldrehung, und obwohl die wenigsten der Leute die Lage begriffen, wurden sie doch ruhiger. Ich ließ dann, als neue Trupps von Verwundeten durchkamen, um die Unterhaltung mit ihnen zu vermeiden, ein paar Lieder singen. Schließlich hielt ich Appelle mit verschiedenen Sachen ab und so wurden die Stunden ausgefüllt, die wir zu warten hatten, ehe die Reihe an uns kam, die Marnebrücke zu überschreiten. Die drei KolonnenSchoen,Schlachter und Schmidt waren schon früher über die Brücke marschiert und Rittmeister Schoen hatte

mir sagen lassen, daß er mit diesen drei Kolonnen weiter nach Vezilly gehen werde, ich sollt mit der Kolonne Bohnhorst folgen. Wir marschierten zunächst bis Verneuil. Hier wartete eine Kraftwagenkolonne auf uns, um unsere letzten Fleischkonserven abzunehmen. Es war die Kolonne unseres alten Freundes Kassbaum. Er war am Morgen noch bei unserer Infanterie gewesen und erzählte mir, daß die Franzosen außerordentlich heftig angriffen. Sie verfügten auch über sehr viel Artillerie. Unser ganzer rechter Flügel gehe zurück. Die Loslösung vom Feinde sei schwierig, weil die Franzosen ungestüm nachdrängten. Ob es sich um eine freiwillige Flügeldrehung handle, oder ob wir auf unserem Flügel geworfen wurden, wußte er nicht. Er war aber mit seinem frischen Optimismus guten Mutes; Wenn wir auch mal zurückgehen müßten, das mache garnichts. In kurzer Zeit würden wir wieder vorwärts gehen!-

Einmal ritt ich, nachdem ich die Kolonnen an mir vorbeimarschieren lassen hatte, um bei dem Zurückkehren zur Spitze der Marschgruppe etwas abzuschneiden, querfeldein. Plötzlich scheute meine Nelly, da lagen an einem Busch zwei tote Franzosen, ein blutjunger und ein etwa dreißigjähriger. Sie hielten sich noch im Tode umschlungen. Ich mußte denken an die Mutter, die noch nicht weiß, daß sie ihren Sohn verloren, an das junge Weib, daß vielleicht jetzt mit ihren unschuldigen Kindern spielt und nicht weiß, daß sie Witwe geworden ist. „Oh, la guerre est triste pour nous et pour vous" so hörten wir oft von den Quartierwirten. Hier packte mich bei dem unvermuteten Anblick der beiden Toten der Jammer des Krieges wieder unmittelbar ans Herz.-

Erst um 9 Uhr abends erreichten wir Berry au Bac. Hier trafen wir schon die Kolonnen Schoen, Schlachter, Schmidt und Tosse. Gerade als wir ankamen, war der Adjutant Rabetge gekommen; etwas später traf auch der Kommandeur der Etappen-Trains, Major Fiedler ein. Unsere Kolonnen wurden auf einen Alarmplatz nördlich der Aisne zurückgezogen. Hier sollte die Nacht in Alarmzustand verbracht werden. Die Ortsausgänge und die Aisne- Brücken sollten von uns besetzt werden. Ein Magazin, das in Berry au Bac eben erst eingerichtet war, wurde noch in der Nacht zurückgezogen. Alle diese Vorsichtsmaßregeln wurden getroffen, weil feindliche Kavallerie im Walde von Cormicy gemeldet war. Als wir noch um das Biwakfeuer herumsaßen, kam Oppermann zurück. Er hatte ein Sanitätsauto gefaßt, daß leer von Laon in Richtung nach Reims zurückfuhr. In Laon hatte er die Etappen - Inspektion der 2. Armee im Aufbruch getroffen. Sie

sollte von Laon nach Montsornet, also etwa 33 Kilometer zurückgezogen werden. Karten hatte Oppermann bekommen, aber Genaues über die Kriegslage hatte er auch nicht erfahren. Ein Hauptmann hatte ihm erzählt, daß unsere Armeen an der Marne in siegreichem Vorgehen gewesen seien und noch an dem Tage, an dem unser Rückzug begann, 4000 Gefangene gemacht hätten. Es seien aber starke Kräfte aus Südfrankreich im Anmarsch und auch aus Paris seien neue Truppen vorgegangen. Da habe man zurückgehen müssen. Zuerst habe man den Marneabschnitt halten wollen. Da aber das südliche Ufer das nördliche bedeutend überhöhte und somit die Stellung ungünstig für uns gewesen wäre, so wolle man nun bis zur Aisne zurückgehen. Man müsse aber mit der Möglichkeit des weiteren Zurückgehens rechnen. In Laon würden die Lazarette von allen transportfähigen Verwundeten geräumt. Das waren keine guten Nachrichten. Noch lange saßen wir beim Lagerfeuer und besprachen alle Möglichkeiten. Über eins waren wir uns klar, daß wir, wenn auch unser Siegessturmlauf unterbrochen wurde, wir doch sicherlich den Sieg erreichen würden - und wenn die Welt voll Teufel wär` und wollt`uns gar verschlingen! -

Freitag, 11. September 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

Eine am 23. August begonnene Offensive österreichisch-ungarischer Truppen gegen Rußland in Galizien endet mit dem Rückzug hinter die Flußläufe von San und Dunajec. Zugleich kritisiert das österreichisch-ungarische Armeeoberkommando die deutsche Heeresführung wegen mangelnder Hilfe.

Früh am Morgen des 11. September kam Oberleutnant Rabetge wieder im Auto. Frisch und zuversichtlich war er, trotzdem er die Nacht nicht geschlafen hatte. „Ich muß den Herren erst mal eine Freude machen!, sagte er, „der große englische Hilfskreuzer Oceanic von der White-Star-Linie ist gesunken und vollständig verloren. Wodurch, das weiß man noch nicht!" Das hörten wir lieber als die Nachrichten, die Oppermann gestern abend brachte.

Aber der neue Marschbefehl lautet wieder "rückwärts"; wie lange wird`s noch dauern mit diesem Zurückgehen?

Adjutant Rabetge 2 Tage später mitten in der Nacht zu Kurt Klamroth: „Ja, lieber Rittmeister, Sie müssen sofort mit den drei Kolonnen aufbrechen und in Richtung auf Rozoy abmarschieren. Englische Kavallerie ist bei St. Erme gemeldet und die könnte Ihnen hier sehr unangenehm werden." -

St. Erme - Sissonne, ein Blick auf die Karte sagte mir,

daß das nur etwa 6 Kilometer Entfernung waren. Da war Eile not. Ich schickte sofort zu dem Rittmeister Müller

und Oberleutnant Bohnhorst, „sofort stiller Alarm für alle Kolonnen, jede Kolonne marschiert für sich, sobald sie fertig ist, ab in Richtung Rozoy." Dann wurden meine Offiziere und der Wachtmeister geweckt und meine Kolonne in aller Stille alarmiert. Es war eine schauderhafte Nacht! Rabenschwarz! Der Sturmwind peitschte uns den Regen ins Gesicht. Nicht einen Schritt weit konnte man sehen. Wir mußten aber ohne Laternen marschieren, damit man nicht von weitem die Kolonne marschieren sehen konnte. Wie finden wir den Weg zur Chaussee nach Dizy-le-

Gros? Da ist ja der Hausdiener des Hotel Felix (in dem die deutschen Offiziere am Abend gegessen und getrunken hatten).Unser neugebackener Vizewachtmeister Markwald muß ihm in seinem schönsten Französisch klarmachen, daß er die Ehre haben wird, die Kolonne auf dem ersten Wagen zu begleiten und ihr den Weg zu zeigen. Er macht erst Ausflüchte, dann will er sich einen Mantel holen, aber wir haben keine Zeit zu verlieren. "Allez!,Monsieur,

vite, vite!" Der freundlichen Einladung wird Nachdruck verliehen durch einen deutlichen Hinweis auf unsere Parabellum. Da nimmt er seufzend Platz auf dem ersten Wagen und zu ihm steigt Markwald mit der Aufgabe, ihn deutlich an seine Pflicht zu erinnern. Fort geht`s in das Dunkel hinein. Ich lasse die Kolonne an mir vorbeimarschieren, zähle die Wagen und erhalte vom Wachtmeister die Meldung, das Alles da ist. Wir haben jetzt alle Not, die Kolonne zusammenzuhalten, denn in der finsteren Regennacht gibt`s hier und da unfreiwilligen Aufenthalt. Ein Wagen ist vom Wege ab in den Graben gefahren, hier ist ein Pferd gestürzt, dort etwas am Geschirr in Unordnung. Das gibt immer Aufenthalt. Unterdessen fahren die ersten Wagen mit unserem unfreiwilligen Führer weiter und wenn der Abstand zu groß wird, könnte die Kolonne leicht auseinanderreißen und der abgerissene Teil den richtigen Weg verlieren. Da muß das Aufsichtspersonal scharf aufpassen. Endlich erreichen wir die große Straße. Da können wir unseren Führer entlassen, nachdem wir festgestellt haben, daß es der richtige Weg ist. Frierend und bis auf die Haut durchnäßt kann er den Weg zurück zu Fuß antreten, aber die Höflichkeit steckt ihm so sehr im Blute, daß er auf das "Merci" des Vizewachtmeisters antwortet:" pas de quoi, monsieur, pas de quoi" -

Gegen Sonnenaufgang kamen wir nach Dizy-le-Gros. Der Regen hatte etwas nachgelassen. Andere Kolonnen kamen von Süden her. Posten von der Etappen-Inspektion der 2.Armee wiesen uns an, über Fraillicourt nach Wasigny zu marschieren. Von Kolonne Bohnhorst und Kolonne Müller war nichts zu sehen. Weiter geht`s bei unfreundlichem,

naßkaltem Wetter mit vielen Regenschauern. Marschrichtung: Osten. Die Leute merken`s auch, daß das „zurück" heißt; dazu kommt der eilige Alarm aus dem Lager Sissonne und sie machen sich ihre Gedanken. Auch wird die Stimmung nicht dadurch gehoben, daß wir nicht Zeit haben, Kaffee zu kochen. Ein Glück, daß wir noch Brot und Zigarren haben! Ich reite an der Kolonne entlang, frage den einen, ob er bei der letzten Post Briefe von zuhaus erhalten hat, lasse mir von dem anderen erzählen, wieviele Kinder er hat und wie alt sie sind, der dritte muß mir sagen, welche Düngemittel er auf seiner Ackerwirtschaft anwendet. Das lenkt ab und läßt die ungemütliche Situation einen Augenblick vergessen.

Gegen Abend wurde das Wetter noch schlechter. Die Regenschauer wandelten sich in kräftig strömenden Dauerregen. Pferde und Mannschaften waren sehr angestrengt. Da beschloß ich, in Givron, etwa 7 Kilometer westlich von Wassigny zu übernachten. Es wurde Ortsunterkunft bezogen, Pferde und Mannschaften, so gut es ging, in Scheunen untergebracht. Wir Offiziere kamen bei einer alten, schwerhörigen Bauersfrau unter, die uns Spiegeleier auf Speck briet. Um 11 Uhr nachts kam auch

Oberleutnant Bohnhorst mit seiner Kolonne an. Von Kolonne Müller hatte er nichts gesehen oder gehört. Am nächsten Abend kamen wir nach Rozoy. Dort lagen schon ein Kriegslazarett, ein Etappenkraftwagenpark und eine ganze Anzahl Kolonnen. Wir fanden keine Unterkunft mehr und bezogen am Ostausgang Biwak. Bald brodelte in den Kesseln über den ausgehobenen Kochlöchern gutes Rindfleisch und Kartoffeln. Brot hatten wir nicht mehr und in Rozoy war nichts mehr aufzutreiben. Erst für den nächsten Tag wurde ein Verpflegungszug erwartet.

„Etappen-Inspektion der 2. Armee. E.H.O- Montcornet, 17.9.14 Komm.d.Et.Trains.

1.) XV.A.K. ist ohne Kolonnen. Zur Aushilfe werden diesem Korps Fuhrpark-Kolonnen überwiesen.

2.) Hierzu marschieren E.F.K.2/IX(Schlachter) und M.F.K.1 (Klamroth) noch heute von Rozoy ab über Chivres nach Laon. Meldung bei A.O.K.7 , gez. Von Hühne."

Ernst stimmte uns die weitere Nachricht, daß die Kolonne Müller, die mit uns in Sissonne lag, und auch der Vizewachtmeister Nolte, der uns so oft die Befehle der Etappen- Inspektion überbracht hatte, bei Sissonne in Gefangenschaft geraten waren. Dagegen waren die Kolonnen Jungnickel und Fricke, die seit den Tagen an der Marne versprengt gewesen waren und in feindliches Granatfeuer geraten waren, wieder gemeldet. Sie waren direkt nach

Osten zurückgegangen und bei Chalons über die Marne gekommen.-

Donnerstag, 17. September 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

In London ermächtigt das britische Parlament die Regierung des britischen Vizekönigtums Indien zur Ausrüstung eines Expeditionskorps für die Unterstützung britischer Truppen im Weltkrieg. Gleichzeitig erteilen sie der indischen Regierung eine Deckungsvollmacht für sämtliche Militärausgaben.

In Washington empfängt der US-amerikanische Präsident Woodrow Wilson eine belgische Gesandtschaft, die gegen Greueltaten der deutschen Besatzungstruppen in Belgien protestiert. Wilson "als neutrale Instanz von den Kriegsgegnern anerkannt" sagt eine Prüfung der Vorwürfe zu.

Der Trompeter Barke blies das Signal zum Aufsitzen. Lustig klang das frische Signal „Wohlauf, Kameraden, auf`s Pferd, auf`s Pferd!" Durch das französische Nest. Dann marschierten wir weiter nach Notre Dame de Liesse. Hier trafen wir die Kolonne Schlachter wieder. Freund Schlachter zeigte mir noch die wunderschöne Kirche dieses Wallfahrtsortes und dann ging´s weiter durch einen herrlichen Hochwald. Hier begegnete uns eine Artillerie-Munitions-Kolonne, von der ein Unteroffizier auf mich zuritt; es war der Sohn des Gärtners Jakoby in Halberstadt. Man freut sich immer, in Feindesland einen

Landsmann zu treffen. Bei Samoussy übergaben wir die Führung der beiden Kolonnen meinem Leutnant Schüll. Er sollte sie bis nach Laon nachführen. Rittmeister Schlachter und ich trabten mit den Quartiermachern voraus zur Meldung bei dem Armee-Ober- Kommando der 7. Armee. Wir ritten durch Athies-sous-Laon. Hier wurde ich lebhaft an den 4. September erinnert, wo wir hier

die erste Heimatpost erhielten und die Franzosen uns angreifen wollten, aber gefangen genommen wurden.

Es war erst zwei Wochen her, aber was hatten uns diese zwei Wochen für Erlebnisse gebracht! -

Malerisch lag Laon vor uns. Um 4 Uhr nachmittags ritten wir die steile Höhe zur Stadt hinauf. Im alten Präfektur-Schlosse lag das A.O.K., Exellenz von Neringen und sein Stab. Wir meldeten uns bei dem Generalstäbler Hauptmann von Tippelkirch, bei dem Armeeintendanten von Seebach, und bei dem Etappen-Kommandanten, Rittmeister Evers, der im Stadthaus residierte. Wir bezogen Biwak an dem Ostausgang von Laon und warteten, Es war eine rechte Geduldsprobe! Stunde auf Stunde verann und kein Befehl

kam. „Ach die halbe Zeit des Lebens wartet der Soldat vergebens!" sang Oppermann vor sich hin. Auf der Straße marschierten allerlei Truppen, Infanterie und Artillerie.

Dann kamen auch einige Halberstädter Kürassiere, die zur Kommandantur wollten. Von ihnen erfuhr ich, daß unser lustiger Rittmeister von Kotze und der Fahnenjunker von Schubka gefallen, der Leutnant Graf Schwerin in Gefangenschaft geraten seien.-

Ich ließ abkochen, immer noch kein Befehl! Dann kam ein französischer Flieger, alles schoß, wie wild - ohne Erfolg. Als ginge ihn die Sache garnichts an, so zog er ruhig seine Kreise in der Höhe und flog dann wieder ab nach Süden.

Endlich um 6 Uhr abends, nachdem wir den ganzen Tag von früh 8 Uhr ab marschfertig gewartet hatten, kam der Befehl, daß wir ebenfalls nach La Fere fahren sollten. Also vorwärts! Aber da versperrten Kolonnen den Weg bei dem Bahnhof Laon und es gab eine lange Stockung. Langsam gings weiter und die Nacht brach herein. Hinter St. Marcel bezogen wir auf einer Stoppel Biwak. Ich schlief in einer Bahnwärterbude.

Sonntagmorgen! Ein paar Leute kamen zu mir, die Kolonne möchte statt eines Gottesdienstes einen gemeinsamen Choral singen. Überall im Felde zeigte sich bei allen Soldaten, auch den geistig gleichgültigsten, das Bedürfnis nach einer von allem konfessionellen und dogmatischen losgelösten Religion. Es ist der Glaube an Mächte, von denen der Sinn und der Verlauf unseres Daseins abhängt. Ich beförderte gern diesen Zug meiner Leute und suchte dieses Gefühl in die rechte Bahn zu leiten. Durch die klare Morgenluft erklang aus hundert deutschen Männerkehlen der Gesang: „Lobe den Herrn, o meine Seele".-

Le Frere war eine veraltete Festung, die von den Franzosen ohne weiteres geräumt worden war. Am Oise - Kanal lagen Kähne mit Hafer, den wir zu laden hatten. Die beschwerliche Arbeit des Raustragens und Ladens mußten englische Gefangene ausführen. Da passierte ein merkwürdiges Wiedersehen. Mein Kolonnenschneider Munold hatte sieben Jahre als Schneidergeselle in einem Londoner Geschäft gearbeitet. Jetzt hatte er mit dem Karabiner im Arm die Wache beim Laden. Plötzlich kam ein englischer Gefangener auf ihn zu: „Hallo! old chap! Is it You, Billy?" - Da setzte sich Munold in Positur: „Quassele nich, Peroy! I am no more „Billy", ick bin der königlich preußische Gardelandwehrmann Wilhelm Munold! That`s what I am". Er wollte mit seinem früheren Arbeitsgenossen aus London nichts mehr zu tun haben.

Montag, den 21. September 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

Vier österreichisch-ungarische Armeen (1.-4.) beenden ihren am 11. September befohlenen Rückzug in Galizien. Lediglich die von russischen Truppen seit dem 15. September eingeschlossene Festung Przemeysl (westlich Lemberg) kann verteidigt werden.

Am 21. September marschierten wir nach Laon zurück. In unserem Quartier fand ich einen guten kleinen Kodak mit Films. Ich hatte schon sehr bedauert, daß ich meinen Apparat nicht mit ins Feld genommen hatte. Räubern wollte ich den Kodak aber nicht und so ließ ich einen Photographen kommen, der ihn taxieren mußte. Dann wurde ein Protokoll aufgenommen und für M 30,-- ging der Apparat in mein Eigentum über. Ich hatte viel Freude daran.

Mit den Herren von der Kolonne Schlachter hielten wir gute Kameradschaft. Rittmeister Schlachter war ein Hamburger Kaufmann, dessen Geschäft durch den Kriegsausbruch vollständig lahmgelegt war. Er war ein prächtiger alter Herr, immer hilfsbereit, und seine Art mit den Leuten zu verkehren, war vorbildlich. Er hatte keine Offiziere bei der Kolonne. Die Leutnantsdienste versahen zwei Vizewachtmeister, ebenfalls Hamburger, der eine hieß Siemers und war ein Neffe des bekannten Salpeter-Siemers, und der andere war ein Rechtsanwalt namens Stolte. Wir hatten jetzt auch Zeit, uns die Stadt näher anzusehen. Von den Türmen der schönen Kathedrale hatte man einen wunderbaren Blick weit in das Gelände hinein. Ebenso von einem vorspringenden Fort, wo eine Telefunkenstation eingerichtet war. Da sah man auf den Straßen endlose Kolonnen marschieren, Infanterie und Artillerie, Munitionskolonnen und Verpflegungskolonnen. Weiterhin sah man in der Luft die Fesselballone schweben und die einschlagenden Granaten, die hohe Erdspritzer aufwarfen, und die weißen Wölkchen der platzenden Schrapnells dehnten sich über dem ganzen Horizont nach der Südseite von Laon aus. Feindliche Flieger erschienen täglich über der Stadt und wurden eifrig beschossen.

Aufgeregt verfolgten wir stets dieses Schauspiel, aber es wurde während unserer Anwesenheit kein Flugzeug herabgeholt. Tage und Wochen tobte nun draußen schon die große Schlacht. Wir suchten Näheres zu erfahren, hörten aber nur, daß bei Noyon ein guter Erfolg errungen sei, sonst beschränkte sich unser Generalstabsmajor von Hahnke darauf, lächelnd zu erklären: „Es steht alles gut!" Von einzelnen Offizieren, die aus der Front kamen, oder von Verwundeten wurden uns Einzelheiten über die fabelhaften Erdbefestigungen mitgeteilt, in denen sich die Feinde

festgesetzt hatten. Wir glaubten immer noch, daß es sich um eine große, lange andauernde Schlacht handle, aber Tag auf Tag verging und immer noch war kein Ende abzusehen. Das war jene Zeit, in der sich der Stellungskrieg aus dem Bewegungskriege entwickelte, als der deutsche Michel innehielt in seinem stürmischen Siegeslauf und sich breitbeinig hinstellte in Feindesland, das Schwert kreisend um`s Haupt schwang: „Nun kommt her, wenn ihr`s wagt, und versucht, mich wieder aus dem Lande zu vertreiben.!" -

Freitag, 25.September 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

Nach ausführlichen Beratungen entscheidet sich der rumänische Ministerrat unter Ministerpräsident Ion C. Brâtianu für die Aufrechterhaltung der rumänischen Neutralität

im Weltkrieg. Zuvor hatten das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn vergeblich um Unterstützung ihrer Kriegsziele durch das dem Dreibund assoziierte südosteuropäische Land geworben.

Am 25. September fuhren wir nach Ribemont, um Hafer zu holen. Die Straße führte uns an dem Feldfliegerlager der 7. Armee vorbei, aus dem wir täglich die

Aufklärungsflieger hatten aufsteigen sehen. Die lustigen Flieger hatten am Eingange ihres Lagers einen Galgen errichtet und daran eine mit französischer Uniform bekleidete Strohpuppe aufgehängt.

Zwischen Villers le sec und Ribemont war am 30. August ein heftiges Gefecht gewesen. Ich ritt mit Leutnant Oppermann über das Schlachtfeld. Überall lagen Uniformen, Waffen und Granatsplitter umher. Man begreift nicht, wie die starken eingegrabenen Stellungen der Franzosen von unseren Leuten stürmend genommen werden konnten. Dazwischen Soldatengräber, noch nicht bepflanzte Hügel mit einfachen Kreuzen. Hier liegen zwei Helme auf dem Hügel, dort ist ein Franzosenkäppi auf das Kreuz gehängt. Einen wie viel tieferen Eindruck macht dieses einfache Gräberfeld, als ein Friedhof unserer Städte, wo man so oft viel Prunk und Verlogenheit auf den Grabsteinen findet! „Kein schönerer Tod ist in der Welt, als wer vom Feind erschlagen auf weiter Heid`auf grünem Feld."

Sonntag, 27. September 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

Ein britisch-französischer Flottenverband schließt einen Vorstoß in die osmanische Dardanellen-Meerenge unter Umgehung der Minensperren erfolgreich ab.

Daraufhin werden die Dardanellen am 28. September vom Osmanischen Reich vollständig, d. h. auch für die Handelsschiffahrt, gesperrt. Das Osmanische Reich tritt am 29. Oktober auf Seiten des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns in den Weltkrieg ein.

Der 27. September war Sonntag. Die beiden Kolonnen Schlachter und Klamroth sollten Mehl zur sächsischen Armee (XII A.K.) nach St.Erme bringen. Schlachter lud zuerst an dem Magazin. Wir rückten eine Stunde später ab. Da war Zeit, vorher noch einen Sonntagschoral zu singen. „Ein feste Burg ist unser Gott" hatten die Leute wieder ausgewählt. Bei jedem Verse traten noch mehr Soldaten von anderen Formationen heran und sangen mit. Immer voller und kräftiger klang das alte Trutzlied auf dem Hofe der Artilleriekaserne in Laon. Es war ganz ergreifend! Oben öffneten sich die Fenster. Da waren Gefangene untergebracht. Kopf an Kopf standen sie, schauten herab auf die Hunnen und lauschten ihrem Gesang.

Am 28. September hatten beide Kolonnen wieder Magazindienst in Laon. Als ich zur Artillerie-Kaserne kam, wurde gerade ein Trupp englischer Gefangener gebracht. Meine Leute zeigten besonderes Interesse für die Uniform der Schotten mit ihren kurzen Röckchen und nackten Oberschenkeln. Diese Gefangenen machten einen recht frechen Eindruck. Einige versuchten sogar ihr dummes Soldatenlied „It is a very long way to Tipperary" zu singen. Wie sehr sticht doch dieser Gassenhauer ab von den gemütvollen Liedern, die unsere Soldaten zu singen pflegen! Ein Unteroffizier, der vorbeikam und das Gesinge hörte, sagte zu den Leuten „Na wartet man, Kerle, Euch werden sie noch die Flötentöne beibringen."

Mittwoch, 30. September 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

Laut einer in Berlin erlassenen Verordnung des deutschen Bundesrates (Vertretung der Bundesstaaten) dürfen deutsche Schuldner künftig keine Zahlungen mehr an britische Gläubiger leisten. Diese als Teil des unter den europäischen Großmächten ausgebrochenen Wirtschaftskrieges gedachte Maßnahme soll den Abfluß von Kapital aus dem Deutschen Reich verhindern.

Die französische Regierung verbietet per Erlaß jeglichen Handelsverkehr mit Angehörigen feindlicher Staaten oder dort lebenden Personen. Gleichzeitig erklärt sie alle bisherigen Geschäfte für ungültig.

Am 30. September brachte Hauptmann Tippelskirch persönlich mit seinem Auto den Befehl, daß die Kolonne

nach Marle marschieren sollte. So zogen wir denn die breite Straße , die wir am 3. September in umgekehrter Richtung marschiert waren, nach Marle. Damals war es glühend heiß gewesen, die Straße angefüllt von Flüchtlingswagen. Jetzt war die Straße leer, nur ein uns sehr willkommenes Liebesgabenauto aus Krefeld begegnete uns, als wir am kühlen Brunnen von Froidmont eine Tränkpause machten. Dann ritt ich voraus mit den Quartiermachern, um selbst dem Etappen-Kommandanten unser Eintreffen zu melden. Hier erfuhr ich, daß Marle bereits so stark mit Truppen belegt sei, daß keine Unterkunft mehr für uns war. Ich meldete dies dem Hauptmann von Tippelskirch telephonisch und ließ die Kolonne in Voyenne Orts- Unterkunft beziehen. Voyenne war ein hübscher Ort im Tal der Serre. Wir Offiziere wohnten alle zusammen mit dem Zahlmeister, dem Veterinär und dem Vizewachtmeister Markwald bei einem reichen alten Witwer. Der alte Herr hatte ausnahmsweise mal „keine Partie gemacht", wie unsere Leute immer sagten, wenn es hieß „monsieur est partie" Er hütete sein geräumiges Haus mit schönem Garten in eigener Person. Er schien ein alter Sonderling und Geizhals zu sein und ging uns, soviel er konnte, aus dem Wege. Als wir aber von seiner Hausdame sein Schicksal erfuhren, konnten wir ihm unser Mitgefühl nicht versagen. Er hatte früh seine über alles geliebte Gattin verloren, die ihm einen Sohn hinterließ, dem er nun seine ganze Liebe widmete. Der Sohn wuchs heran und wählte sich unter den Töchtern des Landes eine der schönsten, die er dem Vater als Schwiegertochter zuführen wollte. Beglückt kaufte der Alte für das junge Paar ein Gut und baute ein schönes Herrenhaus, das er mit prächtigem Garten umgab. Aber bevor die Hochzeit, die schon angesetzt war, gefeiert werden konnte, brach der Krieg 1870 aus. Statt großer Hochzeitsfeier war stille Kriegstrauung und der Sohn zog aus zum „Spaziergang nach Berlin". Er kam nicht zurück, auch keine Kunde kam, wo er gefallen und wo sein Grab war. Traurig saß der Alte mit der jungen Schwiegertochter in dem Hause, das er für das Glück des jungen Paares erbaut hatte. Er sah mit Sorge, wie sie bleicher und bleicher wurde. Da gebar sie einen Knaben und hauchte selbst ihr junges Leben in seinen Armen aus. Und nun saß der Alte einsam in dem Hause, grübelte über sein Unglück und wartete auf seinen Tod, der ihn aus diesem Jammertal erlösen sollte, wartete vergeblich Jahr für Jahr, aber der Erlöser Tod kam nicht. Statt dessen kamen wieder die Deutschen ins Land, in sein Haus, lärmten und nahmen ihm seinen Wein gegen Bons, von denen er noch ein Bündel unbezahlter als Andenken an den Krieg 1870 aufbewahrte. Es war das alte Lied „la guerre, cèst tres triste", das hier besonders deutlich ertönte. Nun

verstanden wir, daß der Alte sich einschloss und uns nicht sehen wollte.

Samstag, den 10. Oktober 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

Wegen Nahrungsmittelknappheit wird die Abgabe von Weißbrot in bayerischen Gaststätten durch einen Erlaß des bayerischen Innenministeriums verboten. Vor allem kleinere Städte sind aufgrund des Krieges von Engpässen bedroht.

Am 10. Oktober brachen wir frühzeitig von Chaourse auf und marschierten auf bekannter Straße über Montcornet nach Rozoy sur Serre. Hier war inzwischen ein großes Etappenmagazin eingerichtet. Wir luden Hafer. Mit Kolonne Tosse hatten wir dann das gleiche Marschziel: Burelles. Über hügeliges, waldreiches Gelände führte der Weg. Kurz nach 6 Uhr nachmittags trafen wir in dem hübschen Orte mit seiner interessanten alten Kirche ein.

Ich wohnte bei einem wohlhabenden Bauern. Auf der einen Seite der geräumigen Diele hatte ich ein sauberes Schlafzimmer, auf der anderen ein geräumiges Eßzimmer, worin ich mit meinen Offizieren speiste. Die bildhübsche, 25-jährige Tochter des Wirtes briet uns die Leber des von uns geschlachteten Kalbes, machte uns Bratkartoffeln dazu und sorgte überhaupt in jeder Weise für uns. Schwer genug mag es ihr geworden sein. Drei Monate vor dem Feldzuge hatte sie geheiratet. Ihr Mann mußte gleich ins Feld, und nicht eine einzige Nachricht hatte sie erhalten! Lebte er noch, oder war er längst tot? „C´est bien Malheureux, c´est trés trés triste, Monsieur!"

Sonntag, 18. Oktober 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg beauftragt Innenminister Clemens Delbrück und den Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Arthur Zimmermann, den künftigen staatsrechtlichen Status des von deutschen Truppen besetzten Belgien auszuarbeiten. Nach seiner Ansicht soll Belgien zu einem militärisch und wirtschaftlich vom Deutschen Reich abhängigen Staat werden.

Am Sonntag, den 18. Oktober hatte wir eine eindrucksvolle, kleine Feier in der katholischen Dorfkirche. Ich hatte unter meinen Leuten einen noch unvereidigten Ersatz-Reservisten Hellmuth Descelski. Ich wollte ihn, nachdem er nun genügend ausgebildet und mit

den Kriegsartikeln vertraut gemacht worden war, vereidigen. Der Pfarrer stellte uns, nachdem er vorher mit seiner Gemeinde Gottesdienst abgehalten hatte, das Kirchlein zur Verfügung. Um 11 Uhr marschierten meine gesamten Leute - nur die Wachen blieben zurück - im Schmuck der Waffen in die Kirche. Unser Kapellmeister, der Gefreite Boyen, spielte auf der Orgel ein sehr schönes Bach´sches Präludium. Dann erklang aus deutschen Soldatenkehlen in der kleinen französischen Dorfkirche trutzig unser Kriegslied „Ein feste Burg ist unser Gott" und im Anschluß daran verlas ich die zuversichtlichen Worte des 91. Psalms: „Und ob tausend fallen zu Deiner Linken und zehntausend zu Deiner Rechten wird es doch dich nicht treffen..." Es folgte nun die Vereidigung. Hellmuth Decelski sprach den von mir vorgesprochenen Fahneneid nach, indem er die rechte Hand erhob und die linke auf meinen gezogenen Pallasch legte. Meine beiden Offiziere standen mit den Degen salutierend rechts und links neben mir. Nach der Vereidigung sangen unsere Leute mehrstimmig „Großer Gott, wir loben Dich", Vers 1-3, 11 und 12. Darauf sprach ich das „Unser Vater", dem der Gesang „Unseren Eingang segne Gott" folgte. Nach einem kurzen Finale verließen wir die Kirche. Es war eine eindrucksvolle Feier in dem Kirchlein in Feindesland, in dem kurz zuvor noch die Gemeinde inbrünstig für den Sieg der französischen Waffen gebetet hatte. Während der Feier standen die Türen des Gotteshauses weit offen und die Dorfbewohner blickten hinein. Was mögen ihre Gedanken gewesen sein?

Der Glaube an Gott! Eine wunderbare Kraftquelle ist der Glaube! Er gibt den Betenden Trost und Ruhe in die Herzen. Alle werfen ihre Sorge auf „Ihn", die Deutschen und die Franzosen. Am selben Morgen hatte ich die Franzosen aus dieser Kirche kommen sehn. Sie hatten zu Gott gefleht, der „Frankreich immer geliebt", um den Sieg ihrer Waffen, und mit Trost und Ruhe in ihren Herzen hatten sie ihre Kirche verlassen. Jetzt hatten an der selben Stelle deutsche Soldaten gebetet: „Vater ich preise Dich! ´s ist ja kein Kampf um die Güter der Erde; das Heiligste schützen wir mit dem Schwerte! Drum, fallend und siegend, preis´ ich Dich. Gott, Dir ergeb ich mich!" und auch sie hatten Trost und Ruhe gefunden im Glauben an Gott."Herr wie Du willst, so führe mich!" Das ist das tiefe Geheimnis des Glaubens. -

Freitag, 30. Oktober 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

Mit einer in der schweizerischen Tageszeitung »Berner Tagwacht« erscheinenden Erklärung protestieren oppositionelle deutsche

Sozialdemokraten gegen die kriegsfreundliche Politik der SPD-Führung. Zu den Unterzeichnern gehören u. a. Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Franz Mehring und Clara Zetkin.

Am 30. Oktober vereinigten wir uns alle im Quartier des

Oberleutnant Fricke zu einem gemeinschaftlichen Essen, zu dem jede Kolonne etwas beigesteuert hatte. Wir hatten eine Schweinskeule, 6 Flaschen Burgunder aus Clary und einen Apfelkuchen geliefert, den Fingas aus St. Quentin mitgebracht hatte. Wir waren 15 Offiziere, die sich zu diesem seltsamen Liebesmahle vereinigten. Rittmeister Schlachter brachte das Kaiserhoch in knapper, militärischer Form aus: „Meine Herren Kameraden! Den ersten Tropfen Wein, den letzten Tropfen Blut

für unser Vaterland, für unseren Kaiser! Seine Majestät, Hurrah! -Hurrah! - Hurrah" -

Joe J. Heydecker:

Währenddessen war die Wahl Erich von Falkenhayns zum neuen Generalstabs-Chef einem neuen Unglück gleichgekommen. Als er nach dem erzwungenen Rücktritt Motkes seine Berufung erhält, prüft er sich selbst keinen Augenblick, sondern bemerkt in schöner Zuversicht: „Ich kann natürlich nur mit ja antworten. " General Max Hoffmann, einer der fähigsten Offiziere im Stabe Hindenburgs und Ludendorffs, nennt Falkenhayn nur den „Verbrecher" , denn es stellt sich rasch heraus, daß Moltkes Nachfolger kalt, unbedacht und geringschätzig mit den Menschen umgeht, die ihm anvertraut sind.

Im Westen findet Falkenhayn die verfahrene Situation vor, die ihm sein Vorgänger hinterlassen hat. Seine Aufgabe ist es, nach dem Zusammenbrechen der Schlieffenschen Idee einen neuen Kriegsplan aufzustellen, eine neue Idee hervorzubringen. Sie besteht darin , daß versucht werden soll, den Schlieffenplan aufzuwärmen und den linken Flügel der Franzosen im Norden zu umfassen. Auf der französischen Seite besteht der gleiche Plan, nämlich den rechten Flügel der Deutschen aufzurollen. So arbeiten sich beide, ohne daß die Umfassung gelingt, immer weiter nach Norden vor bis an die Küste. Rücksichtslos wirft Falkenhayn neue Massen in dieses aussichtslose Spiel. Er will zu den Kanalhäfen durchstoßen, er will einen glänzenden Sieg haben, denn als Generalstabschef, der jünger ist als alle seine Armeeführer, muß er zeigen, was er kann. So greift er, als das Unternehmen steckenbleibt, als der Nachschub zusammenzubrechen droht und es bereits an Artillerie und Munition fehlt, auf die Kriegsfreiwilligenbataillone zurück, aus denen einmal der Offiziersnachwuchs hervorgehen soll. Falkenhayn schickt diese jungen Burschen - sie sind nur mit Gewehren und Bajonetten bewaffnet - ohne Artilleriebedeckung, ohne erfahrene Führer dem Feind entgegen.

Es ist eine sinnlose Schlächterei. Der britische Heeresbericht schreibt über den Massenmord, der später in Deutschland als Heldenepos von Langemarck in die Geschichtsbücher eingeht: „Diese Knaben von siebzehn Jahren stellten sich unseren

Kanonen entgegen, marschierten unbeirrt gegen die Läufe unserer Gewehre und fanden furchtlos scharenweise den Tod. Sie singen „Deutschland, Deutschland über

alles" dabei. Ihr Opfer bleibt vergeblich. Die Westfront versinkt im System der Schützengräben. Am Ende des Jahres stehen sich in dem Gewirr von Schlammlöchern, Unterständen, Tunnels und Verbindungsschneisen 1,7 Millionen Deutsche und 2,3 Millionen Franzosen, Briten und Belgier gegenüber. Unvorstellbar und selbst unvergleichlich mit dem Zweiten Weltkrieg wird dieser Stellungskampf werden. Von der Nordsee bis zur Schweizer Grenze dehnt sich die Mondlandschaft aus, die nun jahrelang zur hoffnungslosen, höllischen Welt von Millionen menschlicher Maulwürfe wird.

Falkenhayn freilich beginnt erst im Jahre 1916 an den eigenen Fähigkeiten zu zweifeln und quittiert seine glanzlose Tätigkeit mit den genäselten Worten: „Man möge einen anderen suchen." Bis zu solcher Selbsterkenntnis und Selbstüberwindung muß allerdings noch viel Blut auf den Schlachtfeldern vergossen werden.

Während die Front im Westen erstarrt, wendet sich Falkenhayn dem Osten zu.

Sonntag, 29. November 1914, Chronik des 20. Jahrhunderts

Mitglieder der SPD-Kreisorganisation Niederbarnim (Groß-Berlin) vereinbaren in Berlin mit dem zur innerparteilichen Minderheit der Kriegsgegner zählenden Franz Mehring die Verbreitung von Agitationsmaterial gegen die offizielle Burgfriedenspolitik der SPD- Führung. Die ersten Schriften dieses sog. Niederbarnimer Bildungsausschusses, einem künftigen Zentrum der innerparteilichen Opposition, erscheinen im Dezember 1914.

Kurt Klamroth:

Langsam nahte das Weihnachtsfest heran. Meine Leute übten schon unter Boyens Leitung Weihnachtslieder. Am ersten Adventssonntag, es war der 29. November 1914, wollten wir gerade zur Kirche gehen, da kam der Befehl: „Kolonne Fricke marschiert sofort nach Busigny und ladet dort nach Anweisung der Indentantur, hält sich dann am Bahnhof Busigny marschbereit auf. Kolonne Klamroth und Kolonne Böckelmann marschieren nach Maretz, halten sich dort marschbereit auf, belegen aber Quartiere.Befehlsempfänger am Bahnhof Busigny. Die alten Quartiere werden aufgegeben." Da hieß es denn Abschied nehmen von unserem Freund Schlachter. Wohin mag uns dieser neue Befehl führen? Zunächst ging´s mach Maretz in ein recht gutes Quartier. Der Hausherr war fort, aber ein Hausmann sorgte gut für uns. Wir saßen gerade bei gutem Burgunder und erörterten die verschiedenen Möglichkeiten, die dieser Befehl in sich schließen konnte, da kam das Etappenauto

der 2. Armee und Leutnant Naumann meldete, daß er uns drei Kolonnenkommandeure nach St. Quentin holen sollte. Wir stiegen ein und fort ging es in rasender Fahrt nach dem Etappenhauptort. In den schönen Räumen des Kommandeurs der Trains trafen wir bereits Rittmeister Schoen und Hauptmann Tosse. Major Fiedler begrüßte uns und teilte uns mit, daß unsere fünf Kolonnen am 30. November nach Rußland verladen werden würden. Hindenburg brauche Kolonnen. Dann gab er uns noch

Verhaltensmaßregeln. Am nächsten Morgen sollten wir noch in Busigny Pelze für alle Mannschaften,

Pelzsteigbügelkappen, Eisstollen und Hufeisen empfangen. Er bedankte sich für unsere unter seiner Führung geleisteten Dienste und kredenzte uns noch einen Abschiedstrunk. Dann entließ er uns, nachdem er mir vorher noch persönlich gesagt hatte, daß er sehr bedaure, mir das Eiserne Kreuz, zu dem er mich schon lange eingegeben habe und das, wie er erfahren habe, auch genehmigt sei, nicht mehr selbst überreichen könne; er werde es mir nach Rußland nachschicken. -

Kurz darauf saßen wir drei Kolonnenführer, Böckelmann, Fricke und ich wieder im Auto und fuhren bei mondheller Nacht zurück nach Maretz. Also: Rußland ! Und wir hatten uns schon in dem Wäldchen bei Bantouzelle einen Weihnachtsbaum ausgesucht und die Stelle in dem schönen Quartier von Fricke, wo wir ihn hinstellen wollten! Wo werden wir nun Weihnachten feiern?

Gegen Mitternacht kamen wir nach Maretz zurück, wo uns unsere Herren mit Spannung erwarteten. Sie hatten alle Möglichkeiten besprochen, was aus uns werden würde. Sie hatten auf eine Verladung nach Flandern geraten oder auf eine Verschiebung in die Gegend von Verdun; auf Rußland hatten sie nicht gerechnet, da nach dorthin in letzter Zeit keine Truppen vom Westen geschickt worden waren. Freudig war die Überraschung gerade nicht und die Kameraden, die in dem schönen Frankreich bleiben konnten, wurden beneidet, aber bald suchten wir die Lichtseiten unseres neuen Kommandos heraus und sahen mit Spannung dem neuen Abschnitt unserer Feldzugzeit entgegen. Es wurde noch mancher Flasche guten Weins der Hals gebrochen, zumal das Haus einen vorzüglichen Weinkeller hatte, und erst spät suchten wir unser Lager auf zum letzten Schlaf auf Frankreichs Boden.

Am nächsten Morgen nahm ich meine Leute zusammen und sagte ihnen etwa folgendes: „Kameraden, ich war gestern Abend bei unserem Kommandeur der Etappentrains in St. Quentin. Er läßt Euch durch mich seinen Dank sagen für

das, was ihr im Aufmarschgebiet, in Belgien und in Frankreich geleistet habt. Am unseren Erfolgen hat der

Train dadurch, daß der Verpflegungs- und Munitionsnachschub klappte, nicht geringen Anteil. Eine neue Aufgabe steht uns jetzt bevor. Hier sind unsere Kolonnen bei dem Stellungskriege und den guten Bahnverbindungen zum Teil entbehrlich geworden. Drüben in

Rußland stehen unsere Truppen vor großen Entscheidungen. Nur wenige Bahnen gibt es dort und Kolonnen werden gebraucht, Kolonnen, die kriegsgeübt sind und auf die sich die Führer verlassen können. Kameraden, Hindenburg braucht uns! Wir werden morgen nach Rußland verladen und treten unter sein Kommando. Freilich sind die Wege dort schlechter und die Verhältnisse schwieriger. Aber ich vertraue auf Euch, daß ein jeder auch dort gern seine Pflicht tut für unseren Kaiser, für unser Vaterland! Wir wollen das bekräftigen durch ein dreifaches Hurrah. Unser Kaiser und unser Vaterland: Hurrah, Hurrah, Hurrah!"

In seiner Biographie "Kurt Klamroth, ein Halberstädter Bürger" schreibt Udo Mammen: Die Kolonne Klamroth erhielt die Order, Munition vom Zug auf die Pferdewagen umzuladen, die dann über die deutsch-russische Grenze befördert wurde. Das war eine Aufgabe, worauf die Soldaten nicht wenig stolz waren, erschien sie Ihnen doch militärischer als die in Frankreich, wo die Kolonne beauftragt war, Mehl, Hafer und Verpflegung zu laden.

Nicht er selbst, sondern seine geliebten Pferde Lord und Nelly, die ihn von Halberstadt aus nach Frankreich und nun auch nach Rußland begleitet haben, läßt er am 2. Weihnachtstag 1914 einen Brief diktieren, den er nun in ihrem Namen an die zu Hause gebliebenen Wagenpferde Mikosch und Janosch und an das Pony der Kinder, Peterle schickt:

Lieber Mikosch! Lieber Janosch!, Liebes Peterle!

Wir müssen Euch doch auch mal schreiben. Wir, nämlich Nelly und Lord. Allerdings können wir`s nicht direkt, aber der Rittmeister sagt, er will`s für uns tun und Kurt würde so gut sein, und es Euch vorlesen.

Also Ihr seid immer noch zu Hause und nicht im Kriege? Wie beneiden Euch darum. Aber der Rittmeister sagt, das wäre schlappy, und ein ordentliches Soldatenpferd müsse sich freuen, in dieser Zeit mit im Felde zu sein. Aber hier gibt`s so wenig, worüber wir uns freuen könnten! Das war in Frankreich doch ganz anders! Die schönen warmen Ställe, das gute Heu, der prachtvolle Hafer und die guten Straßen: Aber hier! Neulich haben wir in einem ganz richtigen Schweinestall die Nacht zubringen müssen. Die Schweine waren ja rausgejagt, aber es roch noch so schrecklich danach! Wie kann man uns sowas zumuten, wo wir doch „Königliche Dienstpferde" sind! Das ist doch

eine Schweinerei! Überhaupt stinkt es hier oft, besonders wenn wir, was sehr oft vorkommt, an russischen Gefangenen vorbei müssen. Dann riecht`s wie in einer Menagerie. Das Heu ist muffig, kein richtiges Heu aus Wiesengräsern, sondern Schilf dazwischen. Das bekommt uns schlecht. Neulich habe ich (Nelly) gräßliche Leibschmerzen davon gehabt. Aber Schmidt und Zietemann, unsere beiden Burschen, haben mir mit Strohwischen den Bauch gerieben, bis ich wieder besser wurde. Und Hafer gibt´s auch so wenig und nur mit Gerste vermischt, das schmeckt gar nicht! Ach, und die schlechten Wege! Alles mit Schlamm bedeckt und darunter sind große Löcher, die man nicht sieht. Aber wir sind noch nie gefallen. Wir gehen vorsichtig, damit dem Rittmeister nichts passiert. Er ist auch gut zu uns und gibt uns noch manchmal Zucker. Nicht mehr so oft wie in Frankreich, aber doch ab und zu, und wir glauben, er spart ihn sich vom Munde ab. Und aussehen tun wir! Mein (Lords) Bauch ist wie ein Faß mit Fell überzogen, durch das die Faßreifen zu sehen sind, das sind meine Rippen, und hinten an den Flanken habe ich zwei tiefe Löcher. Aber laufen kann ich noch tüchtig. Unsere Haare sind struppig, wie dem Rittmeister sein Bart. Der Rittmeister sagt aber, es ist alles fürs Vaterland und wenn wir brav aushielten und dann nach Hause zurückkämen, dann kämen wir „in goldenes Korn bis an den Bauch". Darauf freuen wir uns schon! Viel schlimmer haben es die Zugpferde bei der Kolonne. Die müssen mächtig ziehen über steinige, schlammbedeckte Straßen, über sumpfige Wege, über die Holzknüppel gelegt sind, und immer zu schlägt Ihnen die Wagendeichsel gegen den Bauch. Na, es ist keine Freude hier für uns, und Ihr könnt froh sein, daß Ihr zuhause seid. Das darf aber der Rittmeister nicht hören, der sagt, daß wir stolz sein sollen, daß wir mittun dürfen!

Montag, 18. Januar 1915, Chronik des 20. Jahrhunderts

Der deutsche Generalgouverneur in Belgien ordnet an, daß feine Backwaren dort nur noch am Mittwoch und Samstag jeder Woche hergestellt werden dürfen.

Im Deutschen Reich beginnt die vom Kriegsausschuß für warme Unterkleidung veranstaltete Reichswollwoche. Bis zum 24. Januar soll warme Kleidung für die deutschen Truppen gesammelt werden.

Kurt Klamroth:

Am 12. Januar hatte ich als Beisitzer an einer Gerichtsverhandlung der Etappenkommandantur in Pniewo teilzunehmen. Den Vorsitz führte Hauptmann Goldfriedrich vom Landsturmbatallion Meissen. Im Zivilleben war er

Bürgermeister von Meissen. Die Verteidigung hatte ein Leutnant Fleischhauer vom gleichen Bataillon. Es lagen mehrere Fälle gegen Soldaten vor und ein schwerer Spionagefall gegen einen Eingeborenen. Letzterer wurde für schuldig befunden und bereits am gleichen Nachmittage erschossen.

...am 19. Januar reichte ich ein Urlaubsgesuch ein. Durch die unregelmäßige Ernährung hatte sich mein altes aus den Tropen mitgebrachtes Darmleiden wieder bemerkbar gemacht und als Folge hatten sich nervöse Herzstörungen gezeigt, die zu wiederholten Ohnmachten geführt hatten.

Freitag, 22. Januar 1915, Chronik des 20. Jahrhunderts

Auf die Kriegsanleihe in Österreich-Ungarn werden 3306 Mio. Kronen (2215 Mio. Mark) gezeichnet; davon entfallen 2136 Mio. (1431 Mio. Mark) auf Österreich und 1170 Mio. (784 Mio. Mark) auf Ungarn.

Der Schweizer Bundesrat erläßt ein Ausfuhrverbot für verschiedene Produkte, u. a. für Schokolade, Essig, Weißblech, Kupferkabel und Kalk.

Die Genehmigung meines Urlaubs traf am 22. Januar ein. Am Abend brachten mir meine Leute unter der Leitung des Unteroffiziers Boyen noch ein Ständchen. Sie sangen „Harre meine Seele" und „Muss i denn.." und zum Schluß „Ich hatt`einen Kameraden".Es war mir der Abschied von den Leuten, die soviel Anhänglichkeit zeigten, ordentlich schwer.

Nach langer Fahrt erreichte ich in der Nacht Thorn und am anderen Morgen früh um 9 Uhr Hohensalza, von wo ich mit dem D-Zug nach Berlin fahren konnte. Von dort telefonierte ich nach Halberstadt und als ich nachts um

1 Uhr auf dem Bahnhofe ankam, erwartete mich meine liebe Frau. Zuhaus schlich ich noch an die Betten der schlafenden Kinder, wie schön war es doch, nach sechsmonatiger Trennung wieder einmal daheim sein zu dürfen! - Es folgten vier schöne Erholungswochen.

Mittwoch, 3. Februar 1915, Chronik des 20. Jahrhunderts

In Sarajevo werden die wegen Beteiligung am Attentat auf den österreichisch- ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand vom 28. Juni 1914 zum Tode verurteilten Beljko Cubrilovic, Mieko Javanovic und Danilo Ilic hingerichtet.

Gawrilo Princip, der den Erzherzog erschoß, konnte wegen seines jugendlichen Alters nicht zum Tode verurteilt werden.

Sonntag, 7. Februar,

Deutsche Truppen beginnen eine Offensive in Ostpreußen; in der sogenannten Winterschlacht in Masuren müssen die Russen bis Ende Februar ganz Ostpreußen räumen.

Kurt Klamroth:

Als aber dann die großen Siegesnachrichten kamen von der Masurenschlacht, als die Glocken läuteten und die Siegesfahnen wehten, da zog es mich doch wieder hinaus in den Krieg zu meinen Leuten und ich war froh, als der Sanitätsrat Dr. Rennebaum, der alte Freund des Hauses, und der Generaloberarzt Dr. Kunow mich wieder für k.v. erklärten und mich am 2. März wieder abreisen ließen.-

Dienstag, 2. März,

Zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich beginnt der erste Austausch schwerverwundeter Kriegsgefangener. 1800 französische und 800 deutsche

Schwerverwundete werden über die Schweiz in ihr Heimatland gebracht.

Mit meinen Leuten hatte ich nach meiner Rückkehr zuerst

mehrfach Ärger und Verdruß. Oberleutnant Schüll, der die

Kolonne während meiner Abwesenheit geführt hatte, verstand es nicht recht, mit den Leuten umzugehen. Er war am unrechten Platze scharf und kehrte gern besonderen Schneid heraus. Das konnten die Leute nicht vertragen und so war die Disziplin, die sich bei Kolonnen, die viel marschieren müssen, wobei kaum mal Gelegenheit ist, sie ordentlich zusammenzunehmen, überhaupt leicht lockert, bedenklich aus dem Leim gegangen. Es ist überhaupt eine schwere Aufgabe, den Mannschaften immer ein gerechter und doch strenger Vorgesetzter zu sein und sie immer

in der Hand zu behalten. Besonders schwer ist`s aber, verlorengegangene Zucht wieder in eine Truppe reinzubekommen.

Da war es gut, daß wir in Zychlin ein gutes Standquartier hatten, in dem ich den Dienst mehr garnisonsmäßig gestalten konnte. Die Mannschaften waren in guten Räumen der Zuckerfabrik zusammen untergebracht. Morgens und Abends blies der Trompeter die heimatlichen Signale zum Wecken und Zapfenstreich, die Offiziere und Portepeeunteroffiziere bekamen Tagesdienst und mußten scharf revidieren. An den Ruhetagen hielt ich , ohne zu schikanieren, viele Apelle mit allen Sachen und Waffen ab, bestrafte in klaren Fällen energisch und suchte vor allem gerecht zu sein. An den Sonntagen, an denen wir nicht marschierten, hielt ich wieder regelmäßig kurze Andachten mit gemeinschaftlichem Gesang ab. Das wurde

nicht als Dienst betrachtet, wer wollte, konnte dazu kommen - und sie kamen fast alle ! Dann setzte ich Sprechstunden fest, die beim Abendappell bekannt gegeben wurden. In diesen Sprechstunden konnte jeder, der etwas auf dem Herzen hatte, zu mir kommen und sich Rat holen. Da kamen sie mit geschäftlichen Sorgen, mit Hypothekenfragen; die Landwirte fragten, ob sie für ihre Wirtschaft wohl Kunstdünger kaufen könnten, wie es wohl mit Urlaub zur Bestellung werden würde u.s.w. In juristischen Fragen gab Leutnant Oppermann, der im Zivilleben Rechtsanwalt war, seinen Rat und bald hatte ich die Freude, zu sehen, wie das alte Vertrauensverhältnis und die alte straffe Disciplin wieder hergestellt wurde. Nur eine schwere Enttäuschunger erlebte ich noch mit dem Unteroffizier Boyen, unserem Kapellmeister.

Mit Genie und Künstlertum ist ja oft Leichtsinn verbunden. So war es auch hier! Ich hatte ihm die Postbesorgung übertragen. Da hat er Geld, das er für einen Kameraden in Lowics zur Post zur Absendung an dessen Frau geben sollte, dort in leichtsinniger Gesellschaft verjuxt. Zwar hatte er es später aus Mitteln, die ihm von Hause geschickt waren, nachträglich abgesandt, aber der Mann hatte mir vorher gemeldet, daß das Geld bei seiner Frau nicht eingetroffen wäre. Ich hatte ein Versehen bei der Post vermutet und reklamiert. So war´s rausgekommen. Boyen wurde vor ein Kriegsgericht gestellt: Unterschlagung an einem Kameraden, geständig, mildernde Umstände; Urteil: Degradation, Gefängnis, Strafaufschub, da er bat, als Gemeiner zur Infanterie an die Front geschickt zu werden. Dort hatte er Gelegenheit, durch sein Blut den Makel wieder wegzuwaschen. Was aus ihm geworden ist, habe ich nicht erfahren.-

Schon zu Pfingsten 1915 kommt Kurt Klamroth wieder nach Hause,

um sich einer Darmoperation zu unterziehen.

Kurt Klamroth:

Auch in Halberstadt war alles auf den Krieg eingestellt.

Meine Frau hatte ihre bestimmten Dienststunden im Lazarett Roonstraße", in dem sie die Aufsicht über das weibliche Hilfspersonal führte und für das sie auch die ganze Buchführung erledigte, und auch im Leben der Kinder spielte der Krieg eine immer größere Rolle. Die Knaben waren nicht nur eifrig bei ihren Pfadfinderübungen, sondern hatten auch sonst allerlei Kriegsdienst, zu dem sie je nach Alter herangezogen wurden. Alle, auch die Mädchen, wurden in den Werbedienst für die Kriegsanleihe

gestellt und sammelten Gold für die Reichsbank. In den Schulen waren Vortragsstunden, die sich mit den Kriegsereignissen beschäftigten. So hielt Hans- Georg einen Vortrag mit Lichtbildern, die er nach den von mir draußen aufgenommenen Bildern angefertigt hatte. Annie hatte mit ihren Klassenfreundinnen eine recht gute Zusammenstellung über den „Humor im Felde" ausgearbeitet, wobei die einzelnen Schülerinnen die aus dem Kladderadatsch und den Feldzeitungen gesammelten Verse und Scherze vortrugen und Annie einen verbindenden Text sprach. Diese Vorführungen wurden dann auch in den Lazaretten zur Unterhaltung der Verwundeten vorgetragen, wobei auch Kurt und Erika Gedichte hersagten. Aus alledem sah ich, wie der Krieg das Gemüt unserer Jugend,

selbst der Kleinen, ergriff. Fast erschrocken war ich aber über den Ausdruck, mit dem mein Ältester mir den Lissauerschen „Haßgesang an England", in dem England der Haß von 70 Millionen entgegengeschleudert wird, hersagte. Mit gleichen Empfindungen trug mir Kurt ein ähnliches Gedicht vor. Aber auch bei den Erwachsenen in Halberstadt fand ich eine Erbitterung gegen England, wie ich sie nicht erwartet hatte. Auch wir draußen im Felde waren empört über die früheren Vettern von jenseits des Kanals, aber die Erbitterung in der Heimat übertraf unsere Erbitterung bei Weitem. Wie gut war es, daß unsere Freundin Gladys Kidson schon vor Monaten in ihre Heimat zurückgereist war! Sie hatte noch mehrere Male geschrieben. Ihr letzter Brief kam gerade, während ich in Halberstadt war. „I am very sorry, but of course - there can only be one end of the war!"

Meine kleine Darmoperation war im Salvatorkrankenhause von unserem Neffen Sanitätsrat Springorum mit sicherer Hand vorgenommen worden und schon nach vierzehn Tagen konnte ich im eigenen Hause bis zur völligen Heilung der Wunde wohnen und mich des Zusammenseins mit Frau und Kindern erfreuen. Auch viele Freunde und Verwandte besuchten mich und der Oberbürgermeister Dr. Gerhardt veranlaßte nach einer Stadtverordnetenversammlung eine Zusammenkunft, an der außer mir auch unser Bürgermeister Weißenborn teilnahm, der seit Kriegbeginn im Westen eine Munitionskolonne führte, und jetzt zufällig auf Urlaub war. Da hörten wir Näheres darüber, welche ganz neuen Anforderungen der Krieg an die Stadtverwaltung gestellt hatte und wie die neuen großen Aufgaben mit den durch die Einberufungen verringerten Kräften gelöst wurden. Auch in dem Stadtparlament waren die Gegensätze in den Hintergrund getreten und der nationalliberale Parteivorstand Stadtverordneter Deesen arbeitete in engstem Einvernehmen mit dem Führer der Halberstädter

Sozialdemokraten Stadtverordneten Dr. Crohn im Ernährungsausschuß. Auch hier gab es keine Parteien mehr, nur noch Deutsche! Und doch hörte ich an diesem Abend zum ersten Male eine Melodie erklingen, die viel später zum Leitmotiv der gesamten Sozialdemokratie erstarkte.

Dr. Crohn stimmte sie an.

Wir sprachen über die großen Erfolge Deutschlands und über seine Unbesiegbarkeit. „Ja", sagte Dr. Crohn, der trotz seiner sozialdemokratischen Anschauungen durchaus national dachte, „Ja, das ist auch meine feste Überzeugung. Aber wie soll aus diesem schrecklichen Völkerringen der Friede geboren werden? England bringt ein Volk nach dem anderen gegen uns auf. Daß wir die ganze Entente so niederringen werden, daß sie sich den Frieden von uns diktieren lassen, ist undenkbar. Es gibt keine neutrale Macht oder Koalition neutraler Mächte in Europa, die stark genug wäre, um erfolgreich einzugreifen und einen Frieden vermitteln zu können. So wird der Kampf bald heftiger, bald schwächer geführt werden und keine der beteiligten Regierungen wird nachgeben können und so wird nur von den unteren Schichten, von den Massen der Völker der Friede herbeigeführt werden können. Die Völker aller kriegführenden Nationen werden sich erheben und den Frieden verlangen müssen. Nur so wird ein Ende möglich sein!!" Er sprach das damals ernst und fast traurig aus, als ein Fatum, dem man nicht entgehen könne. Seine Worte machten großen Eindruck auf mich und ich habe später oft daran denken müssen. -

Samstag, 3. Juli 1915, Chronik des 20. Jahrhunderts

Der SPD-Parteivorstand sowie die Generalkommission der Gewerkschaften kritisieren den von SPD-Mitgliedern verfaßten offenen Brief vom 9. Juni, in dem zum Widerstand gegen den Krieg aufgerufen wird. Den Verfassern des Briefes werfen sie vor, die Arbeiterbewegung spalten zu wollen.

Am 3. Juli war ich wieder soweit hergestellt, daß ich wieder zu meiner Kolonne zurückreisen konnte.

Im Juli 1915 kehrt er zu seiner Kolonne zurück und kommt im Monat darauf nach Warschau. Seine Freizeit nutzte Kurt Klamroth um sich die Umgebung Warschaus anzusehen, aber auch die Museen in der Stadt erweckten sein Interesse.

Nur kurze Zeit verbrachte er als Etappenkommandant in Warschau; denn erneut machte ihm die aus Westindien mitgebrachte tropische Amöbendysenterie zu

schaffen und nach kurzem Lazarettaufenthalt ging es wieder in die Heimat. Kurt Klamroth ist immer sehr karg in allen gefühlsmäßigen Mitteilungen, so schreibt er nicht von seiner Freude, bei seiner Familie zu sein, sagt lediglich: Die liebevolle Pflege im eigenen Haus besserte mein Leiden bald wieder und hob meine gedrückte Gemütsstimmung.

Kurt Klamroth:

Begleitete man auch seine Lieben, die man in scharfen Kämpfen an der Westfront wußte, mit banger Sorge, so war doch überall feste Zuversicht. Ein jeder wußte: „Durch kommen sie nicht!" So war die Stimmung, wenn auch nicht mehr so begeistert, wie im August 1914, doch durchaus fest und man ertrug die kleinen Einschränkungen willig und gern. Unsere Jugend drängte sich zur Truppe, die Prima des Gymnasiums war immer leer, weil jeder, der durfte, sich zum Notexamen meldete, um Soldat zu werden. So hatte auch unser Neffe Fritz Hecker schon von seinen Eltern die Erlaubnis, sich ein Regiment zu suchen, und auch unser Ältester fing immer wieder an, davon zu reden. Noch war er aber nicht kräftig genug und noch zu jung.

Nach zweimonatigem Genesungsurlaub meldete sich Kurt Klamroth am 15. Dezember 1915 bei der Garde-Train-Ersatz-Abteilung in Berlin-Tempelhof wieder zum Dienst, blieb dort aber nur bis zum April 1916.

Donnerstag, 20. April 1916, Chronik des 20. Jahrhunderts

Die USA überreichen der deutschen Regierung eine Antwort auf die deutsche Note zum Fall des torpedierten Dampfers »Sussex« vom 10. April. Darin wird mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen gedroht, falls Deutschland den verschärften U-Boot-Krieg fortsetzt. Zur Unterstützung der französischen und britischen Verbände an der Westfront treffen russische Einheiten in Marseille ein.

Am 26. April trifft Kurt Klamroth in der russisch-polnischen Stadt Grodno ein und

übernimmt dort zusammen mit dem Halberstädter Bürgermeister Weissenborn für

6 Monate die Stadtverwaltung.

Gertrud Klamroth schreibt am 11. Juli 1916:

Mein geliebter Mann!

Gestern kam Hans-Georg plötzlich ganz selig nach Hause.

Paul Springorum hat mich tauglich befunden! Heimlich hatte er sich angemeldet und war heimlich hingegangen. Nun wollte Paul nochmal mit mir sprechen, ich will nachmittags zu ihm gehen. Lieber Alter, ich habe nicht

anders handeln können. Als ich Hans-Georg damals Deinen Brief gab, hatte er Dir ja inzwischen schon geschrieben und mir sagte er: „Mutter, Vater sieht das aus der Ferne anders an - es geht doch gegen meine Ehre."

Den Ausschlag gab wohl jetzt besonders, daß der schmale, schwächliche Kühne aus seiner Klasse jetzt ein Regiment

gefunden hat und nun Not-Examen machen will. Ich schrieb Dir ja, daß ich Paul gesagt hatte, wie Du darüber dächtest und daß er nach Möglichkeit den Jungen zurückhalten möchte, wenn er noch irgend eine Schwäche an ihm fände. Wenn Paul ihm selbst jetzt sagt: Du bist gesund und militärtauglich, dann können wir auch fest überzeugt sein, daß er es ist.

Nun ist natürlich die Folge, daß er sich gleich nach den Ferien zum Examen melden möchte. Darüber, daß er noch Soldat werden muß, das heißt, daß der Krieg noch länger dauert, als wir Hans-Georg bestenfalls hinhalten könnten, ist wohl leider kein Zweifel mehr. Dir wird nun das Schwerste sein, daß er nicht Kürassier werden kann, denn natürlich muß er zum Notexamen den Annahmeschein als Junker haben. Willst Du Dich deshalb vielleicht nochmal an den Rittmeister von Roon wenden, der doch schon á conto von Pastor David das Möglichste für die „lieben Klamroth´s" tun werde? Wenn Du das nicht willst oder kannst, bleiben ja natürlich noch viele andere Möglichkeiten. Hans-Georg wird Dir dann selbst seine Wünsche schreiben- er hat ja nun viel von seinen Mitschülern und deren Bemühungen um Regimenter gehört und von Onkel Heinrichs Bemühungen wegen Werner Heine. So ist zum Beispiel für Werner jetzt ein Feldartillerie in Spandau und ein Ulanenregiment in Hannover in Frage. Werner hat ja aber immer die Schwierigkeit des fehlenden Examens. Es sind aber in der Praxis doch viel mehr Regimenter noch bereit, Junker anzunehmen, als es in der Theorie immer heißt. Ich meinerseits wär vielleicht am meisten für die Lüneburger Dragoner oder wie Heinrich vorschlug, durch Wilhelm Wessings Vermittlung für ein Telegraphenbataillon, wie Werner Lohmann. Ernst Gruson bot mir übrigens neulich auch an, er würde H.- G. mit Freuden sofort nehmen- jedenfalls sollte man ihn aber als Paten nennen.

Lieber Mann, es tut mir so schrecklich leid, daß dies alles nun doch kommt und Du allein in der Ferne entscheiden mußt! Aber Du kennst ja Deinen Jungen und wirst es Dir wohl doch schon allmählich überlegt haben. Daß ich über jeden Tag froh wäre, den ich ihn länger noch

zu Hause hätte, weißt Du,aber wir wollen doch dankbar sein, daß er ganz gesund ist.

Nun sind ja noch die langen Ferien da, wo man Gesuche aufsetzen und abwarten kann.- Zu zweit....

Nun habe ich aber noch sehr viel anderes zu tun und zu schreiben. Behüt Dich Gott, liebster Mann,

Deine Gertrud.

Joe J. Heydecker:

Mit dem deutschen Angriff auf Verdun, mit der monatelangen sinnlosen Schlächterei in den Trichterfeldern des Maasbogens, hat eine Serie ernster Krisen begonnen. Deutschland und das verbündete Osterreich-Ungarn sehen sich plötzlich vor die Frage gestellt, ob dieser Krieg überhaupt noch gewonnen werden kann. Natürlich wagt es niemand, diese Frage offen zu stellen oder die Chancen auch nur realistisch durchzurechnen. Zwischen nationalem Lärm und rauher Wirklichkeit reißt eine immer größer werdende Kluft auf.

Das Volk wird nicht gefragt - aber es wir eines Tages die Rechnung präsentieren: in Deutschland, in der Donaumonarchie, in Rußland, auch in Frankreich. In der Mitte des Jahres 1916 zeigt sich zum erstenmal, daß sich die Waage nach einer Seite zu neigen beginnt. Weder Tapferkeit noch Phrasen vermögen etwas auszurichten gegen mathematische Tatsachen. Menschenfülle, Materialüberlegenheit und Wirtschaftsmacht der Alliierten müssen den Sieg erringen, nachdem alle militärischen Überrumpelungsversuche gescheitert sind. Vier Ereignisse erschüttern im Sommer 1916 die Fronten. Viermal müssen die Völker der Mittelmächte mit Nachrichten vertraut gemacht werden, die ein Gefühl ernster Bedrohung und tiefgreifenden Notstands auslösen.

Im Osten hat sich die russische Dampfwalze unter General Alexej Brussilow wieder in Bewegung gesetzt und zermalmt die österreichisch-ungarische Front wie Stroh.

Während noch die mörderischen Kämpfe bei Verdun toben, sind Briten und Franzosen an der Somme zu einer neuen Offensive angetreten und eröffnen die größte Materialschlacht des Krieges.

Das bisher neutrale Rumänien erklärt Österreich-Ungarn den Krieg und stellt damit die deutsche Heeresleitung vor die Notwendigkeit, inmitten aller Bedrohungen auch hier einzugreifen.

Nachdem Hindenburg und Ludendorff an Stelle Falkenhayns ins Große Hauptquartier eingezogen sind, scheint eine belebende Anstrengung durch das ganze Gefüge zu gehen. Der neue Schwung ist so trügerisch, daß darüber abermals die

Mathematik vernachlässigt wird: Das sogenannte „Hindenburg-Programm" legt der Bevölkerung neue Lasten auf. Zum erstenmal werden Rohstoffe bewirtschaftet, die Regierung spricht von einer „Zurückstellung der Bedürfnisse der Zivilbevölkerung auf das äußerste", Bezugsscheine für Textilwaren und Schuhe werden eingeführt, das Wort „Ersatz" taucht auf für Gummi, Leder und Wolle. Eine Behörde, die sich selbst „Wumba" nennt, nämlich „Waffen- und Munitions-Beschaffungsamt", nimmt sich gemeinsam mit dem Kriegsamt aller knappen Rohstoffe an, wie Metall, Öle, Schwefel, Zellulose. Arbeitskolonnen ziehen in Deutschland umher und montieren Türklinken, Kirchenglocken und Kupferdächer ab, die Bevölkerung stiftet Kochtöpfe, Zinkwannen, Eisengitter, Treibriemen, Leuchter und rostige Nägel.

Der „Vaterländische Hilfsdienst" wird befohlen und verpflichtet alle männlichen und weiblichen Bürger vom siebzehnten bis zum sechzigsten Lebensjahr zur Arbeit. Frauen betätigen sich als Straßenbahner, Müllkutscher, Fensterputzer und unermüdliche Granatdreherinnen. Schulbuben sammeln Altpapier, Stanniol und Lumpen, sie tragen Briefe, Milch und Brot aus. Vor den Geschäften stehen Schlangen, auch wenn nur Kartoffeln ausgegeben werden. Schwarzhändler, die damals Schieber genannt werden, liefern Butter, Fleisch, Tabak. Im Ruhrgebiet werden unrentable und längst stillgelegte Zechen wieder in Betrieb genommen. Mit wunderbarem Schwung werden so viele neue Hochöfen gebaut, daß sie gar nicht alle verwendet werden können, sondern unbenutzt in der Landschaft herumstehen. Alles zusammen bewirkt tatsächlich, daß der Krieg nicht Ende 1916, sondern erst Ende 1918 verlorengeht. An den weltpolitischen Kräfteverhältnissen können die gutwilligen und opfervollen Anstrengungen des Volkes, können die verblendeten Siegesreden der Generale und Politiker nichts ändern. An den Fronten entscheiden andere Faktoren.

Wann wird Ludendorff der Lage Rechnung tragen? Als am 26. September Amerikaner und Franzosen zu einem neuen Großangriff zwischen Reims und der Maas antreten, heißt es: Exzellenz hat wohl noch die Verzweiflung, zu kämpfen, aber nicht den Mut, ein Ende zu machen. Nicht einmal Hindenburg ist über den wahren, erschreckenden Stand der Dinge unterrichtet. Der Vertreter des Auswärtigen Amtes bei der Obersten Heeresleitung, Legationsrat Lersner, drängt Ludendorff, wenigstens dem Generalfeldmarschall endlich reinen Wein einzuschenken, erhält aber die unwirsche Antwort: „Drängen Sie mich nicht! Ich habe den Ruhm Hindenburgs geschaffen, und der Feldmarschall weiß dienstlich noch von nichts." Ludendorff faßt am 29. September 1918 den entscheidensten Entschluß seiner Laufbahn. Unter dem Eindruck der Gesamtlage ringt er sich dazu durch, eine Bitte um Waffenstillstand ergehen zu lassen. „Der Feind war um Frieden und Waffenstillstand anzugehen", schreibt er. „Das erforderte die Kriegslage, deren Verschlechterung nur allzu wahrscheinlich war."

Es ist gewiß ein einsamer, ein heroischer Entschluß, wenn man die ganze Natur dieses Mannes berücksichtigt. Die Situation, wie sie Ludendorff in seinen Erinnerungen schildert, entbehrt nicht der persönlichen Tragik: „Am 28. September, sechs Uhr nachmittags, ging ich zum Generalfeldmarschall in sein Zimmer, das eine Treppe tiefer lag. Ich legte ihm meine Gedanken über ein Friedens- und Waffenstillstandsangebot vor. Die Lage könne sich nur noch verschlechtern.

Der Generalfeldmarschall hörte mich bewegt an. Er antwor tete, er habe mir am Abend das gleiche sagen wollen, auch er hätte sich die Lage dauernd durch den Kopf gehen lassen und hielte den Schritt für notwendig. Wehmütig scheint Ludendorff dem verhallenden Donner der Schlachten zu lauschen, wenn er hinzufügt: „Der Generalfeldmarschall und ich trennten uns mit festem Händedruck wie Männer, die Liebes zu Grabe getragen haben." Nach seinem Besuch bei Hindenburg betritt Ludendorff das Zimmer des Obersten Heye, wo gerade Major Joachim von Stülpnagel Vortrag hält. Noch unter der Tür stößt der Generalquartiermeister hervor: „Ich habe dem Feldmarschall soeben vorgetragen, daß wir um Waffenstillstand bitten sollen." Heye ist betroffen von dieser plötzlichen Wendung. Er notiert entgeistert: „Der Ausdruck Waffenstillstand kam mir ganz überraschend, wir alle hatten ihn nie zuvor gebraucht." Waffenstillstand, Frieden! Zwei Tage später, am 30. September 1918, geht Ludendorff in einer Niederschrift noch weiter und gesteht rundweg: „jetzt war der Krieg verloren, daran war nichts mehr zu ändern." Am 29. September ist Außenminister Hintze in Spa eingetroffen, im Laufe des Vormittags kommen auch der Kaiser und Reichskanzler Hertling an. Als Ludendorff in einer Vorbesprechung die Lage schildert und die schnellste Einleitung von Waffenstillstandsverhandlungen fordert, fallen Hertling und Hintze aus allen Wolken. „Das ist ja furchtbar", stöhnt der Reichskanzler nach dem Zeugnis seines Sohnes, der dabei war. Anschließend ist Beratung in Anwesenheit des Kaisers. Bevor man den Raum betritt, nimmt Hindenburg Ludendorff beiseite und fragt: „Was soll ich jetzt sagen?" „Die volle Wahrheit", antwortet der General. So kam, wie das offizielle Generalstabswerk mitteilt, der Generalfeldmarschall nach Darlegung der Verhältnisse an der Front ebenfalls zu dem Schlusse, das Heer bedürfe sofortigen Waffenstillstandes. Am Ende fügt Hindenburg in freier Rede noch hinzu, beim Friedensschluß müßten selbstverständlich die belgischen Erzgebiete von Briey und Longwy an Deutschland fallen, aber Ludendorff fährt ihm unwillig über den Mund: „Dazu ist jetzt nicht mehr die Zeit!"

Ludendorff sieht die Lage für überaus bedrohlich an. Nach der Konferenz notiert er, daß nur noch für zwei Monate Benzin vorhanden ist. Er weiß, daß „der Ausfall des Heeres, der durch Ersatz nicht gedeckt werden kann, monatlich 70 000 Mann beträgt", und kann sich ausrechnen, wann ihm die Armee unter den Händen zerronnen sein wird. Doch was soll nun geschehen? Außenminister Hintze ist noch immer verwirrt von dem „ruckweisen Übergang von der Siegesfanfare zum Grabgesang der Niederlage."

Man einigt sich schließlich, auf Wilsons Vierzehn Punkte einzugehen und den Präsidenten der Vereinigten Staaten eilig um Vermittlung des Waffenstillstandes zu bitten. Im Innern will der Kaiser eine "Revolution von oben" machen, die Regierung auf parlamentarische Grundlage stellen und auch die bisher ausgeschlossenen Sozialdemokraten an den Staatsgeschäften teilnehmen lassen.

Montag, 9. Oktober 1916, Chronik des 20. Jahrhunderts

Johann Heinrich Graf von Bernstorff, der deutsche Botschafter in den USA, überreicht US-Präsident Woodrow Wilson ein Schreiben von Kaiser

Wilhelm II., das am Vortag vom deutschen U-Boot "U-35" in die USA gebracht worden ist.

Am 31. Oktober 1916 reiste Kurt Klamroth aus Grodno ab, um eine neue

Aufgabe zu übernehmen.

Kurt Klamroth:

Als ich mich bei dem stellvertretenden kommandierenden General Frhr. von Lyncker meldete, machte er mir recht ernste Eröffnungen. Die Schwierigkeiten in der Heimat wüchsen von Woche zu Woche, die kriegswichtigen industriellen Werke hätten nicht genug Arbeitskräfte und die Leistungsfähigkeit der vorhandenen Arbeiter nähme ab infolge der anhaltenden Arbeit in Überschichten ohne Sonntagsruhe und infolge der Unterernährung. Er brauche deshalb einen Herrn aus dem Wirtschaftsleben, der durch Fühlungnahme mit den leitenden Herren der Industrie feststellen solle, wo das stellvertretende Generalkommando helfend eingreifen könne.

Samstag, 11. November 1916, Chronik des 20. Jahrhunderts

Bei Köpenick fährt der Balkan-Expreß in eine Gruppe von

Eisenbahnarbeiterinnen. Dabei werden 18 Frauen getötet.

Der Spielausschuß des Deutschen Fußball-Bundes (DFB)

beschließt in Berlin die Einberufung eines DFB-Bundesausschusses für Pfingsten 1917 nach Nürnberg.

Am 11. November 1916 fand in Berlin im Reichstagsgebäude eine Besprechung statt, zu der das Kriegsministerium alle stellvertretenden Generalkommandos befohlen hatte. Der Chef des Stabes, Oberst von Wasielewski, nahm mich zu dieser Besprechung als seinen Begleiter mit. Es war eine der denkwürdigsten und eindrucksvollsten Sitzungen, die ich je erlebt habe. Der Kriegsminister von Oven sprach zuerst über die Folgen der Hungerblockade, die immer fühlbarer würden: die Verpflegung der Besatzungsarmee habe nicht geklappt, es sei vorgekommen, daß Soldaten bei der Zivilbevölkerung um Nahrungsmittel gebeten hätten. Sodann erteilte er dem General Groener das Wort zu wichtigen Ausführungen über das Hindenburgprogramm und die zur Durchführung dieses Programmes nötigen Maßnahmen. Groener sprach in stark Württemburgischer Mundart aber der Inhalt seiner Rede stand in stärkstem Gegensatz zu dieser gemütlich klingenden Sprechweise. Trotz unserer glänzenden militärischen Erfolge sei unsere Gesamtlage keineswegs günstig. Der Krieg entwickle sich immer mehr

zu einem Kampf mit Materialien. Die Engländer und Franzosen hätten eine vorbildliche Energie entwickelt und seien damit in einen Vorsprung gekommen, der eingeholt werden müsse. Nach sicheren Nachrichten beabsichtige der englische Munitionsminister soviel Waffen und Munition anzusammeln, daß im Frühjahr unsere ganze Front unter so starkes Feuer genommen werden könne, wie das jetzt an der Somme geschehen sei. Dabei sollten die weittragendsten Geschütze verwendet werden. Diesen Plänen der Feinde soll von unserer Seite das "Hindenburg-Programm"

entgegengesetzt werden, das in ungeahnter Menge Waffen und Munition, aber auch Soldaten fordere. Um dieses Programm durchzuführen, sei eine besondere Organisation geschaffen worden: das Kriegsamt. Die Frage, ob das Kriegsamt seine ungeheure Aufgabe lösen könne, sei so kriegsentscheidend, wie man im Volke gar nicht ahne. Ihm sei die Leitung des Kriegsamtes übertragen und er sei auf die Mitarbeit der stellvertretenden Generalkommandos angewiesen in bisher ungeahnter Weise. Dabei sei es aber notwendig, daß überall nur eine Ansicht, nur ein Ziel verfolgt werde, nur ein Wille maßgebend sei, der des Kriegsamtes. Jede Privatansicht der Herren stellvertretenden kommandierenden Generäle (die ja sonst eine sehr große Selbstständigkeit hatten) hätte in Sachen des Kriegsamtes zu verstummen. Für ihn sei bei der Übernahme der Leitung des Kriegsamtes Voraussetzung gewesen, daß die stellvertretenden Generalkommandos an die Befehle gebunden seien, die er in Angelegenheiten des Kriegsamtes gebe, und deshalb habe er sich gleichzeitig zum stellvertretenden Kriegsminister ernennen lassen, denn nur ein einheitlicher, entschlossener Wille, der seine Ansicht durchsetze, könne in dieser schweren Stunde Rettung bringen.

Für die durch das Hindenburgprogramm geforderten Mengen an Waffen und an Munition seien Arbeiter nötig in großer Anzahl; dem ständen entgegen die Forderungen nach

Mannschaften. Die schwierige Aufgabe könne nur gelöst werden im engsten Einvernehmen mit der Industrie einerseits und mit der Arbeiterschaft andererseits. Das mache eine ganz neuartige Organisation des Kriegsamtes notwendig. Neben dem militärischen Stab mit seinem militärischen Chef des Stabes werde das Kriegsamt einen technischen Stab haben mit einem hervorragenden Industriellen an der Spitze. Die Arbeiterschaft müsse interessiert werden und deshalb müsse mit den Gewerkschaften Fühlung genommen werden. Ein hervorragender Gewerkschaftsführer werde in dem technischen Stabe ein besonderes Referat erhalten. Die Arbeiterfrage sei ausschlaggebend bei der Durchführung

Des „Hindenburgprogrammes". Politische Vorurteile dürften nicht mehr mitsprechen; der Generalstabsoffizier müsse sich an einen Tisch setzen mit dem Gewerkschaftsführer und das gemeinsame Interesse beraten. Die Arbeiterschaft müsse gewonnen werden, sie müsse solidarisch werden mit den übrigen Kreisen. Gegen die Arbeiterschaft sei der Krieg nicht zu gewinnen, nur mit ihr. Die grundlegenden Bedingungen für diese gewaltige Aufgabe solle ein neues Gesetz schaffen, das in den nächsten Tagen im Reichstage eingebracht werden würde: „Das Gesetz betr. Einziehung zum vaterländischen Hilfsdienst während des Krieges". Hierdurch sollten alle Kräfte mobil gemacht werden, indirekt auch die Frauen, die in weitestem Maße Männerarbeit ersetzen müßten. Durch das Gesetz solle jeder Mann vom 17. Bis zum 60.Lebensjahre zum vaterländischen Hilfsdienst verpflichtet werden, zum Dienst bei Behörden, zur Arbeit in der Kriegsindustrie, in der Landwirtschaft, Krankenpflege und allen Organisationen oder Betrieben, die zur Durchführung des Krieges mittelbar oder unmittelbar notwendig seien. Einberufungsausschüsse würden gebildet werden für jeden Korpsbezirk, in denen ein Offizier den Vorsitz führten sollte und dem je ein Vertreter der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber als Beisitzer zur Seite stehen sollte. Auf die Aufforderung dieser Einberufungsausschüsse müsse jeder den ihm zugewiesenen Platz einnehmen. Die Berufungsinstanz gegen die Entscheidungen der Ausschüsse sei das Kriegsamt. Innerhalb 14 Tagen nach Aufforderung sollte jeder sich einen ihm zusagenden Posten suchen können, gelinge ihm das nicht, so würde er den ihm vom Ausschuß angewiesenen Arbeitsposten annehmen müssen. Zu erstreben sei möglichst freiwillige Übernahme kriegswichtiger Arbeit, Zwang solle erst dann angewandt werden, wenn jemand innerhalb 14 Tagen nach erhaltener Aufforderung sich nicht in kriegswichtiger Tätigkeit befinde. Freiwillige Zurverfügungstellung sei besser als Zwang! Die Leute sollten begeistert werden, jeder solle möglichst freiwillig mitwirken zur Erringung der Sieges! Erst hinter der Freiwilligkeit solle der Zwang stehen. Es werde unvermeidlich sein, einige Industrien still zulegen; dabei solle aber schonend vorgegangen werden, denn es käme darauf an, die Volksstimmung zu heben, nicht zu drücken! Es sei geplant, in der Sitzung des Reichstages, in der dieses Gesetz zur Annahme gelangen solle, eine große Kundgebung des Siegeswillens des deutschen Volkes hervorzurufen, es müsse eine vaterländische Tat des ganzen Volkes werden. Die Wirkung des Gesetzes solle erstens eine Konzentrierung aller Kräfte auf diejenigen Betriebe sein, die für den Krieg die wichtigsten seien, und zweitens der Ersatz der Soldaten durch Hilfsdienstwillige. Der Pflicht gegenüber

solle aber auch eine Anerkennung stehen. Wie dem Soldaten für den militärischen Dienst das „Eiserne Kreuz" als Auszeichnung winke, so werde durch S.M. eine besondere Auszeichnung für treue Pflichterfüllung im vaterländischen Hilfsdienst gestiftet werden: „das Verdienstkreuz für Kriegshilfe". Immer wieder müsse betont werden, daß Leute, die vaterländischen Hilfsdienst leisten, vollste Anerkennung finden müßten. In der Heimat würden augenblicklich noch 630.000 garnisondienstfähige, 600.000 arbeitsverwendungsfähige und 60.000 kriegsverwendungsfähige Soldaten beschäftigt. Aus diesen Zahlen gehe schon hervor, welche Wirkung das Hilfsdienstgesetz haben könne bei richtiger Durchführung.-

Die Organe des Kriegsamtes sollten die in jedem Korpsbezirk zu gründenden Kriegsamtstellen sein, die dem Kriegsamte direkt unterstellt sein werden und von diesem direkt ihre Befehle erhalten würden. Executivgewalt sollten diese jedoch nicht haben, sondern sie sollten sich deswegen von Fall zu Fall an das betreffende stellvertretende Generalkommando wenden, außerdem würde das Kriegsamt nach Bedarf noch besondere „Beauftragte des Kriegsamtes" (B.d.K.) ernennen. Das Kriegsamt müsse organisiert werden wie eine große Firma mit dem Hauptsitz in Berlin und Generalvertretungen in den einzelnen Bezirken und den erforderlichen Untervertretungen. Exzellenz Groener schloß seinen Vortrag mit einem nochmaligen Appell an die Vertreter der stellvertretenden Generalkommandos, ihn bei der Durchführung seiner schweren Aufgabe tatkräftig zu unterstützen, es gehe um´s Ganze! -

Ich war von der Persönlichkeit Groener´s und von dem Plane sehr begeistert, aber in meine Begeisterung fiel ein Wermuthstropfen. Ich war Zeuge einer Unterhaltung, die unmittelbar nach der Sitzung zwischen einigen Vertretern der Generalkommandos geführt wurde und in der scharf gegen die Ausführungen Groener´s und gegen seine Person Stellung genommen wurde. Besonders der Chef des IX.A.K., General v.R., fand es unerhört, daß die Befugnisse der stellvertretenden Generalkommandos beschnitten und die Kriegsamtstellen diesen nicht unterstellt werden sollten. Die stellvertretenden kommandierenden Generäle müßten Schritte tun, um ihre Selbständigkeit zu wahren und entschieden Stellung dagegen nehmen, daß die Kriegsamtstellen, die doch militärische Stellen in ihren Korpsbezirken sein sollten, ihnen nicht unterstellt werden sollten. Ich möchte hier gleich einschalten, daß hieraus tatsächlich später Reibungsflächen zwischen einzelnen Kriegsamtstellen und

ihren Generalkommandos entstanden und dann durch eine Verfügung angeordnet wurde, daß die Kriegsamtstellen bezüglich einzelner Aufgaben, z.B. betreffs der Einziehung der durch Einstellung von Hilfsdienstpflichtigen freigemachten Soldaten den stellvertretenden Generalkommandos unterstellt sein sollten, während sie bezüglich der rein auf dem Hilfsdienstgesetz beruhenden Aufgaben weiterhin direkt dem Kriegsamt unterstellt blieben. Es wurde noch weiter Wasser in den Wein der Begeisterung gegossen. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu einer großen macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes zu machen, kam nicht zur Ausführung. Die Gegensätze der Parteien waren schon wieder zu stark geworden; der Burgfrieden, der im Anfang des Krieges zwischen den politischen Parteien proklamiert war, hielt nicht mehr. Das Gesetz kam zustande auf dem Boden innerparteilicher Handelsgeschäfte, nicht aber auf dem tiefgehender vaterländischer Stimmung. Die Schwungkraft, die in dem Entwurfe lag, wurde durch politische Parteikonzessionen in hohem Maße abgeschwächt. Das Kriegsamt mußte mit einem Gesetze arbeiten, dem die besten Bestimmungen genommen waren.

Im Januar 1917 wird Kurt Klamroth durch Verfügung des Kriegsamtes Tgb.No. St.M.3 zum Vorstand der Kriegsamtstelle Magdeburg ernannt Er beschreibt den Aufbau der Organisation dieser Behörde in seinem Kriegstagebuch:

Für den inneren Aufbau der örtlichen Organisation der einzelnen Kriegsamtstellen hatte das Kriegsamt nur Richtlinien gegeben. Die Abteilungen mußten sich ja bis zu gewissen Grenzen den Abteilungen des Kriegsamtes in Berlin anpassen. Sonst aber ließ Exzellenz Groener den Vorständen der Kriegsamtstellen völlig freie Hand, wie sie ihren Betrieb einrichten wollten, wie er überhaupt stets den Grundsatz befolgte, ein Ziel anzugeben, daß unter allen Umständen erreicht werden mußte; auf welchem Wege die einzelnen Kriegsamtstellen dieses ihnen gesteckte Ziel erreichten, war ihre Sache. Dadurch war die innere Organisation der Kriegsamtstellen in den einzelnen Korpsbezirken allerdings zunächst sehr verschieden. Das erklärt sich schon aus der verschiedenartigen Besetzung der Vorstandsposten. Mehrere Kriegsamtstellenvorstände waren ehemalige aktive Offiziere, einige davon in Generalsrang, andere waren Reserveoffiziere aus Industrie- und Handelskreisen. Bald schon trat ein starker Wechsel ein, denn Groener ließ niemanden auf seinem Posten, der sich nicht eignete. Mit der Zeit wurden die Organisationen einander ähnlicher, weil über das Kriegsamt ein reger Austausch der

Erfahrungen der einzelnen Kriegsamtstellen stattfand und Einzeleinrichtungen zur Nachahmung empfohlen wurden. Wir hatten bald die Freude, daß Einrichtungen der Kriegsamtstelle Magdeburg als vorbildlich den anderen Kriegsamtstellen mitgeteilt wurden.

Mir half es beim Aufbau der Organisation der Kriegsamtstelle Magdeburg und bei ihrer Leitung sehr, daß ich unter Weissenborn in Grodno den Aufbau der Organisation der dortigen Stadtverwaltung kennen gelernt und verwaltungstechnisches Arbeiten gelernt hatte.

Sehr wichtig war die Abteilung B „Beschaffung und Verwertung der Arbeitskräfte, Überwachung und Förderung der Produktion der kriegswichtigen Betriebe". Die Abteilung B gliederte sich in fünf Gruppen: Allgemeine Arbeiterfragen, Sachverständigengruppe, Anlernung von Arbeitskräften, Bautenprüfung, Marinewesen.

Die Gruppe Allgemeine Arbeiterfragen hatte sich mit den Arbeits- und Lohnverhältnissen in den kriegswichtigen Betrieben zu beschäftigen, um etwaigen Schwierigkeiten, Arbeitseinstellungen, Abwanderungen von Arbeitern oder dergleichen vorzubeugen oder da, wo sie eingetreten waren, durch schleunige Maßnahmen, insbesondere durch Anberaumung von Verhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu beheben. Die „Sachverständigen" waren Ingenieure, Chemiker, Professoren usw. Sie besuchten im Auftrage der Kriegsamtstelle die Betriebe, wachten darüber, daß mit reklamierten Arbeitskräften oder angewiesenen Materialien keine Friedensaufträge ausgeführt wurden, sie begutachteten, ob die Arbeitskräfte für die Betriebe ausreichten oder ob noch kriegsverwendungsfähige Arbeiter durch Hilfsdienstpflichtige oder durch Frauenarbeit ersetzt werden konnten.

Die Gruppe „Anlernung von Arbeitskräften" bearbeitete die Beschaffung von Arbeitskräften für die kriegswichtige Industrie. Auf dem freien Arbeitsmarkt waren keine Arbeitskräfte mehr vorhanden; es mußte auf ausländische Arbeiter zurückgegriffen werden, auf Gefangenenarbeit, auf Facharbeiter aus den Mannschaften der Ersatztruppenteile und schließlich in Gemeinschaft mit der Abteilung „Vaterländischer Hilfsdienst" auf Hilfsdienstpflichtige und Frauen. Hier war es besonders Sache dieser Gruppe mit Hilfe der "Sachverständigen" auszukundschaften, wo sich noch Männerarbeit durch Frauenarbeit ersetzen ließ, und dann wo und wie am besten Frauen für ihre Aufgaben angelernt werden konnten.

Wegen des Mangels an Arbeitskräften und Materialien mußte die private Bautätigkeit beschränkt werden. Nur notwendige Bauten durften ausgeführt werden. Zu jedem

Neubau oder Umbau im Bezirk des Generalkommandos war die Genehmigung des stellvertretenden Generalkommandos erforderlich. Später übertrug der Chef des Stabes die endgültige Entscheidung über diese Fragen an mich persönlich, so daß ich hierbei im Auftrag des Generalkommandos handelte und für dieses die Zeichnungsbefugnis erhielt.

Die Gruppe „Marinewesen" förderte und überwachte Marineaufträge, von denen viele in unserem Bezirk ausgeführt wurden: Unterseebootteile, Torpedoteile; Minen usw.

Die Abteilung „Transportwesen" hatte ebenfalls eine wichtige Aufgabe. Die Eisenbahnen waren bis zum Äußersten belastet und so mußte versucht werden, eine Entlastung herbeizuführen, indem möglichst viele Materialien auf dem Wasserwege verfrachtet wurden und ferner alle Rohstoffe oder Halbfabrikate von der nächst gelegenen Bezugsstelle geliefert werden mußten. Um die Güterwagen möglichst rasch wieder dem Verkehr zuzuführen, war es notwendig, bei einzelnen Werken die Anschlußgleisanlagen umzubauen. Ferner wurden zur Entlastung der Bahn elektrische Straßenbahnen zur Güterbeförderung herangezogen.

Der Abteilung „Vaterländischer Hilfsdienst" lag die Durchführung der Bestimmungen des Hilfsdienstgesetzes ob und die Organisierung der Frauenarbeit und Frauenfürsorge. Sie hatte daher drei Untergruppen: „Hilfsdienstpflichtige", „Ausschüsse" und „Frauen", und war gleichzeitig „Frauenarbeitshauptstelle".

Auf Grund des Hilfsdienstgesetzes konnten die Frauen nicht verpflichtet werden, vaterländischen Hilfsdienst zu leisten, sie sollten aber nach Möglichkeit dazu freiwillig herangezogen werden. Dazu bedurfte es einer umfangreichen Werbung, einer Organisation, um die sich meldenden Frauen an die richtige Stelle zu bringen, aber auch einer eingehenden Fürsorge für die dem Rufe des Vaterlandes folgenden Frauen und Mädchen. Das Referat „Frauen" schuf sich deshalb als Organe die „Frauenarbeitsmeldestellen", die Rat und Auskunft an alle vaterländische Arbeit suchenden Frauen und Mädchen erteilten und die örtliche Werbung ausführten. Gleichzeitig bestand die "Frauen-Arbeits-Hauptstelle" unter derselben Referentin, die das Referat „Frauen" leitete. Die Aufgabe dieser Stelle war, die Arbeitsfähigkeit und Arbeitswilligkeit der Frauen und Mädchen nach Möglichkeit zu steigern. Vom sozialen Gesichtspunkte aus betrachtet, gehört die Frau in das Haus, in ihre Familie. Die Not der Zeit brachte es mit

sich, daß man die Frau außerhalb der Familie zur Arbeit heranziehen mußte und davon war die Folge eine vermehrte soziale Fürsorge. Pflegestellen, Kinderkrippen, Kindergärten, Horte, Stillstuben und dergleichen Einrichtungen mußten unterstützt oder geschaffen werden, um die sozialen Schäden, die durch die Heranziehung der Frauen zur Arbeit in den Fabriken entstanden, nur einigermaßen wieder gut zu machen. Die Vermehrung der Frauenarbeit machte eine besondere Fabrikfürsorge nötig, wozu Ausbildungskurse veranstaltet wurden. Als Organe zur Ausübung ihrer Tätigkeit schuf sich die Frauenarbeitshauptstelle an geeigneten Orten „Frauen-Arbeits-Nebenstellen" und „Fürsorge-Vermittlungsstellen".

Die Abteilung E bearbeitete Rohstoffangelegenheiten und die Fragen der Ein- und Ausfuhr. Sie gliederte sich in drei Gruppen. Gemäß den Weisungen der Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsamtes arbeitete eine Gruppe die Verfügungen über die Beschlagnahme der im Privatbesitz vorhandenen für die Kriegswirtschaft unbedingt erforderlichen Metalle und sonstigen Stoffe, die Höchstpreisverordnungen und Verarbeitsverbote aus. Die Kriegsamtstelle hatte durch ihre Sachverständigen die betreffenden Materialien einzuziehen. Das war oft eine recht unangenehme und unerfreuliche Aufgabe. Mit der langen Dauer des Krieges wurden ja nachgerade fast alle Materialien knapp. Solange bestimmte Metalle in den Fabriken beschlagnahmt wurden, die sich noch durch andere, wenn auch weniger geeignete Metalle ersetzen ließen, ging es noch an. Aber es mußte auch in die Privathaushaltungen eingegriffen werden und zum Beispiel alle Kupfer- und Nickeltöpfe, später auch die Aluminiumsachen beschlagnahmt und eingezogen werden. Das hat viel Erregung und manchen Ärger verursacht. Auch von meinem Hause in der Bismarckstraße in Halberstadt mußte ich durch meine Beamten alle kupfernen Dachrennen abnehmen und durch schlechte Zinkrennen ersetzen lassen.

Die Kohlenknappheit macht eine besondere Bewirtschaftung der Kohle notwendig. Als die örtlichen Organe waren in allen Städten des Bezirks der Kriegsamtstelle mit mehr als 10.000 Einwohnern „Ortskohlenstellen" eingerichtet.

Der immer stärker sich fühlbar machende Mangel an Menschen und Material machte die Zusammenlegung und Stillegung vieler nicht kriegswichtiger Betriebe notwendig. Dadurch konnten Menschenkräfte und Material für die zur Zeit notwendigsten Zwecke der Landesverteidigung freigemacht werden. Hierfür war eine Abteilung geschaffen.

Die „Wirtschaftsgruppe" hatte in erster Linie für die Ernährung der kriegwirtschaftlich tätigen Bevölkerung zu sorgen. Sie arbeitete in engster Fühlung mit den „Sachverständigen" und mit den Referenten für allgemeine Arbeiterfragen, denn die Ernährungsfragen beeinflußten naturgemäß auch sehr die allgemeine Stimmung der Arbeiterschaft. Je länger der Krieg dauerte, desto schwerer wurde es ja, für des Leibes Nahrung und Notdurft besonders der Arbeiter zu sorgen.

Die Kriegsamtstelle war eine ganz neue Organisation, die hauptsächlich eine verwaltungsartige Tätigkeit ausüben sollte. Ihre Beamten waren aber fast durchweg keine Verwaltungsbeamten, sondern sie setzten sich aus allen Berufsständen zusammen. Sie waren nicht an die Art der Arbeit bei Verwaltungsbehörden oder großen Industriebetrieben, die ja viel Ähnlichkeit hat, gewöhnt. Ich wußte, welche Gefahren hierin lagen. Ein gutes Zusammenarbeiten mußte unter allen Umständen erreicht werden und um dies zu erreichen schuf ich die Abteilung

„Büroorganisation".

Die Organisation war auf dem Papier ja bald geschaffen, aber die Beschaffung der geeigneten Kräfte war nicht leicht, und was nützt der beste Arbeitsplan, wenn nicht die richtigen Leute gefunden werden, die die Arbeit leisten! Einige recht tüchtige Referenten hatte ich ja gleich durch das Generalkommando bekommen und um die anderen zu finden stand mir der Weg der Anfrage dort offen. Das schwierigste schien mir, eine geeignete Referentin für das Referat „Frauen" zu finden. Bei einem Besuch beim Kriegsamt in Berlin sprach ich auch bei der dortigen Referentin für Frauenarbeit Fräulein Dr. Lüders vor und sie empfahl mir , mal bei Fräulein Hildegard von Gierke anzufragen. Ich verabredete ein Zusammentreffen mit dieser Dame im Excelsiorhotel und fand in ihr das, was ich suchte: eine Dame mit viel Energie und Schaffensfreudigkeit, Verständnis für die sie erwartende Arbeit und feinem Taktgefühl. Sie hatte nicht studiert, aber viel bei sozialer Arbeit geholfen; sie war Dame und nicht Blaustrumpf. Wir wurden schnell einig und ohne Zeitverlust trat sie ihre neue Stelle in Magdeburg an. Sie ist mir bis zum Schluß des Krieges eine sehr verständnisvolle und liebe Mitarbeiterin gewesen.

Ihre Mitarbeiterinnen wählte sich Fräulein v. Gierke selbst. Ihre Wahl fiel zunächst auf Frau Dr. Schumann - Fischer als zweite Referentin. Sie hatte 4 Semester Medizin studiert, dann Volkswirtschaft und war mehr Blaustrumpf als Dame. Ihr Äußeres war wenig bestechend: Eigenkleid in Hängerform und möglichst ungeschickt frisierte Haare. Ihre Vorträge teilte sie stets in

verschiedene Punkte ein und nachdem sie die Disposition verkündet hatte, kam die Ausführung, der stets ein zusammenfassender Schluß angefügt wurde. Man merkte ihr in allem das Studium an. Aber sie hatte nichts von der frischen Initiative, nichts von dem mitreißenden Feuer, mit dem Fräulein v. Gierke so viele Damen zur Mitarbeit heranholte.

Das Verwaltungsgebiet der Kriegsamtstelle Magdeburg entsprach in etwa dem Territorium des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Das waren damals die Herzogtümer „Anhalt" und „Sachsen-Altenburg".

Von den der Fürsorge der Kriegsamtstelle Magdeburg unterstellten Werken nahm wohl das größte Interesse das „Leuna-Werk" in Anspruch. Diese Anlagen waren eine gewaltige Kriegschöpfung. Als in den rheinischen Werken der Badischen Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen und in Opladen mehrfach Fliegerangriffe größeren Schaden angerichtet hatten, wurde der Plan gefaßt, im Herzen Deutschlands, wo größere Sicherheit vor Fliegerangriffen war, ein neues Werk zur Erzeugung von Luftstickstoff zu errichten, das imstande sein sollte, dauernd 70 % des zur Munitionsherstellung des gesamten Heeres erforderlichen Stickstoffs herzustellen. Am 1. April 1915 wurde der erste Spatenstich zum Bau des Werkes in Leuna bei Merseburg gemacht und am 1. Mai 1916 kam es in Betrieb. Während des ganzen Krieges und auch nachher wurde aber an dem Werke weiter gebaut. Die Baukosten betrugen bis zum Juni 1917 300 Millionen Mark , die Schienenlänge der auf dem Werksgrundstück befindlichen Anschluß- und Verschiebegleise betrug 60 km, ein eigener Güterbahnhof wurde für das Werk errichtet. Der Verbrauch an Kohlen war 500 Eisenbahnwagen täglich, der Verbrauch an Wasser war dem Verbrauch von Groß-Berlin gleich und ein eigenes Wasserwerk war dafür an der Saale erbaut worden. Die Erzeugung von Stickstoff sollte auf 210.000 Tonnen gebracht werden. Dreitausend Arbeiter wurden in dem Werke beschäftigt und daneben noch sechstausend Bauarbeiter für den Ausbau des Werkes. Es war kein Wunder, daß sich mit diesem Werke fast alle Abteilungen der Kriegsamtstelle zu befassen hatten. Allein die Anforderungen für die im Juni 1917 geplanten Erweiterungsbauten betrugen 20 Millionen Ziegelsteine, 50.000 Tonnen Zement, 50.000 Tonnen Schamotte, 1.200 Tonnen Schamottemehl, 5.000 Tonnen Kalk, 60.000 qm Dachpappe, 1.700.000 Klinker, 16.000 qm Glasdach. Diese Mengen konnten natürlich nicht allein aus dem Bezirk der Kriegsamtstelle Magdeburg beschafft werden und so waren Verhandlungen mit den benachbarten Kriegsamtstellen nötig, wobei wieder die

Verkehrsabteilung herangezogen werden mußte, um die günstigst gelegenen Bezugsquellen wegen der geringsten Belastung der Bahn festzustellen.

Freitag (Karfreitag), 6. April 1917, Chronik des 20. Jahrhunderts

Die USA erklären dem Deutschen Reich den Krieg.

Die französische Regierung begrüßt den Kriegseintritt der USA als "größte Tat seit Abschaffung der Sklaverei".

Kurt Klamroth:

1917 stürmten immer schärfere Anforderungen auf die Nerven ein. Amerika führte mit staunenswerter Geschwindigkeit trefflich ausgerüstete und auch gut ausgebildete Truppen nach Frankreich, so daß man annehmen muß, das drüben schon lange vor der am 6. April 1917 gefaßten Erklärung des Kriegszustandes gerüstet wurde. Die Tanks und die Fliegergeschwader der Feinde wurden immer zahlreicher. Bei uns dagegen wurde der Ersatz an Material und an Soldaten an Zahl und an Qualität immer geringer. Unsere glänzenden Erfolge im U-Boot-Kriege, unsere prachtvoll vorgetragenen großen Offensiven in Frankreich und unsere gewaltigen Vormärsche im Osten, ja selbst der Zusammenbruch Rußlands konnten auf die Dauer die langsame Zermürbung des Siegeswillens nicht mehr aufhalten. Zu stark nagte die Agitation der unabhängigen Sozialdemokratie, die sich von der mehrheitssozialistischen Partei abgetrennt hatte, und die Wühlarbeit feindlicher Agenten am Mark des ausgehungerten Volkes.

Mittwoch, 11. September 1918, Chronik des 20. Jahrhunderts

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. hält eine Rede vor Krupparbeitern in Essen. Er fordert die Arbeiter zum bedingungslosen Durchhalten auf.

Am 11. September hielt der Kaiser eine Ansprache an die Arbeiter der Krupp´schen Werke. Er wies darauf hin, daß „er keinen Schritt unversucht gelassen habe, unserem Volke und unserer gesamten gesitteten europäischen Welt diesen Krieg möglichst abzukürzen" aber „zum Friedenmachen gehören zwei". Er sprach auch von den feindlichen Versuchen, eine Zersetzung im Innern herbeizuführen, um uns mürbe zu machen durch falsche Gerüchte und Flaumacherei. Auch gibt er zu, „es hätte

manches anders gemacht werden können". Und daß darüber hier und da Mißstimmung ist, ist kein Wunder. Dann fährt er fort, „worin besteht unsere Pflicht? Unser Vaterland frei zu machen. Wir müssen alle zusammenhalten in einem Block, stark wie Stahl! Wer also unter Euch entschlossen ist, dieser meiner Aufforderung nachzukommen, wer das Herz auf dem rechten Fleck hat, wer die Treue halten will, der antworte mit Ja!" Und die ganze Arbeiterschaft der Kruppwerke antwortete mit lautem „Ja"!

Samstag, 9. November 1918, Chronik des 20. Jahrhunderts

In Berlin wird vom Reichstag aus die deutsche Republik durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann proklamiert.

Karl Liebknecht ruft in Berlin vor dem königlichen Schloß die Räterepublik aus.

In Berlin wird der Generalstreik ausgerufen, dem sich rasch auch Truppenteile anschließen.

Wilhelm II. erklärt seine Abdankung als deutscher Kaiser, nicht aber als König von Preußen.

Kurt Klamroth:

Wie die Revolution ausbrach, wie sie von unseren nach der Schlacht am Skagerak so gefeierten „blauen Jungs" ausging, wie sie dann im Lande auch nicht von der Arbeiterschaft getragen wurde, sondern von den jungen, halbwüchsigen Burschen in den Ersatztruppenteilen, das ist alles bekannt.

Am Morgen des 9. November wurde ich von meinem Bürovorsteher Bremer gewarnt, daß auch Magdeburg von der Revolution ergriffen würde. Einer meiner Offiziere meldete mir dann unter tiefer Bewegung, daß er auf dem Wege zur Kriegsamtstelle von einer Rotte junger Artilleristen angegriffen sei, sein Säbel sei ihm entrissen, die Kokarde der Mütze und die Achselstücke seien ihm abgerissen worden. Ich meldete den Vorfall sofort dem Generalkommando und erfuhr dort, daß es einigen Offizieren vom Generalkommando ebenso ergangen sei. Ich bat um Verhaltungsmaßregeln. Widerstand, so wurde mir gesagt, sei ausgeschlossen; der Kaiser habe abgedankt und der Kronprinz verzichtet, die Ersatztruppenteile in der Heimat seien nicht mehr in der Hand ihrer Führer. So war denn das Schreckliche zur

Tatsache geworden: der Zusammenbruch, die Revolution war da und nicht mehr aufzuhalten! Ich sah, als ich aus dem Fenster meines Amtszimmers blickte, wie ein Haufen Fußartilleristen mit geschwungenen Seitengewehren und Karabinern zum Generalkommando stürzten. Die Tür war verschlossen - Krach! Das Fenster zunächst der Tür wurde eingeschlagen, und die Kerle drangen ein. Bald darauf stürmten aus dem Gebäude des Generalkommandos die Schreiber und die Schreibmaschinenmädel in hellster Unordnung hinaus auf die Straße. Da gab ich meinem Portier, dem Wachtmeister Schumann den Befehl, etwa bei der Kriegsamtstelle eindringende Ruhestörer nicht in die Arbeitszimmer hereinzulassen, sondern sofort zu mir zu führen, der Vorstand der Kriegsamtstelle erwarte sie. In allen Zimmern ließ ich sagen, daß ruhig weitergearbeitet werden solle, niemand solle auf die Korridore gehen, wenn die Ruhestörer kommen sollten. Kurz darauf sah ich die Bande vom Generalkommando zu mir herüberstürzen. Es gelang, die Ruhe im Hause zu bewahren; der Wachtmeister Schumann trat ihnen ruhig gegenüber und wies sie in mein Zimmer, wo ich sie mit meinem Adjutanten Leutnant d.R.Fiedler erwartete. Auf den Korridoren herrschte Leere. Da kamen sie hereingestürzt, geschwungene Säbel, meist entwendete Offizierssäbel, in der Faust. Ich forderte Ruhe, denn aus dem Durcheinander könne ich nichts verstehen, und wies auf den mit Stühlen umstellten Verhandlungstisch. Sie sollten die Waffen wegstecken und einer nach dem anderen sprechen. Da sahen sie sich verdutzt an, langsam wurden die Säbel weggesteckt und einer nach dem anderen nahm Platz, soweit die Stühle reichten. Auf mein Fragen erklärten die Revolutionäre, daß der Soldatenrat verlangt habe, daß alle militärischen Stellen sofort den Betrieb einzustellen hätten. Ich erwiderte, daß die Kriegsamtstelle, obwohl militärisch aufgezogen, wirtschaftliche Fragen zu bearbeiten habe, die keine Unterbrechung erleiden dürften, und schob ihnen einen Berg Akten hin, aus denen sie sich überzeugen könnten, daß hier weitergearbeitet werden müsse. Sie waren ratlos, und einer gab die Akten an den anderen weiter. Ich erklärte ihnen, daß sie die volle Verantwortung tragen würden, wenn eine Unterbrechung der Arbeiten der Kriegsamtstelle schwere Schädigungen des Wirtschaftslebens und der Ernährung des Volkes zur Folge haben sollte. Gleichzeitig ließ ich eine Anwesenheitsliste herumreichen und forderte den Adjutanten auf, ein Protokoll aufzunehmen, wie das bei allen wichtigen Verhandlungen der Kriegsamtstelle üblich und erforderlich sei. Das verfehlte nicht, den gewünschten Eindruck zu machen. Ein Sprecher erklärte, daß der Soldatenrat ausdrücklich gewünscht habe, daß

wirtschaftlich wichtige Betriebe weiterarbeiten sollten, und nun hatte ich gewonnenes Spiel. Ich ließ ein Protokoll aufsetzen, in dem erklärt wurde, daß die Abgesandten des Soldatenrates Magdeburg sich überzeugt hätten, daß die Kriegsamtstelle in ihrer Arbeit nicht gestört werden dürfe. Dieses Protokoll wurde dann durch den Wachtmeister Schumann den später kommenden Soldatentrupps - denn wir bekamen an diesem Tage noch mehrfach solch unerwünschten Besuch - vorgezeigt, worauf wir nicht gestört wurden. Ich ging dann durch alle Zimmer und beruhigte die aufgeregten Gemüter. Ich stellte jedem, der Angst habe, frei, nachhause zu gehen, doch gab ich meine Ansicht kund, daß ich es für richtig halte, ruhig weiterzuarbeiten. Der Erfolg war, daß eine einzige Schreibmaschinendame fortging; alle anderen Beamten der Kriegsamtstelle blieben auf ihrem Posten. Für die Offiziere ließ ich Zivilanzüge holen, damit sie beim Heimwege nach dem Dienst nicht von rüden Aufwieglern auf der Straße belästigt werden sollten.

Die Arbeiterschaft Magdeburgs war am 9. November 1918 ruhig zur Arbeitsstätte gegangen. Sie wurde im Laufe des Vormittags durch die Soldatentrupps aus den Werken geholt; eine telephonische Meldung nach der anderen lief darüber bei der Kriegsamtstelle ein. Gegen Mittag ruhte der Betrieb fast überall. Auf der Straße wurden Handzettel verteilt, in denen zur Ruhe und Besonnenheit aufgefordert wurde, und zur Teilnahme an einer Versammlung um 3 Uhr nachmittags auf dem Domplatz aufgefordert wurde. Hier war der Altan des Regierungsgebäudes von Soldaten und Matrosen mit Maschinengewehren besetzt, auf dem Dache wehte eine rote Fahne. Der unabhängige Reichstagsabgeordnete Brandes hielt eine Rede, in der er sagte, Deutschland hätte längst den Frieden haben können, aber seine Regierung habe ihn abgelehnt (!), nun aber werde durch das Volk selbst der Frieden kommen; Friede, Freiheit und Brot! Unter diesem Schlagwort stand die Revolution, die in Magdeburg fast ohne Beteiligung der Arbeiterschaft von der Garnison gemacht wurde. Auffallend war es, daß schon am 9. November überall Matrosen auftauchten.-

In meine Kreigsamtstelle zog nun auch ein Vertrauensmann des Arbeiter- und Soldatenrates ein, ein Gewerkschaftsführer Bauer vom Holzarbeiterverband. Er war ein braver und ehrlicher Mann, der mir gleich am ersten Tage sagte, daß diese Revolution ihm und seinen Genossen - er war Mehrheitssozialist - durchaus über den Kopf gekommen sei; das hätten sie nicht gewollt, aber wo es nun gekommen sei, hätten sie sich beteiligen müssen, um

die Führung nicht ganz nach links abgleiten zu lassen. Dienstlich hatte ich keinerlei Schwierigkeiten mit ihm. Es kamen ja nun gerade sehr schwere Aufgaben an die Kriegsamtstelle heran: Die Herstellung von Kriegsmaterial, worauf ja die meisten Werke eingestellt waren, sollte plötzlich aufhören, wie sollten die Arbeiter beschäftigt werden? Die Lebensmittelversorgung stockte, da Arbeiterräte in wildem Unverstand Vorräte und rollende Transporte zur lokalen Versorgung beschlagnahmten. Die ohne bestimmten Plan zurückflutenden Truppenmassen aus der Etappe und von der Front mußten auf den Knotenstationen aufgefangen, auf bestimmte Linien geleitet, untergebracht und verpflegt werden. Das zurückgebrachte Heeresgut mußte eingelagert und vor Plünderung bewahrt werden. Und so drängten eine Menge neue, schwierige Aufgaben auf die Kriegsamtstelle ein. Wenn ich morgens dem Genossen Bauer diese Aufgaben klarmachte und ihn um seine Meinung über die zweckmäßigste Lösung befragte, so antwortete er mit einem Seufzer: „Machen Sie nur alles so, Herr Rittmeister, wie Sie es für richtig halten! Es ist ja ein Glück, daß die Herren alle weiterarbeiten! Uns wäre ja das alles ganz über den Kopf gewachsen und das Chaos wäre herein gebrochen!"

Eine außerordentlich schwere Aufgabe hatte bei der

Demobilmachung wieder das Referat „Frauen" zu bewältigen. Alle die Frauen und Mädchen, die unter dem Zwange der Kriegszeit zur Arbeit in den Fabriken herangeholt waren, mußten nun wieder anderweitig untergebracht werden. Dann kamen die Helferinnen aus der Etappe zurück. Ihnen war in vielen Fällen bei dem schnellen Zurückfluten und bei den schlimmen Zuständen auf der Eisenbahn das Gepäck mit allen Habseligkeiten verlorengegangen, auch hatten sie noch Gehaltsansprüche. All´ das mußte durch das Referat „Frauen" erledigt werden.

Alle diese Arbeiten hielten mich noch - obwohl ich mich naturgemäß sehr nach hause sehnte - bis Mitte Dezember in Magdeburg fest.

Samstag, 14. Dezember 1918, Chronik des 20. Jahrhunderts

Der Spartakusbund unter Führung Karl Liebknechts legt sein politisches Programm vor. Hauptforderung ist die Errichtung einer sozialistischen Räterepublik.

Am 14. November 1918 wurde ich dann auf mehrfach geäußerten Wunsch aus dem Heeresdienst entlassen.

Das Kriegstagebuch von Kurt Klamroth schließt mit den Sätzen:

Ergreifend war der Einzug der Magdeburger Truppen, die von der Front zurückkehrten. In festem Schritt und Tritt zogen sie unter den Klängen der Melodie „Ich hat einen Kameraden, einen bessern find´st Du nit" in die Stadt ein. Die Straßen waren mit Tannengrün geschmückt, und manches Haus hatte Schilder mit mehr oder minder guten Versen zur Begrüßung der Feldgrauen angebracht, unter denen wohl folgende Worte den stärksten Eindruck machten:

Wenn Zehne einen Mann erschlagen,

bedeutet das nicht Ruhm und Ehr´

und heißen wird´s in künft´gen Tagen:

gesiegt hat doch das deutsche Heer!

Zwischenbemerkung des Herausgebers

Kurt Klamroth und seine Frau Gertrud waren natürlich in Sorge um ihren ältesten Sohn Hans- Georg gewesen, der mit den 1. Dragonern auf dem östlichen Kriegsschauplatze war, und mein Großvater drückt das auch an einer Stelle in seinem Kriegstagebuch aus. „Zum Glück erwies sich seine bei dem Vormarsch auf Riga erhaltene Verwundung - Schulterschuß- als leicht und auch sonst kam er trotz mancher schwerer Erlebnisse glimpflich davon und im Frühjahr 1919

gesund nach Hause zurück."

Man sollte meinen, daß die Familie Klamroth Zeit genug gehabt hatte, über das erlebte und die eigene Rolle dabei nachzudenken. Wofür wäre denn Hans-Georg gestorben, wenn die Kugel nicht in die Schulter sondern etwas höher mittig

getroffen hätte? Wofür diese ungeheure Anstrengung des Alten und seiner Pferde?

Das deutsche Volk erlitt das "Wehe den Besiegten", wie die Römer vor 2000 Jahren sagten, wenn sie gesiegt hatten, mit Armut, Inflation und Arbeitslosigkeit. Aber schlimmer als dies nagte die Schmach der Niederlage und die Friedensbedingungen der Sieger.

Winston Churchill, Premierminister des vereinigten Königsreichs von England, Schottland und Wales, und Literaturpreisträger, beschreibt die Befindlichkeit der Gegner Deutschlands: „Nach dem Ende des ersten Weltkrieges bestand die tiefe Überzeugung und die fast allgemeine Hoffnung, daß auf der Welt Friede herrschen werde... Die Redewendung vom Krieg, der dem Krieg ein Ende machen soll, war auf aller Lippen.. Die durch ihre Leiden und durch den Einfluß von Massenpropaganda erregten Völker standen zu Millionen im Kreis und forderten , daß eine Wiedergutmachung in vollem Ausmaß verlangt werde...Die Kaiserreden über die „gepanzerte Faust" und „schimmernde Wehr" mochten in England und Amerika

Belustigung hervorgerufen haben. Für die Gemüter der Franzosen aber klangen sie wie Sturmzeichen von furchtbarster Wirklichkeit. Fast fünfzig Jahre lang hatten sie im Entsetzen vor den deutschen gelebt...Fast anderthalb Millionen Franzosen waren bei der Verteidigung ihres Landes gegen den Eindringling umgekommen. Fünfmal innerhalb von hundert Jahren, 1814, 1815, 1870, 1914 und 1918 hatten

die Türme von Notre-Dame das Mündungsfeuer preußischer Geschütze gesehen und ihren Donner vernommen...Mit einem einzigen leidenschaftlichen Aufschrei rief das französische Volk „Nie wieder Krieg!" .. Als (ihr) Marschall Foch von der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Versailles hörte, bemerkte er mit eigentümlicher Treffsicherheit: „das ist kein Friede. Das ist ein Waffenstillstand für zwanzig Jahre."

Thomas Mann schreibt in dieser Zeit und in der Mitte seines Lebens als anerkannter deutscher Dichter und Denker seine „Betrachtungen eines Unpolitischen". Da steht zu lesen: "...Die Hermannsschlacht, die Kämpfe gegen den römischen Papst, Wittenberg, 1813, 1870, - das alles war nur ein Kinderspiel im Vergleich mit dem fürchterlichen, halsbrecherischen und im großartigsten Sinne unvernünftigen Kampf gegen die Weltentente der Zivilisation, den Deutschland mit einem wahrhaft germanischen Gehorsam gegen sein Schicksal ... auf sich genommen hat..."

"Ich bekenne tief überzeugt, daß das deutsche Volk die politische Demokratie niemals wird lieben können, aus dem einfachen Grunde, weil es die Politik selbst nicht lieben kann, und daß der vielverschrieene „Obrigkeitsstaat" die dem deutschen Volke angemessene, zukömmliche und von ihm im Grunde gewollte Staatsform ist und bleibt. Dieser Überzeugung Ausdruck zu geben, dazu gehört heute ein gewisser Mut."

Den letzten Satz dieses Abschitts darf man getrost als "fishing for compliments" bezeichnen. Und Thomas Mann hat 25 Jahre später ganz anders geschrieben, geredet und zweifellos auch gedacht. Aber meinen Vater und seine Generation haben diese und auch die folgenden Ansichten geprägt:

"Ich lasse es mir nicht nehmen, daß aller deutscher Patriotismus in diesem Kriege ..seinem Wesen nach instinktive, eingeborene, oft erst nachträglich reflektierte Parteinahme für das Protestantentum war und ist."

"Politische Meinungen sind Willensmeinungen ...und da es sich hier.. um ein „politisches Bekenntnis" handelt, so sage ich denn, was ich politisch will - und namentlich, was ich nicht will. ...Ich will nicht Politik. Ich will Sachlichkeit, Ordnung und Anstand. Wenn das philisterhaft ist, so will ich ein Philister sein. Wenn es deutsch ist, so will ich denn in Gottes Namen ein Deutscher heißen...."

"..Sind die Greuel des Krieges haarsträubend- nun mir sträubten sich einmal die Haare, als in sechsunddreißig Stunden ein Mensch geboren wurde. Das war nicht menschlich, es war höllisch, und solange es das gibt, darf es meinetwegen auch Krieg geben..."

Nein! Nein, verehrtes Denkmal Thomas Mann. Es darf nicht Krieg geben, nur weil das Leben an sich schon genügend Grausamkeiten bereithält. Als der große Dichter den zweiten Weltkrieg auch noch erleben mußte, widerrief er in seiner Rede aus Anlaß seines 75.Geburtstages. Aber die Verführten und die Millionen von Toten konnte er nicht zurückrufen. Seine Leser in der sogenannten Weimarer Republik - und das waren sicher nicht die „Linken"- wurden von ihm und anderen intellektuell betäubt. Diese männerbündische Gesellschaft, unverändert fasziniert von Wehr und Waffen war seit den Zeiten der preußischen Soldatenkönige besessen von der Manie, daß der rechte Mann sich erst im Kampf um Tod und Leben zeige. Hindenburg hatte wieder besseres Wissen noch die „Dolchstoßlegende" darauf gesetzt. Er schreibt in seinen Erinnerungen „Wir waren am Ende! Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmen Hagen, so stürzte unsere ermattete Front; vergebens

hatte sie versucht, aus dem versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken."

In dieser Situation, die vielen in Deutschland als ausweglos erscheinen mußte, wirtschaftlich am Boden, von den Siegern gedemütigt, des ergebnislosen Streitens der Parteien überdrüssig konnten Hitler, Göbbels, Göring und ihre Helfer ohne nennenswerte bürgerliche Gegenwehr Fuß fassen. Kein Wunder, daß in Halberstadt wie in allen anderen Städten Deutschlands schon 1930 die Fahnen mit dem Hakenkreuz wehten. Mein Vater machte begeistert mit, mein Großvater schaute zu. Es lag weit unter der Würde von Kommerzienräten, je wieder in eine Partei einzutreten. Mein Onkel Hans-Georg Klamroth als Juniorchef kümmerte sich um den Reichsnährstand. Früh schon hatten sich die Nationalsozialisten vorgenommen, es in Kriegszeiten nicht wieder zu Problemen in der Versorgung der Bevölkerung kommen zu lassen. Das ist ihnen auch tatsächlich weitgehend gelungen, denn im zweiten Weltkrieg mit seinen noch weit schlimmeren Zerstörungen kam es zu keinem Steckrübenwinter wie 1917, in dem es für Frauen und Kinder in Deutschland fast nichts anderes mehr zu essen gab. Wer dem Reichsnährstand angehörte, war privilegiert unter den Bauern und Landwirten, also gab es bald niemanden unter ihnen und unter denen mehr, die Ihnen ihre Produkte abnahmen, der nicht als Gegenleistung der Nationalsozialistischen Partei angehörte. Hinterher wollte natürlich keiner Nazi gewesen sein. Fast alle wurden aber zu Volksgenossen, die dem Führer Adolf Hitler ins Verderben folgten.

Hans-Georg Klamroth durchlief nach dem ersten Weltkrieg eine ähnliche Kaufmannslehrzeit wie sein Vater, mit wachsender Ungeduld allerdings, bis auch er mit 25 Jahren Teilhaber der Firma J.G. Klamroth wurde. Im Jahre 1939 war es trotz aller schlimmen Erfahrungen dann wieder Ehrensache für ihn, wie sein Vater 25 Jahre vorher als Reserve-Offizier erneut „zur Fahne" zu eilen. Sein jüngerer Bruder, mein Vater Kurt Klamroth ("der jüngere"), studierte Jura und promovierte 1927. 1934 ging er in den Staatsdienst und wurde Oberregierungsrat am Kultusministerium. 1939 sah ich ihn als sechsjähriger, wie er für 6 Wochen zum Schützendienst verpflichtet in den Polenfeldzug abreiste und mir aus dem vorbeifahrenden Zug eine Tüte Bonbons zuwarf.

Wie kam es nach nur 21 Jahren zum zweiten Weltkrieg?

Ich will auf die politischen Entwicklungen bis zur Machtergreifung Hitlers nicht eingehen und die Mittel, die er skrupellos anwendete, um Deutschland zu einer noch effizienteren Kriegsmaschine zu machen, als sie vor dem ersten Weltkrieg bereits war. Es lohnt sich darüber bei Sebastian Haffner und Joachim Fest nachzulesen. Es kann auch nicht schaden, mal in die Erinnerungen Albert Speers zu sehen, der der „Groener" des zweiten Weltkriegs wurde.

Die Chronologie der Ereignisse bis zum Ausbruch des Krieges am 1. September 1939 mit dem Hitlerwort: „Seit 4:45 Uhr wird zurückgeschossen" muß an dieser Stelle genügen. Ich halte mich dabei wieder an Winston Churchill und sein Buch „Der zweite Weltkrieg", ergänzt durch die „Chronik des 20. Jahrhunderts."

Franz von Papen und der General von Schleicher hatten Deutschland bisher mit Klugkeit und Intrigen zu lenken gesucht. Jetzt suchte Schleicher im Kampf um die Macht die Unterstützung der Nationalsozialisten, die es im Reichstag auf

Grund der Trommelei von Göbbels zu 230 Sitzen gebracht hatten. Im August 1932 empfing der alte Feldmarschall und Reichspräsident von Hindenburg Adolf Hitler und hatte keinen guten Eindruck. „Der als Reichskanzler? Ich will ihn zum Postminister machen, dann kann der die Marken mit meinem Bild ablecken."

Montag, 30. Januar 1933, Chronik des 20. Jahrhunderts

Reichspräsident Paul von Hindenburg beruft Adolf Hitler zum Reichskanzler. Neben Hitler gehören dem Kabinett mit Wilhelm Frick (Inneres) und Hermann Göring (ohne Geschäftsbereich) zwei weitere NSDAP-Mitglieder an.

Am 21. März 1933 eröffnet Hitler in der Potsdamer Garnisonkirche den ersten Reichstag des dritten Reiches. Im Schiff der Kirche saßen die Vertreter der Reichswehr, des Symbols der ununterbrochenen Dauer deutscher Macht, und die hohen SA- und SS-Führer, die neuen Gestalten des sich wieder erhebenden Deutschland. Am 24. März bewilligte die Mehrheit des Reichstages mit 441 gegen 94 Stimmen dem Reichskanzler Hitler umfassende Notstandsvollmachten auf vier Jahre. Als das Abstimmungsresultat bekanntgegeben wurde, rief Hitler zu den Bänken der Sozialisten hinüber: „Jetzt brauche ich sie nicht mehr!"

Die Angliederung Österreichs an Deutschland war eines von Hitlers Lieblingszielen. Auf der ersten Seite in „Mein Kampf" steht der Satz: „Deutsch-Österreich muß wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande". Christian Graf von Krockow schreibt in „Die Deutschen in Ihrem Jahrhundert, 1890 bis 1990": "In den Landsberger Monaten (seiner Festungshaft) schreibt Hitler mit Hilfe von Rudolf Heß an seinem Buch „Mein Kampf". Es teilte mit dem Autor das Schicksal, kaum

ernstgenommen zu werden. Sein schwülstig schlechtes Deutsch, seine primitive Rassenlehre und sein wüster Antisemitismus schreckten ab; es handelte sich

um den „ungelesensten Bestseller" der Weltliteratur. Dabei gilt: Selten oder vielleicht tatsächlich nie in der Geschichte hat ein Herrscher, ehe er zur Macht kam, so genau wie Adolf Hitler entworfen, was er danach tat."

Samstag, 7. März 1936, Chronik des 20. Jahrhunderts

Seit dem frühen Morgen rücken deutsche Truppen in die aufgrund des Versailler Vertrages von 1919 und des Locarno-Vertrages von 1925 entmilitarisierte Zone des Rheinlands ein.

Samstag 12. März 1938, Chronik des 20. Jahrhunderts

In den Morgenstunden rücken deutsche Truppen „ angeblich aufgrund einer Bitte der provisorischen österreichischen Regierung" ohne auf Widerstand zu stoßen nach Österreich ein. Auf einer Großkundgebung am Abend in Linz kündigt Führer und Reichskanzler Adolf Hitler an, „den Millionen Deutschen in Österreich die Hilfe des Reiches zur Verfügung zu stellen".

Donnerstag, 15. September 1938, Chronik des 20. Jahrhunderts

Großbritanniens Premierminister Neville Chamberlain trifft zu einem ersten Gespräch mit Führer und Reichskanzler Adolf Hitler in München ein. In Berchtesgaden konferieren beide rund zweieinhalb Stunden über die Lösung der Sudetenfrage.

Konrad Henlein, der Führer der Sudetendeutschen Partei (SdP), ruft über den Wiener Rundfunk zum Anschluß des Sudetenlands an das Deutsche Reich auf.

Mittwoch, 28. September 1938, Chronik des 20. Jahrhunderts

Führer und Reichskanzler Adolf Hitler stoppt die Angriffsvorbereitungen gegen die Tschechoslowakei und lädt Frankreich, Italien und Großbritannien zu einer Konferenz über die Sudetenfrage nach München ein.

Freitag, 30. September 1938, Chronik des 20. Jahrhunderts 1938,

Um 0.30 Uhr wird das Münchner Abkommen über die Abtretung des

Sudetenlandes an das Deutsche Reich unterzeichnet.

Die tschechoslowakische Regierung erklärt ihre Zustimmung zum Münchener Abkommen und richtet gleichzeitig einen Protest an die Welt gegen den Beschluß, der einseitig ohne ihre Teilnahme gefaßt wurde.

Churchill schreibt: schließlich muß man sich die ungeheuerliche Tatsache vor Augen halten, daß Hitler in dem einen Jahr 1938 6.750.000 Österreicher und 3.500.000 Sudetendeutsche dem deutschen Reich einverleibt und unter seine absolute Herrschaft gezwungen hatte, im Ganzen mehr als zehn Millionen Untertanen, Werktätige und Soldaten. Die gefürchtete Waage des Schicksals hatte sich in der Tat auf seine Seite gesenkt.

Donnerstag 31. August 1939, Chronik des 20. Jahrhunderts

Um 12.40 Uhr befiehlt Adolf Hitler den Angriff auf Polen für den 1. September um 4.45 Uhr.

Der Oberste Sowjet ratifiziert den Nichtangriffspakt mit dem Deutschen Reich. Um 20 Uhr wird der Sender Gleiwitz von Männern des Sicherheitsdienstes in polnischen Uniformen überfallen.

Sonntag, 31. Januar 1943, Chronik des 20. Jahrhunderts 1938

Die Südgruppe der bei Stalingrad (Wolgograd) eingeschlossenen 6. deutschen Armee kapituliert.

Dienstag, 2. Februar 1943

Die Nordgruppe der bei Stalingrad (Wolgograd) eingeschlossenen 6. deutschen Armee kapituliert.

Donnerstag, 20. Juli 1944, Chronik des 20. Jahrhunderts

Claus Graf Schenk von Stauffenberg verübt im Hauptquartier "Wolfsschanze" ein Bombenattentat auf den deutschen Führer und Reichskanzler Adolf Hitler. Mehrere Personen werden getötet, Hitler wird nur leicht verletzt.

Hans-Georg wurde nach dem 20. Juli 1944 Todesopfer der Hitlerdiktatur, wie sie dann viel zu spät beim Namen genannt wurde, während mein Vater Kurt Klamroth in Sippenhaft in das Strafbatallion Dirlewanger gesteckt und an die Ostfront geschickt wurde. Beiden war zum Verhängnis geworden, daß Oberstleutnant Bernhard Klamroth, ein entfernter Verwandter und Schwiegersohn Hans-Georgs, vor dem Attentat in einem Routine-Revirement Nachfolger von Oberst von Stauffenberg in dessen Wehrmachtseinheit geworden war. Das war eine Einheit der deutschen Wehrmacht, in der man Zugang zu Sprengstoffen hatte. Bernhard und meinen

Onkel Hans-Georg Klamroth ließ der „Volksgerichtshof" in Berlin-Plötzensee hinrichten.

Über Dirlewangers gefürchtete Bewährungseinheit, in die mein Vater geraten war, heißt es am 30. Mai 1947 im Berliner Telegraf:

Im Jahr 1940 wurden auf Befehl Himmlers alle wegen Wilddieberei bestraften Männer zu einer Sondereinheit zusammengefaßt, an deren Spitze der damalige SS-Hauptsturmführer Dirlewanger trat, selbst ein Vorbestrafter, der sich im spanischen Bürgerkrieg seine Rehabilitierung geholt haben soll. Die Kompanie Dirlewanger wurde in Rußland zunächst zur Bandenbekämpfung verwendet und später zur Sturmbrigade ausgebaut. Da die ungeheuerlichen Verluste, die sie fortwährend erlitt, durch Wildschützen allein nicht ersetzt werden konnten, wurde die „Bewährungseinheit" immer wieder mit kriminellen, später auch politischen Häftlingen aus den Zuchthäusern und Konzentrationslagern aufgefüllt. Immer von neuem trieb man sie in das schlimmste Feuer, denn solange es noch Hunderttausende, ja Millionen von Menschen in den Kerkern des „Dritten Reiches" gab, brauchte man um Nachschub nicht besorgt zu sein. Während die Einheit Dirlewanger sich am Anfang fast nur aus Berufs- und Gewohnheitsverbrechern zusammensetzte, die zu Raub, Mord und jeder anderen Schandtat bereit waren und mit denen zusammenzuleben für jeden Anständigen die härteste Strafe bedeutete, strömten besonders im Jahre 1944 auch wertvolle Menschen in sie ein. Es waren neben den nicht hingerichteten Teilnehmern an der Verschwörung vom 20. Juli hauptsächlich die von den Kriegsgerichten wegen politischer Delikte Verurteilten sowie politische KZ-Häftlinge, die man als letztes Kanonenfutter noch an die Front holte. Nachdem sie wiederholt fast bis auf den letzten Mann aufgerieben und mit „Soldaten zweiter Klasse" wieder aufgefüllt worden war, dürfte die Masse der Einheit Dirlewanger im Raum von Luckenwalde in einen russischen Kessel geraten und gefangen worden sein.

Ich kann mir meines Vaters ambivalente Erwähnung des Namens Dirlewanger, einer Einheit, in die er doch strafversetzt war, nur so erklären, daß er seinem Naturell folgte, aus allem, aber auch allem, das Beste machen zu wollen und sich in seinem Weltbild die Herabsetzung einer deutschen militärischen Einheit verbot. Mein Vater verdeutlichte im Juli 1954 in einem Schreiben an einen Anwalt sein Schicksal nach dem Attentat auf Hitler und der Hinrichtung seines Bruders:

„Die Strafeinheit Dirlewanger war, wie bei den deutschen Wiedergutmachungsbehörden allgemein bekannt ist, eine der berüchtigsten Einheiten dieser Art. Dieser Abteilung wurden nur solche Personen zugewiesen, die man aus irgendeinem Grunde liquidieren, das heißt physisch vernichten wollte. Sie bestand zu 90 % aus KZ-Insassen. Diese waren dort einer strengen Zucht unterworfen und unterstanden der unumschränkten persönlichen Strafgewalt Dirlewangers. Es ist bekannt, dass Dirlewanger in den letzten Monaten des Krieges in geradezu sadistischer Weise Todesurteile verhängte. Zum Zwecke der sogenannten „Bewährung" wurden die Männer meist in besonders gefahrvollen Stellungen eingesetzt, die man als „Himmelfahrtskommandos" bezeichnete. Ich selbst war zunächst der 8. Kompanie des zweiten Regiments als Granatwerfer zugewiesen. Da ich den dort verlangten Aufgaben körperlich nicht gewachsen war und einen Zusammenbruch mit einer schweren Herzattacke erlitt, wurde ich später als Schreiber verwandt, unterlag aber trotzdem den ganzen seelischen und körperlichen Strapazen der ständig zu Sondereinsätzen im Partisanenkampf hin-

und hergeworfenen Truppe, denen sich sehr viele dadurch entzogen, dass sie zum Feinde überliefen. Ich selbst habe mir schließlich eine zeitlang dadurch seelische und körperliche Entlastung verschafft, dass ich mit einigen Kameraden der Truppe fern blieb, um nicht an den sinnlosen Kämpfen gegen die Freiheitskämpfer des slowakischen Volkes teilnehmen zu müssen und mich nicht an den Verbrechen zu beteiligen, zu denen die Truppe unter dem Befehl der SS gezwungen war. Wir mussten dann schließlich zur Truppe zurückkehren und kamen einige Zeit später an die Oder-Neiße-Front. Ein Schreiber, mit dem ich zusammen war, wurde zum Tode verurteilt und erschossen, weil er sich weigerte, einen Befehl auszuführen. Ich selbst schützte Krankheit vor, um an der Exekution nicht teilnehmen zu müssen. Trotzdem ich nur als Schreiber eingesetzt war, befand ich mich ständig in schwerer Gefahr, weil ich auch bei schwerem Beschuss Meldegänge machen musste. Auch wurde von der Führung ständig darauf gedrückt, dass auch wir Schreiber „Bewährungsauftäge" erhielten, mit anderen Worten, dass wir als politische missliebige Personen beseitigt wurden. Mit grosser Dankbarkeit darf ich heute feststellen, dass ich vor dem Ärgsten bewahrt geblieben bin. Von den körperlichen Misshandlungen, die dort an der Tagesordnung waren, bin ich nicht betroffen worden. Man kann sich jedoch vor Augen halten, dass Menschen aus geistigen Berufen, auch ohne körperlich gezüchtigt worden zu sein, unter den Umständen, die in dieser Formation herrschten, besonders schwer zu leiden hatten. Es war für uns, die wir noch bestimmte Vorstellungen von der Würde des Menschen in uns trugen, fast noch unerträglicher, an solchen Exekutionen teilnehmen zu müssen, wenn auch nur als passiver Zuschauer, als sie selbst zu erdulden. Wir haben uns oft auf die Zunge beißen müssen, um das schreiende Unrecht, was dort am Menschen geschah, laut hinauszurufen. Vielleicht war vieles davon sogar darauf angelegt, um uns auf diese Weise selbst der Vernichtung preiszugeben."

Mein Vater kam am 31. Januar 1904 als drittes Kind von Gertrud und Kurt Klamroth in Halberstadt auf die Welt. Früh schon zeigte der häufig kränkelnde Junge seine Neigung und Begabung zur Musik. Onkel Top, wie ihn seine zahlreichen Nichten und Neffen gerne nannten, versuchte wohl zeit seines Lebens, sich mit seiner Umgebung und der Welt harmonisch in Einklang zu bringen, musikalisch empfunden in Akkorden und poetisch gesehen in Versen, die er bald meisterhaft fast aus dem Ärmel zu schütteln verstand.

Er wurde Verwaltungsjurist und schließlich Richter am Bundesverwaltungsgericht

in Berlin, wo er 1961 im 57. Lebensjahr starb.

Samstag, 28. April 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

US-amerikanische Truppen befreien die letzten Insassen des Konzentrationslagers Dachau bei München.

Die deutsche 12. Armee unter Befehl von General Walter Wenck muß ihren Entsatzangriff auf Berlin in der Nähe von Ferch bei Potsdam abbrechen.

Führer und Reichskanzler Adolf Hitler setzt in der Nacht zum 29. April im Bunker unter der Reichskanzlei in Berlin sein Testament auf. Er bestimmt Großadmiral Karl Dönitz zu seinem Nachfolger im Amt des Reichspräsidenten.

Dr. Kurt Klamroth:

Vom roten zum weißen Stern. Meine Heimkehr nach dem deutschen Zusammenbruch im Mai 1945

Eine Försterei im Spreewald. Vor dem Gehöft drängen sich Trosswagen aller Art und werden von der Feldgendarmerie nach den Seiten zu abgeleitet, wo sie im Walde oder am Rand der Waldstraße Aufstellung nehmen. hinter dem Hause halten die Kraftfahrzeuge des Regimentsstabes der Waffen-Grenadier -Division der SS. Eine besondere Spannung liegt in der Luft. Man fühlt, es muss nun endlich zum Klappen kommen. So wie in den letzten Tagen kann es auf die Dauer nicht weiter gehen.

Oberscharführer Cremer, der Ib des Regiments, dem ich seit Mitte März zugeteilt war, hatte mich beauftragt, mit dem Gefechtsstand Fühlung zu halten. Er selbst hielt sich bei unseren drei Wagen auf, dem Wagen des Waffenmeisters, einem Munitionswagen der Fahrschwadron und dem Wagen mit unserem Gerät und Gepäck, der zu allem Überfluss noch bis oben hin mit Munition bepackt war. Die Wagen standen etwa 500 m

weiter in Fahrtrichtung am Waldrand aufgefahren. Dass es am gleichen Abend noch weitergehen, ja vielleicht der entscheidende Durchbruch versucht werden würde, war uns allen klar. Wichtig war für uns, möglichst bald etwas Näheres über die Marschroute und die Abmarschzeit zu erfahren. Von den auf dem Gehöft herumstehenden Schreiber, Meldern, dem Gasschutzoffizier und dem Stellungsbauoffizier war aber nichts herauszubringen. Im Grunde hatte wohl keiner von den Angehörigen des Regiments, vielleicht nicht einmal der Regimentskommandeur, Sturmbannführer Ehlers und sein kleiner Ia, der SS-Grenadier Knappe, den wir seiner Jugendlichkeit halber den „Pimpf" nannten, eine genaue Vorstellung der Lage. Seitdem es dem Iwan gelungen war, in unseren

rechten und linken Nachbarabschnitten die Neissefront einzudrücken, hatten

wir uns unter ständigem Druck immer weiter nach Westen absetzen müssen. Die Tage von Weissagk und Mulknitz, in den wir 5-7 km hinter Forst ein verhältnismäßig ruhiges Dasein führten, gehörten längst der Vergangenheit an. Tagtäglich oder vielmehr allnächtlich war seit dem der Regimentsgefechtsstand nach Westen oder Nordwesten verlegt worden. Stationen wie Klein-Bohrau, Bärenbruck, Neuendorf, die wir meist unter dem Beschuss der Russen im mehr oder minder letzten Augenblick verließen, waren in teils angenehmer teils weniger angenehmer Erinnerung. Die Erinnerung an Bärenbruck schmerzte unseren guten Fahrer Pfeil

noch immer. ,,Was hätte man da nicht noch alles herausholen können! 40 schöne Einmachgläser mit Kompott standen im Keller - und nun hat den größten Teil der Iwan! Und die gute Milch von den beiden Kühen!" „Und wie gut war es doch, dass wir rechtzeitig aus dem Quartier rausmussten!", pflegte dazu der kleine Sarbach zu sagen, der stets auf seine Sicherheit bedacht war und über den wir oft lachten, wenn er beim Heranheulen einer Granate unwillkürlich den Kopf einzog oder einen Seitensprung machte, obwohl die Granate, wenn sie ihn hätte treffen sollen, sicherlich viel fixer gewesen wäre als alle seine Seitensprünge. Als dann der Russe seinen Angriff auf das Dorf machte, sauste ein Volltreffer mitten in die Küche hinein, wo wir vorher unseren Pudding kochten. Als wir nach der Wiedereinnahme des Dorfes zurückkamen, war alles kurz und klein gehauen. „Da hätte kein Seitensprung mehr etwas genutzt", war Pfeils gutmütig spottende Feststellung. Das alles lag aber nun schon wieder mehrere Tage zurück. Ein weit unangenehmeres Gefühl beschlich uns noch, wenn wir an die kitzlige Lage im Vorwerk Leibach hinter Lübbenau zurückdachten, wo wir in dem kleinen Wäldchen hinter dem

zerschossenen Dorf stundenlang im schweren Granatwerferfeuer mit unseren Troßwagen aushalten mussten, während rechts und links die Grenadiere aus der HKL sich bereits nach rückwärts absetzten, bis endlich der Befehl kam, ebenfalls in eines der nächsten Wäldchen zurückzugehen. Das war der richtige „Spuk von Lübbenau". Seitdem waren wir eigentlich nie mehr so recht zur Ruhe gekommen. Die Pferde wurden überhaupt nicht mehr ausgespannt. Nach wenigen Stunden ging es bereits weiter, meist freilich erst dann, wenn der Beschuss zu arg wurde und die MG-Garben des Iwan bereits in das zu kurzem Versteck uns schützende Blätterdach

spritzten. Es war uns klar, dass der Iwan alles daran setzen würde, die sich von der Neissefront absetzenden Divisionen abzufangen, ehe es ihnen gelang, sich mit dem angeblich vom Berliner Ring nach Osten zum Entsatz vorstossenden Truppen zu vereinigen. Würde es uns gelingen, heil aus dem sich schliessenden oder bereits geschlossenen Kessel herauszukommen?

In der langsam hereinbrechenden Dämmerung kommen der Kommandeur des uns unterstellten 467.Grenadier-Ausbildungs-Btl. und zwei mir nicht bekannte Offiziere auf den Hof. Der „Pimpf" , der gerade aus der Försterei herauskommt, geht ihnen entgegen. Ich dränge mich heran, um aus dem Gespräch meine Neugier zu stillen und Cremer unterrichten zu können. „Der Kessel soll bei der Autobahn hinter Halbe bereits geschlossen sein", nimmt einer der Offiziere das Wort. „Die 342.ID soll versucht haben, nordwestlich über Hammer durchzukommen, ist aber ebenfalls steckengeblieben". "Unsinn", meint der Pimpf. „Das interessiert mich nicht im geringsten. Wir haben soeben den klaren Befehl erhalten, über Birkholz, Märkisch -Buchholz, Halbe nach Teupitz zu marschieren. Von Westen her haben bereits drei Divisionen die Linie Baruth-Zossen und mit Spitzen Teupitz erreicht. Wir werden uns morgen mit diesen Truppen vereinigen". Die anderen wiegen zweifelnd den Kopf, wagen es aber nicht gegen die mit gewohnter Entschiedenheit und Selbstsicherheit vorgebrachte Äußerung des kleinen Knappe etwas einzuwenden. Befehl ist Befehl. Die höhere Führung wird schon wissen, was sie zu tun hat. „Märkisch-Buchholz ist teilweise vom Feind besetzt ", fügt Knappe noch hinzu. „Die Brücke über den Kanal ist zerstört. Etwa einen km nördlich befindet sich eine Notbrücke. Über die müssen wir hinüber. In einer Stunde marschieren wir ab. " Nun weiß ich genug. Im gleichen Moment kommt auch Oberscharführer Cremer auf den Hof, den seine Unruhe doch nicht bei den Wagen gelassen hat. Ich verständige ihn rasch und wir beide gehen in das Haus, um zu sehen, ob wir nicht irgend etwas zu essen bekommen. Wir haben Glück, denn eine Flüchtlingsfrau, die schon seit Tagen zusammen mit dem Putzer Max um das leibliche Wohl des Regimentsstabes bemüht ist, verteilt gerade kleine Schnittchen Schweinekotelett, die von einem irgendwo ergatterten Schweine stammen. Es sollte für längere Zeit der letzte warme Happen sein. Bald nach 21 h geht es los. Unsere Wagen stehen gut in Fahrtrichtung an der Straße. Die Pferde haben sich etwas ausgeruht und ziehen kräftig durch den Sand. Trotzdem sollten wir nicht weit kommen. Nach knapp 2 km versucht uns eine Lkw-Kolonne zu überholen. Die ersten Wagen kommen glatt vorbei. Der letzte Wagen trifft uns an einer schmalen Wegstelle. Wir wollen dennoch ausbiegen und stehen schräg auf dem Weg. Da fasst uns der Lkw von hinten und schiebt den Wagen, der sich quer in den Weg stellt, rücksichtslos vor sich her. Ein Krachen und Knirschen in der Deichsel, der Wagen stürzt um, die schweren Munitionskisten poltern durcheinander. Erstaunlicherweise ist weder dem Fahrer Pfeil noch Cremer etwas passiert. Pfeil war rechtzeitig vom Bock gesprungen. Cremer entsteigt nach einigen Schwierigkeiten unverletzt dem Durcheinander von Kisten, Gerät und Gepäck, das nun auf der nachtdunklen Straße liegt und an dem die nachfolgenden Wagen sich mühsam vorbeischlängeln. Ich selbst war mit

dem Dienstfahrrad dem Wagen gefolgt und war nur Zuschauer dieses traurigen Endes unseres bis hierher durch alle Fährnisse gut durchgebrachten Wagens . Die Pferde stehen ruhig und unversehrt vor dem umgestürzten Wagen. Als wir uns die Bescherung beschauen, kommt gerade der frühere Oberst Momm, Sieger im Olympia-Reitturnier - auch wegen des 20.Juli zur Brigade Dirlewanger versetzt - an uns vorbei. „Deichsel gebrochen! Wir werden zu Fuß aus dem Kessel rausmarschieren!" rufen wir ihm zu. „Auch mein Auto ist hin" antwortet er, „habe alle meine Sachen verloren!" Damit geht er weiter. Leider habe ich diesen vorzüglichen Mann, der gleich mir wegen des 20.Juli zu „Dirlewanger" gekommen war und mich stets in so liebenswürdiger Weise anredete, später nicht wieder gesehen. Hoffentlich ist er heil durchgekommen. Uns selbst bleibt nichts anderes übrig, als unser Sturmgepäck aus dem Trümmerhaufen unseres Wagens herauszusuchen und uns zu Fuß auf den Weg zu machen. Munition und Geräte müssen wir schweren Herzens im Stich lassen, auch alles, was sich an Privatsachen, kleinen Essvoräten usw. angesammelt hat. Die Geheimsachen und alle sonstigen Schriftstücke, die nicht in Feindeshand fallen dürfen, hatten wir schon am Tage vorher in unserem letzten Quartier verbrannt. Die Pferde werden ausgeschirrt und mitgenommen - man weiß nicht, ob man nicht noch einen Wagen findet. Auch mein Dienstrad, was uns schon einmal geklaut war, schiebe ich weiter brav durch den Sand.

Sonntag, 29. April 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Französische Truppen besetzen Friedrichshafen am Bodensee.

Die in Oberitalien kämpfende deutsche Heeresgruppe C unter dem Oberbefehl von General Heinrich Gottfried von Vietinghoff kapituliert in der italienischen Stadt Caserta vor den allierten Streitkräften. Die Kapitulation tritt am 2. Mai in Kraft.

Kurz nach Sonnenaufgang liegen wir etwa 50 m neben der Straße Birkholz-Märkisch-Buchholz im Walde schräg an der Schüttung eines Deckungslochs. Links neben uns stehen die braven Pferde, dazwischen an einem Kieferstamm mein Fahrrad. Wir drei - Cremer ganz links, Pfeil in der Mitte und ich ganz rechts -liegen eng aneinander gepreßt unter einer Decke. Rechts neben uns liegt noch der kleine Sarbach, der bei dem starken Beschuß in Leibsch vorzeitig abgehauen war, den wir aber gestern auf dem Weg zufällig wieder getroffen hatten. Die Kälte hat mich aus dem kurzen Schlaf aufgestört. Unablässig ziehen mir die Bilder unserer nächtlichen Wanderung durch den Kopf: das brennende Birkholz, in dem wir die Straße nur durch die schmale Tür eines noch nicht von den Flammen erfassten

Hinterhofes wieder erreichen konnten, die mit Trosswagen, Autos, Karren und Geschützen voll gepfropfte Straße, die endlos dahin strömenden Massen von Soldaten, Flüchtlingen, verängstigten Frauen und Kindern, das Fluchen und Schimpfen der durch immer wieder auftretende Verstopfungen gehinderten Marschkolonnen. Es war unsere Absicht, möglichst noch vor Tagesanbruch die Notbrücke bei Märkisch-Buchholz zu erreichen. Das Vorwärtskommen mit unseren Pferden, für die in dem Wagen-und Menschentroß nur mühsam Platz zu schaffen war, wurde jedoch immer schwieriger. Plötzlich kam uns in langem Zuge eine in Reihe marschierende Infanteriekolonne entgegen, die nach Birkholz zurückmarschierte. Warum, wusste keiner zu sagen. War die Brücke gesprengt? War die Straße so rettungslos verstopft, dass man nicht mehr durchkommen konnte? Oder drückte gar der Russe schon von vorn? Es war wohl besser, wir gönnten uns ein oder zwei Stunden Schlaf, bis sich die Lage geklärt hatte. Da jeden Augenblick der Artilleriebeschuss wieder einsetzen konnte, hatten wir uns diesen Platz etwa 50 m neben der Straße gesucht, der uns einigermaßen geschützt erschien. Aber die Morgenkühle ließ uns nicht recht zur Ruhe kommen. Trotzdem wir so eng beieinander lagen, kroch uns die Kälte langsam die Glieder hinauf. Eben erhebt sich Pfeil etwas und murmelt

was von „ekelhaft kalten Füßen ", da heulte es heran und haut mit jähem Krach dicht neben uns ein. Cremer und Pfeil schreien auf, ich selber spüre einen Schlag gegen das linke Schienbein. Nur Sarbach springt unverletzt auf. Eine Granate war dicht neben den Pferden eingeschlagen, hatte mit ihren Splittern die Pferde und mein Fahrrad durchsiebt, Cremer das linke Bein zerschlagen und Pfeil schwer am Gesäß und Oberschenkel verletzt.

Hätte Pfeil sich nicht gerade aufgerichtet, dann hätte ich wohl noch erheblich mehr abbekommen. Unsere braven Pferde waren sofort tot. Da weitere Einschläge ganz in der Nähe hereinhauen, zerren wir die stöhnenden Männer rasch in die nächsten Deckungslöcher. Dann läuft Sarbach - unser ängstlicher kleiner Sarbach - trotz des Feuers davon, um Hilfe zu holen. Aber kein Sanitäter ist zu erreichen. Mit unseren wenigen Verbandspäckchen legen wir kleine Notverbände an. Ein endlich

vorbeikommender Arzt schüttelt den Kopf und sagt, er könne da auch nicht

weiterhelfen. Zwei Stunden vergehen, bis es uns endlich gelingt, an der Straße einen Trosswagen aufzuhalten, in den wir mit großer Mühe den armen Cremer verstauen können. Humpelnd laufe ich die Straße zurück, um einen weiteren Platz für den guten Pfeil zu finden. Aber alle Wagen sind schon mit Verwundeten besetzt. Endlich kommt ein schmaler kleiner Karren, auf dem zwei unverwundete Männer sitzen. Sie haben ein kameradschaftliches Herz und helfen uns, den vom Blutverlust

geschwächten und schwer mitgenommenen Pfeil darauf unterzubringen.

Hinten bleibt noch ein kleines Plätzchen, wo ich mich mit meinem schmerzenden Bein hinhocken kann. Sarbach taucht im Gewimmel unter. Ich habe ihn nicht wieder gesehen.

Langsam schiebt sich unser Karren im Gedränge vorwärts. Inzwischen ist es heller Tag geworden. Jeden Augenblick müssen die Flieger kommen. Unangenehmerweise kommen wir aus dem Walde heraus. Die Straße führt über ein freies Hügelgelände, das nur wenig Schutz bietet. Aber überall haben die vor uns hier durchmarschierten Kolonnen Deckungslöcher und Deckungsgräben ausgehoben. Die meisten sind allerdings schon besetzt, denn immer noch krachen in unregelmäßigen Abständen rings um uns die Granateinschläge. Da das Feuer gut auf der Straße liegt, biegen

die Wagen größtenteils in das Gelände zu beiden Seiten der Straße ein. Auch wir versuchen quer über ein freies Stück Feld abzuschneiden. Da - ein tiefes Brummen! Fliegerdeckung! Sie kommen heran! Rechts und links spritzen die Explosivgeschosse der Tiefflieger herein. Ich weiß nicht mehr, wie ich von meinem Wagen herunterkam und in einem schmalen Graben verschwand. Neben mir keucht eine ältere Flüchtlingsfrau, der ich beinahe auf den Kopf gesprungen wäre, rechts duckt sich ein Pfeife rauchender Landser. „Immer sachte, Kamerad, wenn´s Dich treffen soll, erwischt´s Dich doch! " Raus aus dem Loch, sie sind schon über uns weg! Ein paar

Kilometer vor uns sehen wir ein Geschwader niedergehen und seine Bombenlast auf die HKL abladen. Dumpf dröhnen die Einschläge zu uns herüber. Ich beschließe, mich trotz aller Kameradschaft von Pfeils Wagen zu trennen und allein weiter zu humpeln. Es geht mir zu langsam. Vor der Brücke stauen sich Hunderte von Wagen. Wann sollen die jemals hinüber kommen? Der Abschied fällt mir sehr schwer. Aber ich muss aus dieser Hölle heraus. Was nützt es, wenn ich bei ihm bleibe? Ich kann ihm nicht helfen und erhöhe nur die Gefahr für mich selbst. Also vorwärts. Noch

zweimal muss ich vor heranbrausenden Tieffliegern in das nächste Deckungsloch springen und eine halbe Stunde verliere ich, weil ich wegen des andauernden Beschusses in einem Graben verweile. Dann sehe ich endlich Märkisch-Buchholz vor mir liegen. Unglücklicherweise bin ich zu lange der Straße gefolgt und zu weit südlich geraten. Die Notbrücke liegt ja ein km nördlich Märkisch-Buchholz. Kann man so über den Kanal? Mit ein paar anderen Landsern laufe ich gebückt an ein paar Häusern vorbei über einen Wiesenstreifen zum Ufer hinunter. Tak-tak-tak- von links schießen sie aus einer Stellung hinter der gesprengten Hauptbrücke mit einem M.G.

herüber. Es scheint mir nicht geraten, hier über das Wasser zu gehen. Da - rechts etwa 800 m weit sehe ich die Notbrücke. Der Weg dorthin wird von Granatwerfern bepflastert. Am Ufer entlang hat der Feind Einblick.

Na, da hilft es nichts. Zähne zusammen und durch das Granatwerferfeuer durch, sonst knallen Dich noch die Scharfschützen ab. Erstaunlich, wieviel Granaten einschlagen, ohne einem etwas zu tun. Ein bisschen Staub, ein bisschen Pulvergeruch und alles ist vorbei. Am Rand eines kleinen Wäldchens haste ich entlang zur Brücke. Wenn Du die Brücke erreichst , hast Du es geschafft. Drüben wird´s ruhiger sein. Ich habe es geschafft. Ohne umzusehen laufe ich über das klappernde Holz der Notbrücke und eile atemlos den Waldweg hinter der Brücke hinauf, um aus der gefährlichen Zone herauszukommen. Da kracht und splittert es hinter mir. Ist die Brücke getroffen? Auseinandergerissen? Ich habe keine Lust zu näheren Feststellungen. Der schützende Wald umfängt mich. Zum ersten Mal gönne ich mir eine Rast und rauche eine Zigarette. Halbe soll ja noch feindfrei sein. Ich bin also durch. Leider sollte sich die Mär vom feindfreien Halbe alsbald als ein grausamer Irrtum erweisen. Der Wald zwischen Halbe und Buchholz wimmelt von Landsern, Wagen, Autos, ja selbst Panzerspähwagen und Panzern der verschiedensten Einheiten, die teils schon tagelang hier herumirrten und nicht wissen, so sie hin sollen. Es fehlt absolut an einer einheitlichen, klaren und zielbewussten Führung. Alles hat sich in kleine Gruppen und Grüppchen aufgelöst, die auf eigene Faust einen Durchbruch versuchen wollen oder es bereits aufgegeben haben und in den im Walde verstreuten Erdbunkern und Deckungslöchern herumdösen. Schwer belastend ist der Andrang von Flüchtlingsfrauen und Kindern, die jede soldatische Entschlusskraft lähmen. Ich begegne einer Frau, die mir vor wenigen Tagen die Wäsche gewaschen hat und die mir nun mit ihren vor Hunger weinenden Kindern händeringend entgegenkommt. „Was sollen wir blos machen? Helfen Sie uns doch, dass ich aus diesem grässlichen Walde herauskomme!" Wir gehen ein Stückchen zusammen bis zu einer Waldschneise, wo drei Panzer und zwei Panzerspähwagen der SS-Division „Deutschland" aufgefahren sind und rate ihr, zu dem Versuch, sich von einem Panzerspähwagen mitnehmen zu lassen. Aber die Panzermänner erklären, dass ihre Wagen bereits überfüllt seien. Was tun? Ich kann ihr nicht helfen und darf mich nicht mit ihr belasten. Sie erinnert mich an meine Frau und meine Kinder daheim, um derentwillen ich diesen Durchbruch wagen muss. Wenn ich zu ihnen zurück will, muss ich mir volle Handlungsfreiheit bewahren. Es ist schwer, hart zu sein, aber wo liegt die höhere Pflicht? Ich will gern Kamerad und Helfer sein, aber nur, solange ich im Augenblick wirklich etwas nützen kann und mir nicht den Weg versperre zu meinen Angehörigen, denen mein Leben zu allererst gehört.

Der ganze Tag vergeht mit Herumhorchen über die Pläne der verschiedenen

Grüppchen, die noch Aktivität zeigen. Wie verlautet, sollen die Panzer gegen Abend einen Durchbruch versuchen, dem Panzerkeil soll sich dann

die Infanterie anschließen, die Troßwagen mit Frauen und Kindern sollen dann hinterherfahren. Ähnliches war aber am Abend vorher auch schon mal versucht. Die Panzer waren ohne große Verluste durchgekommen, dann aber hatte sich die Lücke wieder geschlossen, die Infanterie war stecken geblieben und die Troßwagen waren hoffnungslos zusammengeschossen. Aussichtsreicher erschien mir der Versuch, in kleinen Gruppen bis zu fünf Mann, nach Süden ausholend Halbe zu umgehen und dann versuchen, irgendwo durch die feindlichen Linien an der Autobahn sich durchzuschleichen. So dicht kann doch der Kessel nicht überall geschlossen sein. Auf jeden Fall beschloss ich, erst einmal etwas auszuruhen. Ich hatte aber dabei nicht mit den feindlichen Fliegern gerechnet. Die hatten natürlich herausgekriegt, dass der Wald voll Menschen und Fahrzeugen war und schossen wahllos im Tiefflug ihre Brand- und Explosivgeschosse hinein. Bald entstanden überall kleine Waldbrände.

Zwischendurch rieselten Flugblätter herab: „Gebt den nutzlosen Widerstand auf! Gebt Euch gefangen! Stalin, Churchill und Truman sind

übereingekommen, die deutschen Kriegsgefangenen bestens zu behandeln."

Gegen Abend fuhren tatsächlich die Panzer und Panzerspähwagen ab. Ein Befehl zum Sammeln der Infanterie erging nicht. Woher sollte ein solcher Befehl auch kommen. Wohl aber fuhren auf der Waldstraße nach Halbe eine Unmenge Trosswagen auf. Weiß der Himmel, wo sie alle herkamen. Auf dem Wege dorthin wogte und wimmelte es wie bei einem Karneval.

Lachende Landser, Arm in Arm mit Frauen und Mädchen, standen oder gingen zwischen den Wagen umher. Dort wurde ein Trosswagen mit Konservenbüchsen geplündert. Leider waren es nur Gemüsekonserven. Aber Durst und Hunger treiben alles hinein. Auch ich ergattere eine Büchse mit grünen Bohnen, öffne sie mit dem Seitengewehr und schlürfe das kalte Zeug als Abendbrot. Etwas weiter spielt einer Akkordeon. Es fehlt nur, dass sie tanzen. Ein Totentanz. Ein grausiges Karnevalsfest. Wann kommt Aschermittwoch? Plötzlich kommt Bewegung in die Massen. Alles stürzt, schreit und rennt nach links in den Wald hinein. „Die Russen sind im Rücken durchgebrochen. Vorwärts, vorwärts! Rette sich wer kann!" Einige Besonnene wollen der Panik Halt gebieten. Vergebens. Ein Schuss knallt. Wer war es? Ein Deutscher? Ein Russe? Der Schuss löst eine ungeheure Panik aus. Eine wüste Knallerei beginnt, während die hereinbrechende Dämmerung jede Möglichkeit nimmt, eine klare Erkenntnis der Lage zu gewinnen. Nach allen Richtungen knallt es wüst durch den Wald, Zweige

krachen, Schritte hasten und schrille Schreie ertönen. Die Hölle ist los. Ich werfe mich in das nächstbeste Loch, in dem es leider gräulich stinkt. Aber was schadet das. Neben mir, über mir, überall krachen Schüsse herein, bersten Explosivgeschosse, entzünden Brandgeschosse züngelnde kleine Feuerchen. Ist das nun das Ende? Kommen wirklich die Russen? Nach einer mir endlos erscheinenden Zeit wird es ruhiger. Es ist nun völlig dunkel geworden. Ich höre Menschen an mir vorübergehen. Feind oder Freund? Noch wage ich mich nicht aus diesem Loch, stelle mich tot. Es könnten ja Russen sein. Da hör ich deutsch sprechen. Heraus aus dem Loch. ,,Was ist denn los, Kameraden?" Niemand weiß, was los ist. Der Spuk verging wie er kam. Nur das Stöhnen der Verwundeten hallt durch die Nacht. Es ist unfassbar. Nach einer Weile stehe ich wieder bei den Wagen auf der Schneise. Langsam belebt sich die Schneise wieder und ein Wagen nach dem anderen setzt sich in Bewegung. Vor mir hält ein kleiner Personenkraftwagen. Ich frage den Fahrer, ob er nicht Platz für mich hat, da ich wegen meiner Verwundung schlecht laufen könnte. „Wir können Sie mitnehmen", antwortet er. „Der vierte Platz ist frei geworden, da es den Kameraden, den wir bisher mitnahmen, leider bei der Schießerei im Walde erwischt hat!". Glück muss der Mensch haben. Nichts wie rein in den Wagen. Der Fahrer ist, wie ich später feststelle, ein Stabsintendant Iden von der 342. ID. Vorn neben ihm sitzt ein Zahlmeister. Hinten im Wagen, zwischen Kissen, Decken und Gepäckstücken verborgen, sitzt Hanni, die Freundin des Stabsintendanten. Ich quetsche mich neben sie und versuche mein schmerzendes Bein auszustrecken. „Hanni, gib unserem neuen Gast einen Schluck". Sie drückt mir eine Pulle Sekt in die Hand. Ich bin nicht schüchtern und nehme einen tiefen Zug. Ah, wie das angenehm den Schlund herunterläuft. Auch Iden stärkt sich und erklärt mir sein Vorhaben. Er will im Caracho den Durchbruch versuchen. Zunächst bis Halbe fahren und dann von Halbe unter der Autobahn durch Teurch Teupitz zu erreichen versuchen. Ich bin sehr einverstanden, kuschle mich neben Hanni und die Fahrt geht los.

Montag, 30. April 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler begeht im Bunker unter der

Reichskanzlei in Berlin Selbstmord.

Die bayerische Landeshauptstadt München wird von Truppen der

US-amerikanischen 7. Armee besetzt. Viele Bewohner der Stadt bereiten den Soldaten einen freundlichen Empfang.

Bis Halbe sind es nach meiner Schätzung nicht mehr als 5 km , von Halbe bis zur Kreuzung mit der Autobahn nochmals 5 km und dann etwa 6 bis 7 km bis Teupitz. Unter anderen Umständen mit dem Auto ein Katzensprung. Aber unsere Hoffnung, die Strecke noch im Laufe der Nacht bewältigen zu können, sollte sich als trügerisch erweisen. Zwar war es gelungen, den Russen aus Halbe zurückzudrücken. Oben an der Autobahnbrücke aber hatte er allerhand aufgefahren. Halbe selbst und die Strecke von Halbe bis zur Autobahn lag unter dauerndem starken Beschuss. Dazu kamen die Scharfschützen, die zu beiden Seiten der Straße in dem Kieferngehölz zurückgeblieben waren und die Straße höchst unsicher machten. Natürlich war der Weg rettungslos verstopft. Pferdeleichen, umgestürzte Wagen, verbrannte Autos, zerschossene Panzer versperrten die Straße. Es gehörte schon eine große Fahrkunst dazu, sich zwischen den gebückt vorwärts schleichenden Landsern und der Schlange der übrigen Trosswagen und Autos an diesen Hindernissen vorbeizuschieben. Immer wieder stockte die langsame Fahrt. „Panzerfäuste nach vorn! " „Panzer und Panzerspähwagen nach vorn!" Immer wieder wurde nach panzerbrechenden Waffen gerufen und eine Reihe von Offizieren bemühte sich, die linke Straßenseite für die angeblich hinten noch vorhandenen Panzer zum Vorbeifahren frei zu machen. Aber die Panzer kamen nicht. Was sollten sie auch hinten zwischen den Trosswagen. Sie waren sicher längst durch. Immerhin war allmählich etwas Ordnung in die Kolonne geraten. Die Kraftwagen hatten sich nach vorn gedrückt und es ging, wenn auch im Schritttempo allmählich vorwärts.

Im Morgengrauen hatten wir Halbe erreicht. Da die Ari ständig hineinpfefferte, suchten wir für kurze Zeit Schutz in dem Keller eines zusammengeschossenen Hauses. Dort mussten ein paar Landser gehaust haben, die bei eiligem Aufbruch ihre Vorräte zurückgelassen hatten. Ich fand ein Stück Brot und ein Säckchen mit Zucker, für einen ausgehungerten Magen ein wahres Labsal. Iden drängte zur Weiterfahrt. Er gab sich nun als Beauftragter des Generals aus, der die Kolonnen abfahren solle. So bogen wir nach links aus der Schlange heraus und kamen gut vorwärts. Die Granateinschläge wurden jedoch immer häufiger und ekelhafter. Plötzlich flog vor uns ein Lkw in Fetzen. Volltreffer! Raus in einen der Deckungsgräben an der Straßenseite. Eine Stunde oder länger hockten wir dort bis die Straße einigermaßen geräumt war, sodass wir weiter konnten.

Inzwischen war es heller Tag geworden und mit dem Tage kamen auch unsere Verfolger aus der Luft wieder auf. Alle Viertelstunde sprangen wir aus dem Wagen, um volle Fliegerdeckung zu nehmen. Schließlich waren wir es satt, beschlossen alles auf eine Karte zu setzen und koste es, was es wolle,

den Durchbruch zu wagen. Es konnten ja nur noch 2 bis 3 km bis zur Autobahn sein. Wir verbarrikadierten uns im Wagen so gut es ging mit Ledertaschen, Decken und Rucksäcken als Splitterschutz und Iden drückte rücksichtslos auf die Tube. Da gabelt sich plötzlich die Straße. Die eigentliche Straße selbst ist durch ein Knäuel umgestürzter Wagen versperrt. Rechts und links biegen tiefeingewühlte Spuren in den schütteren Wald. schieben sich Wagen und Menschen langsam vorwärts. Links scheint eine bessere Möglichkeit des Vorwärtskommens. Also los, mit kochendem Kühler über das wurzelige unebene Gelände zwischen den Baumstämmen hindurch. Nach einer Viertelstunde sind wir rettungslos festgefahren. Es geht weder vorwärts noch zurück. Wir müssen den Wagen aufgeben. Noch ein Schluck aus der Pulle, Sturmgepäck heraus, zu Fuß weiter. 100 m weiter peitschen uns MG-Garben entgegen. Ein Trupp Landser strömt zurück . „Hierher , Hanni!". Wir müssen nach rechts über die Straße. „Hier kommen wir nicht durch!" Etwas weiter rechts sehen wir wieder die Straße liegen. Alle halbe Minute spritzt dort ein gut liegender Granateneinschlag auf. Wir pirschen uns heran. „Wumms!". Einschlag. Jetzt hinüber! „Wumms!" Einschlag hinter uns! Das war mal wieder gut gegangen. In dem Waldstück rechts der Straße ist es etwas ruhiger. Allmählich sammelt sich ein Trupp von etwa 40 Landsern samt dem unvermeidlichen Anhang von Frauen und Kindern. Mit Hanni zwischen uns marschieren Iden und ich langsam bis zur Spitze dieses Trupps. Dort führt ein SS-Untersturmführer das Wort. „Es können nur noch 500 m bis zur russischen Linie sein, die hier offenbar dünn besetzt ist. Dahinter ist dann gleich die deutsche HKL. Wir müssen versuchen durchzukommen. Wenn wir ordentlich brüllen und feste knallen, kommt der Iwan ins Laufen. Alle Gewehrträger nach vorn als Stoßkeil, Frauen und Kinder hinten nach!" Es dauert wohl eine Stunde, bis es ihm gelingt, einen einigermaßen kampffähigen Stoßtrupp zusammenzustellen. Keiner hat rechte Lust, alle sind ausgepumpt und hungrig. Mittlerweile ist es 3 oder 4 Uhr nachmittags geworden. Ich sage mir, dass ich nur die Wahl habe, hier im Walde vom Flieger oder Ari zusammengeschossen zu werden und ohne Verbandszeug und jede ärztliche Hilfe wie ein Stück Wild zu verenden oder durch rücksichtslosen Einsatz doch noch irgendwie aus diesem Hexensabbat herauszukommen. Wer sich selbst aufgibt, ist rettungslos verloren. Und wenn ich nur eine geringe Chance habe, so werde ich sie nutzen. Ich reihe mich deshalb in den Stoßtrupp ein. Iden kann sich nicht von Hanni trennen und bleibt zurück. Langsam schleichen wir durchs Gehölz. Da - Pitsch, pitsch, knallt es uns entgegen. Das ist vielleicht der entscheidende Moment. Wir beginnen eine wüste Knallerei und springen - laut „Hurra!" brüllend- von Stamm zu Stamm vorwärts. Jetzt nur nicht erlahmen. Vorwärts und durch! Aber wie ich mich umsehe, hält der größere Teil es für geraten, sich auf den Bauch zu legen und sinnlos in die Gegend zu knallen. Vorsicht ist

der bessere Teil der Tapferkeit. Immerhin, das ist eine Art Feuerschutz. Mich packt eine verzweifelte Wut, diesem Zustand ein Ende zu machen. Ich schreie ein paar Kameraden zu, dass sie mit mir vorgehen sollen. Drei junge Kerle schließen sich mir an. Wir brüllen, laufen und schießen. Vor uns schimmert ein Gehöft durch die Bäume, wahrscheinlich eine Försterei. Wir laufen darauf zu. Da treten etwa 4 braune Gestalten seitlich heraus. „Hände hoch!", schreie ich. Sie heben wirklich die Hände hoch, und ich sonne mich einen Augenblick in dem Stolz, meine ersten Gefangenen gemacht zu haben. Da rattert es plötzlich aus der Rückwand des Gehöftes auf uns los - ein fürchterliches, tödliches MG-Feuer. Im Nu liege ich auf der Schnauze. Meine Hände krallen sich in den Boden. „Jetzt ist es aus " - denke ich. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Aus 20 m Entfernung schießt man auf uns arme Kerle mit Explosivgeschossen, die rechts und links von mir krachend zerbersten. Aber die meisten Schüsse liegen zu hoch. Ich liege so tief im Waldboden verkrallt, dass ein Zielfeuer nicht möglich ist. Zwei meiner Kameraden schreien kurz nacheinander auf. Sie haben Splitter abbekommen. Ich bleibe vollkommen unversehrt. Endlich hört das Feuer auf. Noch eine Weile stelle ich mich tot. Vor mir ertönen Stimmen: „Hallo, komm, Kamerad, komm ". Es sind Russen. Langsam hebe ich den Kopf. Da steht vor mir ein brauner Kerl. „Kamerad, schmeiß Gewehr weg! Warum Du schießen, Krieg aus! " Was bleibt mir anderes übrig. Langsam stehe ich auf und gehe ihm entgegen. „Uhr? " fragt er und tastet mich ab. Ich gebe ihm meine Armbanduhr. Er hat mich gefangen genommen, also hat er wohl das erste Anrecht darauf. Ich bitte ihn, die verwundeten Kameraden, hereinzuholen. Dann gehe ich mit ein paar anderen inzwischen hinzugekommenen Russen in den Hof der Försterei. Dort wimmelt es von etwa 60 bis 70 Russen und etwa 20 deutschen Landsern, die mein Schicksal teilen. In der Rückwand der Scheune, in der Verwundete liegen, ist in einer Mauerbresche gut getarnt das MG eingebaut, das uns so heißen Empfang bereitete. Eine elende Falle, das Ganze. 6 bis 8 zudringliche Kerle tasten mich immer wieder ab und durchwühlen meinen Rucksack. Aber da ist nichts mehr zu finden. Schließlich lässt man mich in Ruhe. Ich setze mich an das Scheunentor in die wärmende Nachmittagssonne. „Nun bis Du also in russischer Gefangenschaft ", denke ich. Merkwürdig - es ist nur ein Gefühl, das mich beherrschte: Unendliche Erleichterung, dem Kessel entronnen zu sein, zu atmen, zu leben, die Sonnenwärme auf meinen müden Gliedern zu spüren. Nun schenkt mir auch noch ein Russe eine Zigarette. Sie sehen gar nicht so übel aus die Kerle. Schließlich, auch das sind Soldaten wie wir. Eine heimliche Neugier und Abenteuerlust beschleicht mich. „Du bist nun einstweilen in russischer Gefangenschaft.- Aber das Weitere, das wird sich finden."

Dienstag, 1. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Vor dem Bunker der Reichskanzlei in Berlin begehen der Reichsminister für

Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, und seine Ehefrau

Magda Selbstmord.

Der Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine, Großadmiral Karl

Dönitz, gibt in einer Rundfunkansprache seine Ernennung zum

Reichspräsidenten bekannt und spricht sich für eine Fortsetzung des Krieges im Osten aus.

Sowjetische Truppen stürmen im Stadtzentrum Berlins die Reichskanzlei; sie

finden im Garten des Gebäudes die verkohlte Leiche des ehemaligen

Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels.

Am nächsten Morgen erwache ich aus tiefem, erquickendem Schlaf in dem Stroh

einer Scheune, die mit etwa 30 verwundeten deutschen Soldaten belegt ist. Etwa eine Stunde nach meiner Gefangennahme waren die marschfähigen Gefangenen in Marsch gesetzt, die anderen sollten mit einem LKW abtransportiert werden. Wir wurden in Begleitung eines stupid und gutmütig aussehenden älteren Russen bis zur Autobahn gebracht, marschierten dort eine Stunde in südlicher Richtung und bogen dann nach einem kleinen westlich der Autobahn gelegenen Dorfe ab. Die meisten von uns hatten große Angst, was mit uns geschehen würde. Manche rechneten damit, erschossen zu werden und beunruhigten die anderen mit ihrem Gefasel, dass wir nur bis zur nächsten Waldecke gebracht würden, wo uns dann der Genickschuss erwarten würde. Ich für meinen Teil habe mich niemals durch solches Gerede beunruhigen lassen. Niemand kann seinem Schicksal entrinnen. Es ist immer noch früh genug, ihm im kritischen Moment ins Auge zu sehen. Die Sorge vor dem, was möglicherweise Schlimmes kommen könne, ist wie ein schleichendes Gift, das alle Lebenskraft lähmt und unfähig macht, sich offen der durchaus erträglichen und vielleicht sogar reizvollen Gegenwart hinzugeben. Wie schön war es, mit fast unversehrten Gliedern durch die im Abendgold glühende Frühlingslandschaft dahin zu marschieren, deren Ruhe und Frieden uns nach dem ständigen Lärm der um uns berstenden Geschosse fast unwirklich vorkam! Die Autobahn selbst freilich war stark belebt. Unaufhörlich überholten uns Autos und kleine Panzerwagen und wir sahen nun erst, wie stark der Russe hier war. Die ganze Straße war gespickt mit in Schützenlöchern liegender Infanterie, Granatwerfern, Paks und Infanteriegeschützen. Hier durchzukommen ohne starke Artillerievorbereitung, an der es uns völlig gefehlt hatte, wäre unmöglich gewesen. An einer Stelle der Autobahn wurden wir vor einen

Offizier geführt, der sich kurz darüber informierte, von welchen Einheiten wir kamen. Er machte aber nur Stichproben und ich richtete es wohlweislich so ein, dass keine Frage an mich gerichtet wurde. Ein individuelles Verhör fand nicht statt. Als wir von der Autobahn abbogen, überholte uns ein Heuwagen. Der darauf sitzende Russe hielt freundlich an und ließ die Fußkranken aufsitzen. Wir anderen gingen langsam hinterher. Als wir in das nächste Dorf kamen, dunkelte es bereits, trotzdem wurde allen Unverwundeten durch Dolmetscher befohlen, weiter zu marschieren. Die Verwundeten erhielten Quartier in einer Scheune. Da ich nach allen Schrecken der vergangenen Tage todmüde war, schlug ich Kapital aus dem Splitterchen in meinem Bein und ergatterte den durchaus annehmbaren Schlafplatz in der Scheune. Herrlich, einmal wieder ungestört schlafen zu können! Ich wachte erst auf, als ein paar Flüchtlingsfrauen hereinkamen, die von einem Russen durch lebhafte Gesten aufgefordert wurden, bei den schwerer Verwundeten die Verbände zu erneuern. Als ich aus der Scheune herauskam, wurden wieder die einigermaßen Marschfähigen zusammengestellt, um weiter gebracht zu werden. Zu essen gab es nichts. Ich entdeckte aber in einer Art Waschküche neben der Scheune einen Topf mit Grieben und füllte mir schleunigst damit meine Fettbüchse. Auch gelang es mir, im Hause noch etwas Brot zu ergattern. So konnte ich mich getrost den „Marschfähigen" anschließen. Wir bildeten schließlich einen Haufen von etwa 40 Mann, der unter Führung eines sympathischen jungen Oberleutnants, von Beruf Privatdozent an der Universität Hamburg, den Befehl bekam, nach Luckau ins Feldlazarett zu marschieren.

Eigentümlicherweise wurde uns keine Begleitmannschaft mitgegeben. Wenn wir gewollt hätten, hätten wir also bereits damals ausbüxen können. Mir erschien Luckau aber ein durchaus annehmbares Reiseziel, da es von unserem Standort aus westlich lag, sodass ich keine Bedenken hatte, mich dem Haufen anzuschließen. Trotzdem wir frei von Bewachung waren, spürten wir auf diesem Marsch nun doch bald sehr stark das bittere Gefühl, geschlagen und gefangen zu sein. Die Russen feierten den 1. Mai. Überall hingen rote Bänder mit weiß aufgemalten Sprüchen. An besonders markanten Straßenpunkten waren Masten mit roten Fahnen und eigentümlich theatralische Holzpyramiden aufgestellt. Die frischen Gräber gefallener Russen waren mit Blumen und knallroten Bändern geschmückt. Die uns begegnenden Russen waren größtenteils besoffen, grölten und sangen und riefen uns zu; „Hitler kapuuht!" Unter ihnen befand sich eine große Anzahl uniformierter Weiber, die mit dem Gewehr über der Schulter oder umgeschnallter Pistole herumliefen. Viele von ihnen waren auch als Straßenposten eingesetzt und lenkten mit kleinen Fähnchen den Verkehr. Da wir an einem Tag nicht nach Luckau gelangen konnten, wollten wir gegen Abend in irgend einem Dorfe Quartier machen. In dem ersten Dorf

erklärten Bürgermeister und Kommandant nach längerem Verhandeln, dass es leider verboten wäre, in einem von Russen besetzten Dorf Deutsche zu beherbergen. Immerhin erwirkte unser tüchtiger Oberleutnant, dass uns eine Kanne mit Milch und ein Haufen belegter Brote von der Einwohnerschaft gebracht werden durften. Das Dorf hatte sich sofort kampflos ergeben. In den unzerstörten Häusern hingen überall weiße Fahnen. Aber die Einwohner klagten doch sehr über die rücksichtslos brutale Art, in der die Russen ihnen alles wegnähmen. Alle Häuser seien durchstöbert und Schmuck, Kleider Schuhe samt den meisten Essvorräten weggenommen. Den Frauen sei bisher nichts geschehen. Leider hätten jedoch einige die Russen freiwillig bei sich aufgenommen, ließen sich von ihnen aushalten, mit gestohlenem Schmuck behängen, mit Schnaps traktieren und zeigten auch sonst nicht die geringste Scham, worüber im Dorf die größte Empörung herrsche. Wir verabschiedeten uns mit herzlichem Dank und besten Wünschen und versuchten im nächsten Dorf unterzukommen. Aber überall erhielten wir den gleichen Bescheid. Einer der Kommandanten erklärte uns lächelnd, wir könnten doch auf der Straße schlafen. Tatsächlich waren wir fast dazu entschlossen, da die meisten sich kaum mehr vorwärts schleppen konnten. Der Blutverlust und die Anstrengungen der letzten Tage machten sich doch bemerkbar. Da machte ich einen letzten Versuch, in einem Dörfchen jenseits der Autobahn unterzukommen. Das Dorf war nur mit ganz wenig Russen belegt. Ich gab dem mir entgegenkommenden Posten meine letzten Zigarren und das hatte schließlich die Wirkung, dass uns gestattet wurde, im Saal des in der Dorfmitte gelegenen Gasthauses zu übernachten, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Türen abgeschlossen wurden und keiner in der Nacht herausging. Auch wurden wir nochmal einzeln auf Waffen durchsucht. Offenbar hatten die Kerls doch einen höllischen Respekt -selbst vor unserem armen Haufen müder Verwundeter! Mein Spähtrupp in diesem Dörfchen hatte sich gelohnt. Anstatt mit hungrigem Magen auf der Straße zu kampieren, bekamen wir ein prächtiges Strohlager und zuvor einen Teller vorzüglich warmer Kartoffelsuppe. Die Bauern und ein paar Frauen sorgten rührend für uns. Auch hier herrschte zwar eine recht gedrückte Stimmung, aber es war doch keinem der Einwohner von den Russen ein Schaden an Leib oder Leben zugefügt. Nur über die brutalen Plünderungen herrschte große Erregung. Das Lazarett in Luckau war in einer in den letzten Jahren vor dem Krieg gebauten 8-klassigen Volksschule untergebracht. Normalerweise hätten darin etwa 200 Mann liegen können. Jetzt waren etwa 800 Mann dort untergebracht und es herrschte eine drangvoll fürchterliche Enge. Die erste Nacht konnten wir überhaupt nur ein Notquartier in einem Schuppen am Bahnhof erhalten. Am nächsten Tag wurden wir entlaust und von einem russischen Stabsarzt unter Assistenz einer

größeren Schar uniformierter Russenfrauen ärztlich betreut. Zum Zwecke der Entlausung gab man seine gesamten Klamotten unten in der Turnhalle ab, von der zwei Heizöfen laufend die nötige Hitze für die Entlausungskammern und den Baderaum spendeten. Alles in allem eine sehr primitive Einrichtung, und ich wundere mich nur, dass ich nicht durch diese Art von Entlausung neue Läuse bekam. Das Gewimmel der Hunderte von nackten Männern, die die Turnhalle bevölkerten und von da aus ohne Kleider durch die verschiedenen Stationen im Haus durchgeschleust wurden -Haare Scheren, Duschen, ärztliche Untersuchung, Kleiderrückgabe - mutete an wie ein Bild eines alten Meisters über das jüngste Gericht. Gott sei Dank kam ich infolge meiner Naturglatze darum herum, dass mir eine Gefangenenglatze geschnitten wurde. Die Kameraden wurden von den mit der Schere nicht schüchtern umgehenden Russen zum Teil recht übel zugerichtet. Nachdem dies alles glücklich überstanden war, zwängte ich mich zu den etwa 40 Mann, die bereits in einem Klassenzimmer untergebracht waren, um wenigstens für die nächste Nacht ein einigermaßen annehmbares Quartier zu haben. Viele mussten auf dem Flur oder dem harten Boden der Turnhalle übernachten. Die Verpflegung war äußerst knapp! 20 Mann, ein Brot pro Tag und ein Kochgeschirrdeckel voll dünne Kartoffelsuppe. Dem Vernehmen nach sollten Kartoffelschäler und sonstige Männer vom „Arbeitsdienst" einen Teller Suppe extra erhalten. Unter diesen Umständen erwachte in mir sehr bald der Drang nach Beschäftigung, obwohl ich in einer Lehrerbücherei Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen" gefunden hatte.

Der „Arbeitsdienst" gab außerdem willkommene Gelegenheit, im Gebäude und im Hof herumzuspionieren. Schon damals stand für mich fest, dass in diesem überfüllten Kasten meines Bleibens nicht lange sein würde. Die Frage war nur, wie man wegkommen konnte. Dazu war vor allem Zivilkleidung unerlässlich. Ein paar Männer, die unten vorm Haus zur Arbeit eingesetzt waren, hielten es für ausgeschlossen, Zivilkleidung zu bekommen, da die Russen allen Einwohnern Luckaus nur je einen Anzug gelassen hätten. Am nächsten Morgen entdeckte ich jedoch bei einem Bummelgang auf dem Boden in einer Bodenkammer ein großes Lager von Lumpen, Spinnstoffen, alten Hosen und Röcken, das wahrscheinlich aus der letzten Spinnstoffsammlung stammte und noch nicht abgeliefert war. Darunter fand ich nach einigem Suchen eine mir passende, noch ganz leidlich aussehende braune Jacke, die ich zunächst unter den Uniformrock ziehen konnte, und einen wunderbaren schwarzen Mantel. Die Hosen waren alle zu schäbig und schmutzig, sodass ich mich zunächst mit meiner Militärhose behelfen musste. Immerhin wurde auch der Mantel für alle Fälle mitgenommen. Als ich wieder herunterkam, hieß es allgemein, der Volkssturm solle entlassen werden. Daraufhin gab ich meinen Militärmantel auf, zog den schwarzen

Mantel an, ließ mir eine weiße Armbinde um den linken Arm binden, wie sie allgemein dort von den Volkssturmmännern getragen wurde, und gesellte mich zu den bärtigen Volkssturmmännern, die in Erwartung der kommenden Entlassung bereits auf dem Schulhof Aufstellung genommen hatten. Leider war das Gerücht mal wieder den Tatsachen weit vorausgeeilt. Von einer Entlassung des Volkssturms war vorläufig nicht die Rede. Nach stundenlangem Warten verlief sich der Schwarm der teils echten teils unechten Teilnehmer und jeder suchte sich wieder ein Unterkommen in den überfüllten Lazaretträumen. Ein schüchterner Versuch von mir, einfach von Luckau „ abzuhauen " schlug fehl. Der vor der Tür stehende Posten passte auf wie ein Lux und verwies mich mit unmissverständlichen Gesten zurück ins Haus. Also ein weiterer Hungertag! Am Nachmittag des nächsten Tages schien es so, als ob die Entlassung des Volkssturms wirklich Wahrheit werden solle. Wieder versammelte sich alles auf dem Hof. Nach einer Weile hieß es, dass der Volkssturm und alle marschfähigen Verwundeten in ein etwa 13 km entferntes Lager geführt werden sollten. Dort soll dann die Entlassung vor sich gehen. Es war mir zwar nicht klar, weshalb wir dann erst abtransportiert werden mussten, immerhin glaubte ich, dass diese Ortsveränderung mir nicht nachteilig sein könne und beschloss, mich dem Haufen anzuschließen.

Samstag, 5. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Der vom Reichspräsidenten, Großadmiral Karl Dönitz, ernannte

Außenminister Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk bildet in

Flensburg eine geschäftsführende Reichsregierung.

Die am Vortag unterzeichnete Kapitulation der deutschen

Besatzungstruppen in Dänemark tritt um 8 Uhr in Kraft.

In der tschechoslowakischen Hauptstadt Prag erheben sich

Widerstandsgruppen gegen die deutsche Besatzung.

US-amerikanische Truppen befreien das Konzentrationslager Mauthausen

bei Linz in Österreich.

Die beiden nächsten Tage sollten die unangenehmsten meiner Gefangenschaft werden. Unglücklicherweise kam gerade, als wir abmarschieren wollten, ein Trupp von etwa 500 Leichtverwundeten an, der im Lazarett keine Aufnahme mehr finden konnte und nun zusammen mit uns abgeschoben wurde. Wir waren insgesamt über 800 Mann, die sich langsam in östlicher Richtung in Bewegung setzten. Eigentlich hätten wir

noch am Abend des 4. Mai in das 13 km entfernte Lager kommen müssen, wo wir entlassen werden sollten. Ein solches Lager war aber gar nicht vorhanden. Einige Kilometer vor Lübbenau gelangten wir an ein kleines Gehöft, in dem etwa 80 deutsche Gefangene hinter Stacheldraht lagen. Mehr konnten dort unmöglich Aufnahme finden. Unser Zug nahm Aufstellung auf einer dahinter gelegenen feuchten Wiese und man munkelte bereits, dass wir auf dieser Wiese übernachten sollten. Verpflegung gab es nicht. Das kleine Stückchen Brot aus dem Lazarett war längst aufgezehrt. Nach einer Weile ging es weiter in die bereits einbrechende Dämmerung hinein. In völliger Dunkelheit kamen wir nach Lübbenau und ich erlebte dort einen zweiten sehr hässlichen Spuk von Lübbenau. Nachdem wir etwa 1 Stunde lang auf der Straße gestanden hatten, erklärte sich der Kommandant bereit, uns auf einem an der Straße gelegenen Fabrikgrundstück übernachten zu lassen. Die Fabrikräume selbst waren viel zu klein, um alle 600 Mann aufzunehmen. Über die Hälfte musste draußen in der nasskalten Maiennacht bleiben. Aber auch die wenigen, die hineinkamen, hatten es nicht bequem. Ich war mit ein paar Kameraden in das Fenster eines kleinen Schuppen gestiegen und fand mich bald eingequetscht zwischen den bereits darin befindlichen und den von draußen nachdrängenden Kameraden in einem mit Sägen, Holz und Werkzeugen angefüllten Raum, wo ich in einer Art Hockstellung hingekauert ein paar Stunden dahindämmerte.

Sonntag, 6. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Reichsführer SS Heinrich Himmler wird vom neuen Reichspräsidenten,

Großadmiral Karl Dönitz, aus allen seinen Ämtern entlassen.

Reichsmarschall Hermann Göring versucht vergeblich, von Berchtesgaden

aus mit dem Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa,

General Dwight D. Eisenhower, in Kapitulationsverhandlungen zu treten.

Eisenhower befiehlt den US-amerikanischen Truppen, ihren Vormarsch in

Böhmen zu stoppen.

Sowjetische Truppen beginnen in Böhmen mit einer Großoffensive gegen

die Reste der deutschen Heeresgruppe Mitte unter dem Befehl von

General Ferdinand Schörner.

Die letzten deutschen Truppen der zur Festung erklärten schlesischen

Stadt Breslau kapitulieren vor Einheiten der Roten Armee.

Der ehemalige deutsche Generalgouverneur in Polen, Hans Frank, wird

in Norddeutschland aus einer Kolonne von Kriegsgefangenen heraus von

britischen Soldaten festgenommen.

Wir waren froh, als es langsam wieder hell wurde und wir die schmerzenden Glieder wieder regen konnten. Natürlich ging es nicht ab ohne Krach und

Geschimpfe und gegenseitiges Hin-und Herstoßen. Alles war übernächtigt und nervös und wurde von wachsendem Hunger gequält. Zum Morgenfrühstück gab ´s jedoch nichts als ein paar rohe Mohrrüben, die wir aus einer Miete herausbuddelten. Dann ging es weiter nach Osten, einem unbestimmten Ziel entgegen. Wir marschierten in Fünferreihen, voran ein Hauptmann, ein junger Leutnant und ein alter griesgrämiger Polizeioffizier. An der Spitze ein bärtiger Russe mit geschultertem Karabiner, in der Mitte des Zuges wieder zwei Russen auf beiden Seiten und am Ende ein Russe auf einem Fahrrad. Vor allem der letztere, ein asiatisch aussehender, äußerst misstrauischer Mensch, entpuppte sich als ein recht übler Kunde. Alle Nase lang ließ er Halt machen und durchzählen, um festzustellen, ob er auch alle seine Schäfchen noch beisammen hatte. Durch einen Dolmetscher ließ er uns mitteilen, dass jeder, der eine Flucht versuchen würde, sofort erschossen würde. Wenn jemand aus der Reihe heraustrat und etwas zu weit rechts oder links der Straße geriet, fing er sofort zu knallen an. Kein Wunder, dass die Stimmung immer gedrückter wurde. Da viele Fußkranke dabei waren, ging es entsetzlich langsam vorwärts. Als ich die Schleicherei nicht mehr aushalten konnte, ging ich zu dem Hauptmann und fragte ihn, ob er nicht einen Schritt zulegen wolle. „Sie haben ja keine Ahnung , was gespielt wird" fuhr er mich an. „Sie sehen doch, dass hier alle Wagen nach Osten fahren. Ich habe von einem Dolmetscher sichere Kenntnis darüber erhalten, dass die Russen bis zum 10.5. hinter die Oder zurück müssen. Jetzt kommt es für uns nur auf Zeitgewinn an. Wenn wir bis zum 10. nicht die Oder erreicht haben, lässt man uns vielleicht laufen!" Die Phantasie eines Gefangenen treibt seltsame Blüten. Ich habe an diese eigentümliche Politik des „Zeitgewinns" nie geglaubt, war aber hinterher doch froh, dass wir in diesen 3 Tagen, trotzdem wir ununterbrochen marschierten, insgesamt nicht mehr als 70 km schafften. Wir waren, wie sich der Hauptmann geschmackvoll ausdrückte, der „Leichenzug des Grosssdeutschen Reiches". Immer wieder fuhren fröhlich grinsende Russen an uns vorbei, die uns meist mit irgendwelchen unverständlichen Zurufen begrüßten, oder es begegneten uns Polen- und Russenmädchen in schönsten Sonntagskleidern und mit Blumen im Haar. Ein paar davon sangen mit ihren kreischenden Stimmen: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei" und brachen in ein lautes Gelächter aus. Plötzlich gab es einen Halt. Ein frecher Pole trat auf den Hauptmann zu und veranlasste ihn, seine Stiefel auszuziehen. Er probierte sie selbst und da sie ihm passten, warf er ihm seine dreckigen, ausgelatschten Stiebel zu. Da blieb dem armen Kerl nichts anderes übrig, als sie anzuziehen, wenn er nicht auf Strümpfen weiterlaufen wollte. In den Dörfern kamen uns mitleidige Frauen mit Kaffeetöpfen und ein paar

Schnitten entgegen. Die Kameraden stürzten sich wie Tiere darauf, ein paar Schnitten fielen in den Dreck wurden aus dem Dreck herausgeklaubt und gierig verschlungen. Trotzdem sich mir der Magen umdrehte vor Hunger, verging mir bei diesem Anblick der Appetit. Gegen Abend ließ der ganz gutmütige bärtige Russe vor einem Gehöft Halt machen , wo es Wasser gab und Kartoffelmieten. Im Nu waren von den findigen Landsern auch ein paar Ziegelsteine organisiert und etwas Holz besorgt. Bald flackerten überall kleine Feuerchen und brodelten Pellkartoffeln oder Kartoffelsuppe in Kochgeschirren. Ich hatte mir Gott sei Dank unterwegs aus dem Straßengraben ein weggeworfenes Kochgeschirr organisiert, sodass auch ich mit zwei Kameraden aus Frankfurt/Oder und Küstrin mir eine schöne Kartoffelsuppe kochen konnte. Wenn sie auch nur aus Wasser und Kartoffeln bestand, sättigte sie doch für den Augenblick und diente wesentlich zur Hebung unserer Lebensgeister. Ein paar Kilometer weiter fand sich später auch eine leidlich große Scheune, in der wir in dichten Reihen Kopf gegen Kopf und Fuß gegen Fuß gelagert ganz gut für die Nacht unterkamen.

Montag, 7. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

In Reims (Frankreich) unterzeichnen Generaloberst Alfred Jodl (Heer),

Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg (Marine) und General Wilhelm

Oxenius (Luftwaffe) die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte.

Teilen der deutschen 9. und 12. Armee gelingt es beim Rückzug in Richtung

Westen bei Tangermünde die Elbe zu überqueren und sich geschlossen in

US-amerikanische Kriegsgefangenschaft zu begeben.

Einheiten der sowjetischen 1. Weißrussischen und 1. Ukrainischen Front unter dem Befehl der Marschälle Georgi K. Schukow und Iwan S. Konew stoßen bis zur Elbe vor. Die US-amerikanischen Truppen räumen die von ihnen gehaltenen Brückenköpfe am Ostufer der Elbe.

An der deutschen Nordseeküste werden Cuxhaven, Wilhelmshaven und Emden von britischen Truppen besetzt.

Vor dem Firth of Forth an der schottischen Küste gelingt dem deutschen U-Boot U 236 mit der Versenkung zweier britischer Frachtschiffe der letzte deutsche Seesieg.

Die US-amerikanische Besatzungsmacht setzt den früheren Zentrumspolitiker Konrad Adenauer zum Oberbürgermeister von Köln ein.

Auf Morgenfrühstück und Mittagessen mussten wir am nächsten Tag freilich wieder

verzichten. Wer klug war, hatte sich ein paar Pellkartoffeln aufgehoben. Im

übrigen stellte ich fest, dass man sich auch an Hunger allmählich gewöhnen kann und alles eigentlich nur eine Frage des Willens und der Haltung ist. Den Schlaf hätte ich vielleicht noch viel schwerer missen können.

Am nächsten Abend war unser Posten sogar großzügig, uns eine von den vielen frei herumlaufenden Kühen freizugeben, die von sachkundigen Leuten abgezogen und geschlachtet wurde, sodass wir zu den Kartoffeln eine ganz nahrhafte Fleischbrühe und ein paar Brocken Fleisch bekamen. Inzwischen waren wir von Ort zu Ort damit vertröstet worden, dass wir nun bald zu einem Gefangenenlager kämen. Aber sowohl in Vetschau wie in Kottbus schoben uns die Kommandanten weiter nach Osten ab.

In Kottbus lagen wir zwei Stunden in dem hübschen Stadtpark, wo der Flieder herrlich blühte. Ich dachte an das von uns so oft gesungene Soldatenlied „...und es blüht der weiße Flieder, kehr ich heim zur Abendstund "... und überlegte ernstlich, mich in einem passenden Augenblick davon zu machen, um nach Westen zurückzuwandern. Beim Abzählen stellte sich heraus, dass etwa 10 Mann fehlten, denen es gelungen war, unbemerkt davon zu schleichen. Warum sollte das nicht auch mir glücken? Aber immer, wenn ich fast zum Sprung entschlossen war, kam der radelnde Asiate mit seinem Schießprügel an und ich wagte doch nicht den entscheidenden Schritt. Auch waren die Kameraden meiner Gruppe recht ängstliche Gemüter und warnten dringend vor einem derartigen Sprung

ins Ungewisse. Wir würden doch nicht weit kommen und würden uns unnötig einer großen Gefahr aussetzen. Als wir am Nachmittag des nächsten Tages in Forst einmarschierten, steht es für mich jedoch fest, dass hier oder nirgends der entscheidende Schritt gewagt werden müsse. Mein Magen brummte fürchterlich und ich hatte nicht die geringste Lust mehr, mich in diesem großen hungernden Haufen weiter nach Osten verschleppen zu lassen. Hier kannte ich die Gegend genau. In einer knappen Stunde würde ich in Mulknitz sein, wo ich Anfang April so nette Tage verbracht hatte. Von dort aus wußte ich einen versteckten Waldweg über Groß-Lasch und Merzdorf zurück bis in die Gegend von Kottbus, auf der uns sicher nicht viel Russen begegnen würden. Wenn der Absprung gelang, um das

Weiterkommen war mir nicht bange. In dem großen Haufen würde der Hunger

doch allmählich recht unangenehme Formen annehmen und jeder Tag würde mich weiter von der Heimat entfernen. Von den Russen hörten wir, dass Deutschland bedingungslos kapituliert habe und der Krieg zu Ende sei. Was hätte es für einen Sinn, noch weiter nach Osten zu marschieren und sich womöglich zu längerer Zwangsarbeit über die Grenze verschleppen zu lassen? Nein, es

musste versucht werden, sich bis zu den Amerikanern durchzuschlagen. Das weitere würde sich dann schon finden. Wie zu erwarten, war auch in dem stark von Fliegern zerstörten Forst kein Lager für uns. Wir warteten eine halbe Stunde vor dem Haus des Kommandanten auf dessen Entscheid, was weiter mit uns werden solle. Hier wimmelte es jedoch von russischen Soldaten, sodass an ein heimliches Ausbrechen nicht zu denken war. Ich war schon sehr niedergeschlagen, da gab es kurz nach dem Abmarsch in Richtung Sommerfeld in einer Nebenstraße einen unerwarteten Halt. Jetzt oder nie, dachte ich. Die Kameraden standen in ungeordneten Haufen neben den Schuttbergen abgebrannter Häuser. Der radelnde Asiate war nach vorn gefahren, um sich nach dem Grund des Aufenthalts zu erkundigen. Auch der vorne stehende Posten, der gutmütige, bärtige Russe sah nach vorn, von den anderen war nichts zu bemerken. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen jedoch einige Forster Einwohner, die sich unseren Trupp ansahen. Einer trat auf uns zu, um uns etwas zu fragen. Er trug einen schwarzen Schlapphut, der wunderbar zu meinem Mantel passte. „Kamerad, gib mir Deinen Hut! Dann kann ich von diesem Haufen weg!" flüsterte ich ihm zu. Er sieht sich um, begreift die Situation und wirft mir seinen Hut zu. Im Nu verschwindet mein Soldatenrock und meine Mütze in einem Kellerloch. Jacke an, Mantel drüber. Soll ich den kleinen Rucksack und meine Decke hier lassen? Ach was, ich nehme beides mit. Wer weiß, ob ich die Decke nicht noch nötig brauche. Ich stülpe den Hut auf, sehe mich noch einmal um, und trete, von den teilnehmenden Blicken der Kameraden begleitet, auf die andere Straßenseite. Nichts rührt sich, nichts geschieht. Ein paar langsame Schritte! Nur ruhig bleiben, nicht auffallen, wenn das Herz auch klopft zum Zerspringen. Schon biege ich in die Seitenstraße zum Krankenhaus ein, wo der mir wohlbekannte Weg nach Mulknitz abbiegt. Da höre ich hinter mir Schritte. Hat der Posten doch noch was bemerkt? Nein, da kommt noch einer mit einem feschen Hut auf, der mir sehr bekannt vorkommt. Das ist ein junger Kamerad von einer anderen Gruppe, der mich hat weggehen sehen und mir rasch entschlossen gefolgt ist. Hinter dem Krankenhaus, wo kein Russe mehr zu sehen ist, halten wir an und beglückwünschen uns zu dem gelungenen Absprung. Es ist Toni Treuer, Jungbauer vom Wilhelmshof bei Friedrichshafen am Bodensee, mein treuer Wanderkamerad in den kommenden abenteuerlichen Tagen. Auch er ein „Dirlewanger", wohl der einzige aus dem Haufen, bei dem ich jetzt war. Man sieht, es sind doch die Dirlewanger, die am meisten Schneid haben und die Gelegenheit zu nutzen verstehen! Wir beschließen, zunächst einmal eines der kleinen Häuser hinter dem Krankenhaus aufzusuchen, um dort unseren weiteren Schlachtplan zu machen. Auch haben wir das dringende Bedürfnis, uns zunächst einmal zu waschen und zu rasieren. Bei einem freundlichen alten Mann finden wir all unsere Wünsche erfüllt und bekommen sogar noch eine Tasse Kaffee zur Stärkung. Das Wichtigste aber ist: er schenkt mir eine Generalstabskarte des Landkreises Kottbus! Eine sehr wesentliche Hilfe! Nun kann es losgehen - und in strahlender Laune marschieren wir bei sinkender Abendsonne unbehelligt und in freiem Wanderschritt bis Mulknitz, mit dem

mich so viele nette Erinnerungen verbinden. ,,Paulinchen", die Schneiderin bei der ich damals mit Cremer und Pfeil im Quartier lag, ist inzwischen zurückgekehrt und empfängt mich gerührt. Wir bekommen Bratkartoffeln mit Speck und ein ordentliches Stück Brot und ein gutes Nachtquartier. Im Dorf ist kein Russe. Sie kommen nur zuweilen von Forst herüber, um zu plündern. Uns haben sie in dieser Nacht nicht behelligt. Wie herrlich schliefen wir in dem frohen Gefühl, wieder freie Männer zu sein.

Dienstag, 8. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

In einer Rundfunkansprache über den Sender Flensburg gibt der Reichspräsident, Großadmiral Karl Dönitz, sämtlichen deutschen Streitkräften den Befehl zur Kapitulation. Nach Inkrafttreten der am Vortag in Reims (Frankreich) unterzeichneten deutschen Gesamtkapitulation begeben sich rund 7,5 Millionen deutsche Wehrmachtsangehörige in alliierte Kriegsgefangenschaft.

Der ehemalige Reichsluftfahrtminister und Oberbefehlshaber der deutschen

Luftwaffe, Reichsmarschall Hermann Göring, wird in Kitzbühel von Angehörigen der US-Armee gefangengenommen.

Der erfolgreichste deutsche Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs, Major Erich

Hartmann, startet vom Feldflugplatz in Brod im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren zu seinem 1405. Feindflug. Mit dem Abschuß eines sowjetischen Jagdflugzeuges gelingt ihm der letzte deutsche Luftsieg in diesem Krieg.

Am nächsten Morgen brachen wir schon um fünf Uhr auf, um eine recht große

Wegstrecke zurücklegen zu können. Auf dem von mir gewählten Waldweg über Groß-Lieskow begegneten wir in der Tat keinem Russen. Die Dörfer Weissagk und Tränitz liegen still und ohne weitere Beschädigungen auf unserem Weg. Die Menschen sind verängstigt durch das viele Plündern der Russen, sonst aber sehr freundlich und hilfsbereit. In einem mir bekannten Gehöft dürfen wir uns ordentlich satt essen und kommen dann über die Spree. In Cottbus dürfen wir uns natürlich nicht blicken lassen, man rät uns dazu, über ein Wehr nördlich von Cottbus die Spree zu überqueren. Als wir hinkommen, steht ein Posten davor. Wir können nicht zurück, da er uns bereits gesehen hat. Also gehen wir dreist und gottesfürchtig auf ihn zu. „Franzosen?", ruft er uns entgegen, weil er sich offenbar nicht denken kann, dass deutsche Soldaten so keck auf ihn losgehen. „Oui Monsieur, nous somme francais retournents notre patrie" antworte ich ihm mit meinem längst vergessenen Schulfranzösisch. „Dobre" sagt er, ohne nach Ausweisen zu fragen und wir marschieren stolz über die Holzbrüstung der Stauanlage.

Dies Hindernis war glatt überwunden. Wir werden fast unverschämt vor Freude darüber und gehen seelenruhig an einer Schar Russen vorbei, die sich in den Schrebergärten nördlich Cottbus herumtreibt. Die meisten sind allerdings anders beschäftigt. Sie haben Autos in den Gartenwegen stehen und scharmutzieren mit blumengeschmückten Mädchen. Überall

hört man Lachen und Grölen. Überall tauchen zwischen den herrlich blühenden Fliederbüschen oder unter den in voller Blütenpracht stehenden Apfelbäumen die gedunsenen Gesichter brauner Russenkerle auf, die eine ausgedehnte Maifeier veranstalten. Wir erreichen unangefochten den Wald hinter Cottbus. Dort werden wir noch einmal von einer vorbeiradelnden Streife aufgehalten, der wir wieder zurufen: „Nous sommes francais!" und die sich erstaunlicherweise mit dieser Auskunft zufrieden gibt. Es scheint also doch sehr einfach zu sein, durch das von den Russen besetzte Gebiet zu marschieren und wir machen schon kühne Zukunftspläne. Wenn alles gut geht, meinen wir, müssten wir eigentlich Pfingsten Zuhause sein. Ein phantastisch schöner Gedanke! Aber so leicht sollte es uns nun doch nicht gemacht werden. Als die Sonne sich zu neigen beginnt, versuchen wir in einem kleinen Dörfchen in der Nähe von Vetschau Quartier zu finden. Aber die Einwohner sind sehr ablehnend. Sie fürchten sich entsetzlich vor den Russen, die das Dorf jede Nacht nach deutschen Soldaten durchsuchen. Erst gestern sei eine Frau, Mutter von 6 Kindern, erschossen worden. Bei näherem Befragen stellt sich allerdings heraus, dass sie erschossen wurde, weil sie in ihrem Garten Uniformstücke und eine leere Pistolentasche ihres Mannes vergraben hatte. Die Frist zur Beibringung der zur Pistolentasche gehörigen Pistole hatte sie ergebnislos verstreichen lassen. Während wir uns über diesen Fall unterhielten, kam ein Lastwagen mit vier Russen ins Dorf gefahren. Der Wagen war durch ein paar darüber geschlagene Latten, über denen ein Drahtgeflecht angebracht war, zur Aufnahme von Hühnern eingerichtet. Es waren schon etwa 30 Hühner darauf untergebracht. Nun fuhr der Wagen von Haus zu Haus und die Russen gingen herein um trotz allen Weinens und Klagens der Bäuerinnen die letzten Hühner herauszuholen, die bei bisherigen Plünderungen noch zurückgeblieben waren. Wir wollten uns an dem Wagen vorbeidrücken, wurden aber angerufen und aufgefordert, unsere „ Dokumente " vorzuzeigen. Es half nichts, dass wir uns wieder als Franzosen ausgaben. Wir wurden durchsucht und unglücklicherweise fand einer der Russen bei mir in einem Handschuh einen alten Zettel - den Durchschlag einer Meldung der Stabskompanie an das Regiment der 36. SS-Division , weiß der Teufel wie das Ding da reingekommen war! Ich glaubte doch alles vernichtet zu haben! Als der nicht unintelligente Russe die SS-Runen sah, war es natürlich vorbei mit uns. Zu allem Überfluss entdeckte er auch noch, dass auf unserer Generalstabskarte die Gegend um Forst schraffiert war . Ich hatte keine

Ahnung warum, und wann das geschehen war. Es schien dem Russen aber höchst belastend. „Du Spion! Du SS-Offizier !" Alles Leugnen half nichts. Mit Kolbenstößen wurden wir unter den Lattenverschlag des Autos bugsiert und ein russischer Soldat, der bislang Ostarbeiter gewesen war und deutsch sprach , erging sich in lebhaften Beschimpfungen. Alle SS-Schweine müssten erschossen werden. Vorerst aber sollten wir erst einmal lernen , was

„ arbeiten " hieße. Bisher hätte die SS sie zur Arbeit getrieben, jetzt würden sie zu sehen, wie wir arbeiteten. Aus war es mit unserer Freiheit - schon am ersten Abend! Die Kerle schleppten uns durch drei Dörfer und forderten uns auf , die aus dem Haus von ihnen geklauten Hühner entgegenzunehmen und unter das Drahtgeflecht zu stecken. Auch ein paar Fahrräder wurden bei der Gelegenheit noch mitgenommen. Recht niedergeschlagen hockten wir auf dem Wagen und ließen uns von den aufgeregten Hühnern bekleckern. Es ist schon stockdunkel, als der Wagen schließlich in Vetschau Halt machte. „Runter mit Euch! Dort in die Ecke! ", rief der deutsch sprechende Russe. Da standen wir nun in einer dunklen Mauerecke. Zwei Kerle standen mit geladenen auf uns gerichteten Gewehren vor uns. Sollten wir gleich erschossen werden? Nach einer viertel Stunde kam der intelligente Russe zurück. Der Kommandant sei nicht da. Wir würden die Nacht in einem Keller untergebracht werden. Der Keller war freilich ein miserables Nachtquartier. Wir mussten durch den engen Korridor eines Hauses, dann vom Hof aus durch eine Falltür hinunter. Hinter einem Vorkeller ging es in ein schmales Gemach, in dem es feucht und moderig roch. Bums, fiel die Tür ins Schloss. Wir standen allein im Finstern. Zum Glück hatte ich noch einen Kerzenstumpf und Streichhölzer bei mir. So sahen wir denn, dass der Raum fast ganz von einem Regal mit Weckgläsern und Weinflaschen ausgefüllt wurde. Der größte Teil davon war freilich leer, der Rest mit ungenießbarem Spinat und sonstigem Gemüse angefüllt. Vor dem Regal lagen zerbrochene Gläser und Flaschen, rechts ein Haufen Runkelrüben. Wo sollten wir unsere müden Knochen hinlegen? Es blieb nichts übrig, als das Regal zu zertrümmern und zwei schmale Bretter über die Runkelrüben zu legen. Jeder bekam ein Brett als Unterlage. Darüber zogen wir eine schöne Wolldecke und das Lager war fertig. „Licht aus! " schrie jemand , der oben am Kellerfenster vorbeiging. Im Haus über uns grölten und sangen die Russen. Wir aber waren so müde, dass wir trotz Hunger und banger Sorge um unser Schicksal bald in Schlaf sanken.

Mittwoch, 9. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Kurz nach Mitternacht wird in der ehemaligen Festungspionierschule in Berlin-Karlshorst die Unterzeichnung der deutschen Gesamtkapitulation

durch den Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, wiederholt.

Als der Morgen mit spärlichem Schein durch das vergitterte Kellerfenster drang,

hörten wir Schritte vor der Tür. Ein Schlüssel knirschte im Schloss. Was nun? Wurden wir abgeholt, um erschossen zu werden? Der Russe, der dort kam, hatte eine durchaus friedliche Mission: „Raufkommen! Essen !", rief eine raue aber nicht unfreundliche Stimme. Das war natürlich Musik in unseren Ohren. Rasch tappten wir uns die dunkle Falltreppe hinauf, blinzelten in den strahlenden Maienmorgen und setzten uns zwischen die Russen und Russenmädchen, die alle einen gesunden Frühstücksappetit an den Tag legten. Es gab für uns zwei eine ganze Büchse Fleisch und ein Brot. Wir aßen, bis wir nicht mehr konnten und steckten den Rest in meinen Rucksack. „Spare in der Zeit... " Offenbar sollte es ja mit dem Erschießen so schnell nichts werden. Leider ging es gleich nach dem Frühstück wieder runter in den Keller, was uns bei dem strahlenden Wetter gar nicht gefiel. Immer wieder erklärte Toni: " Jetzt hätten wir schon 20 km laufen können! " Und es war nicht abzusehen, wie lange wir hier festgehalten wurden, ja ob wir jemals wieder frei kämen. Nach ein paar Stunden hieß es wieder: „Raufkommen, Essen! „ - Diesmal gab es eine Waschschüssel voll Kohlsuppe mit Fleisch darin, genug um 4 bis 5 Mann satt zu machen. Wir aßen auf dem Hof in der Sonne. In der Küche wirtschafteten 3 Russenweiber, die einen verhältnismäßig sauberen Eindruck machten und sich freuten, wenn wir das Essen lobten. In einem großen Zimmer nebenan speisten etwa 10 russische Soldaten. Der Tisch war mit Flieder geschmückt und an der Wand hing ein großes rotes Spruchband, auf dem mit weißer Schrift irgend ein Wort Stalins aufgedruckt war , darunter das mit Flieder umrahmte Bild des Generalissimus Stalin! Leider konnten wir uns nicht lange an der Sonne und diesem farbenprächtigen Bilde freuen. „In den Keller" hieß es wieder, und wir gingen nun ernstlich daran, die Gitterstäbe auf ihre Festigkeit zu untersuchen und Türriegel anzufeilen, um für die nächste Nacht einen Ausbruch vorzubereiten. Da wurden wir etwa um 4 Uhr wieder raufgeholt. Der Kommandant sei gekommen, wir sollten vernommen werden. Ich hatte mir für die Vernehmung eine lange Geschichte zurecht gelegt, die den Verdacht entkräften sollte, dass ich SS-Offizier und Spion sei.

Als ich in das Vernehmungszimmer kam, sah ich aber nichts von dem unglücklichen Zettel und auch unsere Generalstabskarte war nicht dort. Vielleicht hatte der Russe, der uns gefangen nahm, sie für sich selbst gut brauchen können. Der Kommandant war ein breiter gutmütig aussehender Kerl, der eine dicke Zigarre rauchte. Neben ihm saß ein blondes Mädchen in einem lila Strickkleid, die als Dolmetscherin fungierte. „ Volkssturm? ", fragte der Kommandant selbst. Ich schaltete rasch um , erzählte nicht die beabsichtigte Geschichte , sondern fing an zu schimpfen, dass wir als Volkssturmmänner widerrechtlich festgehalten würden. Wir seien ordnungsmäßig entlassen und wollten weiter. Außerdem sei der Keller kein Aufenthalt für anständige deutsche Volkssturmmänner. Das Mädchen übersetzte, und der Kommandant stellte wieder die peinliche Frage nach den

Dokumenten. Ich erklärte, wir hätten keine, bäten aber den Kommandanten, uns ordnungsmäßige Entlassungspapiere auszustellen. Der Kommandant sog nachdenklich an seiner Zigarre und erklärte, sich den Fall überlegen zu wollen. Nach einem kurzen Palaver, woher wir kämen und wo wir uns in den letzten Tagen aufgehalten hätten, war die Vernehmung beendet. Wieder landeten wir in unserem Keller, hatten uns aber mit unsern Bewachern nun so weit angefreundet, daß wir abends einen Berg Mehlkuchen (in schwimmendem Fett gebackener Eierkuchen ohne Eier) heruntergebracht bekamen , mehr als wir verdrücken konnten. Mit Rücksicht auf diese gute Verpflegung und in der Hoffnung, den Kommandanten doch noch zu unserer Freilassung bewegen zu können, nahmen wir von unseren Fluchtplänen Abstand.

Donnerstag, 10. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Die deutschen Truppen in Kurland ergeben sich der Roten Armee.

Die tschechoslowakische Hauptstadt Prag wird von sowjetischen Truppen besetzt.

Das US-amerikanische Kriegsministerium in Washington gibt den bevorstehenden Abzug von zehn Millionen US-Soldaten aus Europa bekannt. Ein Teil von ihnen soll im pazifischen Raum gegen Japan zum Einsatz kommen.

Am nächsten Morgen erklärten wir nach dem üblichen opulenten Frühstück, daß

wir nun lange genug im Keller gesessen hätten und lieber arbeiten wollten. Damit waren die Russen einverstanden. Zunächst hatten wir für die Küche Holz zu hacken. Dann war ein Lastwagen mit Roggen abzuladen, eine Arbeit, die von Toni Treuer spielend bewältigt wurde, mir armer Schreiberseele aber etwas schwerer fiel. Der Posten, der meine Ungeübtheit in der Handhabung 1 1/2 Zentner schwerer Getreidesäcke feststellte, war aber streng darauf bedacht, daß ich nicht weniger schleppte als die andern, die sich an dieser Arbeit beteiligen mußten. Außer uns wurden noch drei Polen und zwei Vetschauer Handwerker, die das Unglück hatten, gerade vorbeizukommen, zu dieser Arbeit herangezogen. Die Säcke wurden von einem etwa fünf Minuten entfernten Schuppen herübergefahren und in einem anderen Schuppen untergebracht. Wir waren damit den ganzen Tag beschäftigt.

Als wir mit der letzten Fuhre ankamen, trafen wir die Dolmetscherin und fragten sie, ob wir nun nicht bald entlassen würden. Sie erklärte gnädig, mit dem Kommandanten noch einmal sprechen zu wollen. Zu unserm Erstaunen hieß es auch kurz darauf, wir sollten nur noch einen Hof sauber machen , dann könnten wir gehen. Inzwischen hatte sich noch ein dritter Kamerad zu uns gefunden, der auf der Straße aufgegriffen war.

Wir drei begannen ein eifriges Fegen und Räumen auf dem völlig verdreckten

Hof , sodaß er nach einer halben Stunde nicht wiederzuerkennen war. Dann holten wir unsere Sachen aus dem Keller, wuschen uns und feierten fröhlich Abschied von unserem ebenso gut gelaunten Wachtposten, die uns auch Tabak und Zigaretten schenkten. Da wollte es das Unglück, daß wir den Zigarre rauchenden Kommandanten vor seiner Haustür trafen. Er sah uns an und erklärte nach einigen kräftigen Zügen aus seiner Zigarre, er habe es sich anders

überlegt. Wir müßten dableiben und er wolle uns vielleicht morgen nach Cottbus zu dem dortigen Kommandanten schicken. Das war ein grausamer Sturz aus der Höhe unserer Abschiedsfreuden. Statt in die Freiheit ging es wieder hinab in den Keller, in dem wir nun zu dritt zusammengepfercht noch eine Nacht verbringen mußten. Aber es blieb uns ja nichts anderes übrig, als uns in das Unvermeidliche zu schicken.

Freitag, 11. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Die letzten deutschen Truppen auf den Ägäischen Inseln und bei Dünkirchen kapitulieren. Sowjetische Landungstruppen besetzen die dänische Insel Bornholm.

Am nächsten Morgen stand ein neuer Lastwagen mit Säcken zum Abladen da.

Allmählich gewöhnte ich mich an das Säckeschleppen. Von einem Abmarsch nach Cottbus war Gott sei Dank nicht mehr die Rede. Vom Kommandanten war nichts zu sehen. Nach dem dritten Wagen erklärte der Soldat plötzlich, nun könnten wir nach Hause gehen! Wir wollten das kaum glauben, ergriffen aber schleunigst unsere Sachen, dachten nicht mehr an Waschen oder Abschiednehmen sondern hauten ab durch die nächste Seitenstraße ohne uns auch nur noch einmal umzusehen. Raus aus dem verfluchten Nest in die Freiheit des goldenen Maientages. Die nächste Frage war nun, welche Marschroute wir einschlagen sollten. Der Kamerad, der zu uns gestoßen war, wollte nach Hamburg hinauf. Toni Treuer zum Bodensee und ich nach Halberstadt.

Das Wichtigste war wohl für uns alle, zunächst einmal an die Elbe zu gelangen, um vom russischen ins amerikanische Gebiet hinüberzuwechseln. Ich hielt es deshalb für das Beste, uns einstweilen südlich zu halten, weil dort die Elbe am nächsten war. Wir mußten sehen, uns über Calau, Vormwalde, Liebenwerda in Richtung Torgau durchzuschlagen, um dort zu versuchen, irgendwo über die Elbe zu kommen. Toni war damit sehr einverstanden. Der Kamerad drängte jedoch nach Norden. Außerdem war ihm unser Wandertempo zu schnell. So trennte er sich bereits in Calau von uns, wo wir von zwei netten Frauen um den Ort herum geschleust und jeder auf den richtigen Weg gebracht wurde, der Kamerad nach Luckau, wir in Richtung Finsterwalde.

Beinah wären wir wieder von einem uns anrufenden Posten geschnappt, aber ich ging weiter, und der Posten war wohl zu faul, uns nachzulaufen und zu schießen. Ohne weitere Hindernisse kamen wir auf einem Waldweg nach Finsterwalde. Wo der Weg abzweigte, stand ein einsames Gehöft. Von dort aus rief uns ein junger Landser im schönsten Schwäbisch zu, wir möchten doch auf ihn warten, auch er wolle nach Finsterwalde weiter. Eine kurze Rast war uns nicht unlieb, zumal die Leute dort uns sehr freundlich aufnahmen. Wir bekamen nicht nur den erbetenen Schluck Wasser , sondern einen Teller mit Spinat und Kartoffeln und eine Tasse Kaffee und machten uns dann wohl gestärkt auf die Wanderschaft. Der Weg zog sich sehr lang hin, und die Maiensonne meinte es reichlich gut mit uns. Aber es war doch ein herrliches Gefühl, wieder in Freiheit dahinwandern zu können. Überall in den Dörfern blühte der Flieder und ich sang immer wieder den Kehrreim vom „weißen Flieder" vor mich hin „und es blüht der weiße Flieder, kehr ich heim zur Abendstund!". Sollte es doch möglich sein, dass mir das Lied zur Wirklichkeit wurde? Bei sinkender Abendsonne kamen wir nach Finsterwalde. Sollten wir vorsichtig sein und den Ort umgehen? Es kamen so viele Menschen von der Feldarbeit zurück. Wenn wir uns unter sie mischen, fielen wir wohl kaum auf. Außerdem hatte uns eine Flüchtlingsfrau eine Adresse angegeben, wo wir in Finsterwalde unterkommen könnten. Sie hatte uns eine Frau Dr. Günther, Marktplatz 6 sehr warm empfohlen. Also wagten wir den Weg dorthin und sollten

es nicht bereuen. Das Haus lag zwar direkt neben der Kommandantur und es

wimmelte rings von Russen, aber keiner kümmerte sich um uns. Wir werden ganz

reizend aufgenommen. Die ganze Hausgemeinschaft des dreistöckigen Hauses

interessierte sich lebhaft für uns. Alle steuerten etwas bei, um uns ein schönes

Abendbrot machen zu können und nachdem wir uns mit Genuss gewaschen und

rasiert hatten, freuten wir uns wie beschenkte Kinder darüber, nach so langer Zeit einmal wieder in einem behaglich eingerichteten, bürgerlich-städtischen Heim sitzen zu können. Im ersten Stockwerk wohnte ein Uhrmacher, der alle Hände voll zu tun hatte, um die von den Russen geklauten Uhren zu reparieren, und sich dafür mit Brot bezahlen ließ. Er hatte zwei nette Töchter, die uns einen ganzen Leib Brot mitbrachten und den Abend über bei uns blieben. Was scherten uns die Russen nebenan! Wir saßen in einer gemütlichen Stube, erzählten und sangen und waren voller Zuversicht, dass der deutsche Mensch mit seiner Tatkraft und seinem inneren seelischen Reichtum sich auch von diesem grauenhaften nationalen Unglück nicht überwältigen lassen würde. Was wir hier in diesem Raum als Menschen verschiedenster Art und Herkunft erlebten, war wirkliche Volksgemeinschaft, die sich nun im Unglück erst recht bewähren sollte!

Samstag,12. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

In München wird die Anordnung zur Verdunkelung aufgehoben,

die seit dem 3.September 1939 in Kraft war. Sechs Tage später wird

auch die Straßenbeleuchtung wieder in Betrieb genommen.

Am nächsten Morgen brachten uns Herr und Frau Dr. Günther in sehr

umsichtiger Weise durch den Ort. Mit aufrichtiger Dankbarkeit trennten wir uns

von diesen besonders liebenswerten Quartierwirten und zogen unbehindert nach

Liebenwerda weiter. Wieder leuchtete die Maiensonne, wieder blühte der Flieder

und wieder trafen wir in den Dörfern viel nette, hilfsbereite Menschen, sodass wir

fast vergessen konnten, dass wir uns auf der Flucht im russisch-besetzten Gebiet

befanden. Die Dörfer waren meist unzerstört, da sie sich kampflos ergeben hatten. Auf den Feldern wurden eifrig Kartoffeln gelegt, und wir hatten auch aus den Reden der Dorfbewohner meist den Eindruck, dass die Russen nicht so schlimm gehaust hatten, wie man zuerst befürchtet hatte. Auch in Liebenwerda konnten wir im Schulhause beim Hausmeisterehepaar einen netten Abend verbringen. Der Lehrer, der Nazi war, hatte sich davongemacht, und man war nicht gut auf ihn zu sprechen. Der Sohn, ein Neffe und eine Tochter mussten sich jeden Morgen um 7 Uhr zur Arbeit stellen. Das wurde aber kaum als Bedrückung empfunden. Nicht in dieses friedliche Bild passte die Beobachtung, die wir am nächsten Tage an der Bahnstrecke nach Torgau machen mussten. Dort wurden von der zu dieser Arbeit gezwungenen Bevölkerung die Schienen herausgerissen und abtransportiert, eine sehr einschneidende und in ihren Wirkungen nicht abzusehende Maßnahme, zumal wenn sie nicht einmalig blieb., sondern auch auf andere Strecken ausgedehnt wurde. Unheimliches Russland! Was war von diesen im einzelnen oft so kindlich-gutmütigen, aber zuweilen auch hemmungs- und rücksichtslosen Menschen in Zukunft noch alles zu erwarten?

Wir unsererseits hatten jedenfalls das Bestreben, nun möglichst bald über die Elbe weg in amerikanisches Gebiet zu kommen. Man hatte uns gesagt, dass wir am besten bei Belgern über die Fähre hinüberkämen. Wir brachen deshalb frühzeitig von Liebenwerda auf um bis zum Abend dorthin zu gelangen. Leider gab es in Cossdorf, gleich hinter Saxdorf einen unliebsamen Aufenthalt. Am Dorfeingang wurden wir bereits gewarnt. Das Dorf sei stark besetzt und hier würden wir wohl nicht unbehelligt durchkommen. Wir bogen deshalb von der Hauptstraße ab,

liefen aber trotzdem unserem Schicksal in die Arme. Er trat uns in Gestalt eines sehr asiatisch aussehenden , glatzköpfigen Russen entgegen, der als Koch oder Fourier der im Dorf liegenden Einheit den Auftrag hatte, in einem früheren Landserlager eine Kantine einzurichten. Dort hatten zuletzt die Polen wild gehaust. Der Hof war total verdreckt und mit allerlei Lumpen, Papier

zerbrochenem Geschirr und sonstigem Hausrat angefüllt, alles Dinge, die aus der Seitenfront des Hauses aus den Fenstern herausgeworfen wurden. Wir wurden angehalten und bekamen den Auftrag, den Hof von diesem Unrat zu säubern. Anschließend mussten wir noch einen Kellerraum ausräumen und saubermachen, wo der Koch wohl seine Vorräte unterbringen wollte. Nach drei Stunden harter Arbeit war die Sache geschafft. Der finstere Asiate verwandelte sich unter dem Eindruck unserer Leistung in den liebenswürdigsten Europäer. Offenbar versteht der Russe den Wert einer Arbeitsleistung zu würdigen. Wir wurden zum Mittagessen eingeladen und bekamen eine vorzügliche Suppe vorgesetzt. Als wir uns daran dick und satt gegessen hatten, kam erst das Hauptgericht, ein

randvoller Topf Brühreis mit phantastisch viel Butterschmalz zurecht gemacht und als der Russe sah, dass wir die Brotreste sorgfältig in eine Tüte packten, um sie mitzunehmen, gab er uns noch einen ganzen Laib Brot auf den Weg, eine Gabe, die uns später bei den Amerikanern noch sehr wertvoll werden sollte. Toni bekam von ihm eine Pfeife Tabak geschenkt, wir beiden anderen, ein paar Zigaretten. Über solche Behandlung kann man sich wirklich nicht beklagen!

Nun ging es raschen Schrittes nach Belgern weiter und bald kam der große Moment, auf den wir so lange mit Spannung gewartet hatten. Die Elbe war erreicht. Mit größter Vorsicht näherten wir uns auf Umwegen dem Elbarm und der Stelle, wo wir die Fähre vermuteten. Wir hatten befürchtet, hier auf die größte Schwierigkeit unserer Wanderung zu stoßen. Aber wie es nun einmal im Leben geht - der große Moment des Elbüberganges entwickelte sich zum harmlosesten Ereignis! Die Grenze zwischen dem russischen und dem amerikanischen Gebiet war inzwischen an die Mulde zurückverlegt. Die Elbe südlich Torgau war für die Russen uninteressant geworden. Weit und breit stand kein Posten. Als wir den Elbdamm erreichten, sahen wir die mit Flüchtlingen voll gefüllte Fähre friedlich in der Abendsonne über die Elbe schaukeln. Nach kurzem Warten fuhren auch wir friedlich ans andere Ufer. Alles vollzog sich, als gäbe es keine Russen, Amerikaner oder Engländer im Lande. Mit einem eigentümlichen Gefühl der Entspannung stiegen wir das jenseitige, höher gelegene Elbufer nach Belgern hinauf. Wir trauten dem Frieden nicht recht und beschlossen daher, noch am selben Abend ein paar Kilometer weiter nach Westen zu marschieren.

Es war nun aber der Augenblick gekommen, wo ich mich von meinem braven Toni und unserem Stuttgarter Freunde trennen musste. Sie hatten vor, über Wurzen, Leipzig weiter nach Stuttgart zu marschieren, während ich nun mich mehr rechts in die Richtung Delitzsch-Halle halten musste. Während wir noch im Grase lagen und eine Abschiedszigarette rauchten, kam ein neuer Wandergesell mit einem Fahrrad zu uns. Er war Vorarbeiter in einem Holzverarbeitungswerk in Falkenberg gewesen und hatte dort russische Gefangene unter sich gehabt. Da sie angeblich sehr träge waren, die vorgeschriebene Arbeitsleistung aber erfüllt werden musste, hatte er gelegentlich einmal einen „in die Schnauze geschlagen", wie er sich ausdrückte. Jetzt hatten ihn Kameraden verständigt, dass die Russen hinter ihm her seien. Da wollte er für einige Zeit zunächst einmal in amerikanisches Gebiet hinüber zu einem Bruder nach Köthen. Trotzdem er ein Rad besaß , war es ihm zu langweilig, allein zu fahren. „Wir fahren abwechselnd, Kamerad, immer einer im Schritttempo, der andere geht nebenher. Der auf dem Rad Sitzende ruht sich gut aus, und wir kommen schnell vorwärts !" Ich hatte nichts gegen diesen großzügigen und vertrauensseligen Vorschlag , schnallte meinen Rucksack hinten aufs Rad und hatte wieder einen netten Wanderkameraden. An der nächsten Straßengabelung trennten wir uns von den anderen mit vielen Wünschen und Freundschaftsbeteurerungen. Hoffentlich ist der Toni gut über die Fulda gekommen. Und bis zum Bodensee gab es wohl noch manches Hindernis für ihn zu überwinden. Wir übernachteten in Taura zur

Abwechslung mal wieder auf einfachem Strohlager und ohne Abendbrot, aber das Russenmahl in Cossdorf hatte ja gut vorgehalten. Die zahlreichen Landser und Flüchtlinge , die dort mit uns unser Lager teilten, erzählten uns, dass man in Collau, südlich Billenburg, gut über die Mulde kommen könne. Dort sei ein Gastwirt, der nachts mit einem Kahn heimlich herüberführe.

Sonntag, 13. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, wird in Flensburg von britischen Soldaten verhaftet. Zu seinem Nachfolger wird Generaloberst Alfred Jodl, bisher Chef des Wehrmachtsführungsstabes, ernannt.

Als erster Rundfunksender nach Kriegsende im sowjetisch besetzten Teil

Deutschlands wird der "Berliner Rundfunk" in Betrieb genommen.

Also beschlossen wir, diesen Mann aufzusuchen und machten uns bereits früh um 5 auf den Weg. Schon gegen Mittag waren wir in einem kleinen Dörfchen vor Kollar namens Thallwitz. Im letzten Haus des Dorfes wohnte eine freundliche

Frau, die unseren Wunsch nach einem Glas Wasser richtig zu deuten verstand

und uns einen Teller mit Bratkartoffeln vorsetzte. So konnten wir den spannenden

Ereignissen von Collau mit einem besseren inneren Fundus entgegensehen. Der

Empfang in Collau war eine Enttäuschung . Ein entgegenkommender Bauer rief

uns zu, wir sollten nur gleich wieder umdrehen. Hier käme keiner über die Mulde. Das ganze Ufer sei mit Posten besetzt, hier russische, dort amerikanische, alle 200 m einer! „Ja, aber hier soll doch ein Gastwirt sein mit einem Kahn ?", frage ich leise. „Den hat man vorgestern geschnappt", antwortet der Bauer. Wir kommen zwei Tage zu spät, der Kahn ist versenkt und den Wirt haben sie eingesperrt. Seitdem sind die vielen Posten hier. Er hat es ja auch zu toll getrieben."

Das waren ja nun keine erfreulichen Nachrichten. Trotzdem halten wir es für richtig, erst einmal selbst die Lage zu peilen. Rad und Rucksäcke geben wir einer Frau, die im nächsten Gehöft in der Waschküche beschäftigt ist und schlendern zum Muldeufer. Richtig, dort steht ein Posten, dort hinten bei den Pappeln der nächste! So eine Schweinerei! Die Mulde ist immerhin gut ihre 15 m breit und soll sehr hässliche Strudel haben. Von unserer Frau in der Waschküche erfahren wir, dass beim Schwimmen immer wieder Unglücksfälle passieren. „Aber wer rüber will, kommt ja doch rüber ", fügte sie mit einem listigen Blick hinzu. Wir bitten sie, sich näher zu erklären. Sie sagt nach einigem Zögern leise: „Da ist ja noch das Wehr ". Wo ist es, fragten wir wie aus einem Munde. „Nach Eilenburg zu ", sagt sie, „aber ich will nichts gesagt haben. Erst gestern sind wieder zweie abgesoffen

bei der starken Strömung und außerdem hat es ja keinen Zweck, denn sie müssen dann noch über den Mühlengraben. " Dieses Wehr muss unbedingt näher betrachtet werden. Da wir nicht wissen, ob sich nicht gleich eine Gelegenheit zum Übergang ergibt, nehmen wir Fahrrad und Rucksäcke gleich mit. Unterwegs gesellt sich eine Schar von zwei weiteren Landsern und 3 Zivilisten zu uns, sehr gegen meinen Willen, denn solche Haufen sind immer aufsehenerregend und unerwünscht. Wir marschieren in zwei Gruppen und kommen nach einiger Zeit in eine Baumgruppe, hinter der wir das Wasser rauschen hören. Dort musste das Wehr sein. An einen Baum gelehnt, steht dort gelangweilt ein russischer Posten. Er beobachtet einen Mann und eine Frau, die am jenseitigen Ufer gerade aus dem Wasser steigen. Drüben ist kein Posten zu sehen. Der Russe ist also offenbar mal wieder großzügig. Als vorsichtiger Mann gehe ich zu dem Posten hin und frage ihn, ob man rüber kann. Er knurrt mich nur an: „Was fragen? - Ab!" Dieser höflichen Einladung kann keiner widerstehen. Aber wo soll man hinübergehen. Die einzige Stelle scheint uns nach kurzer Prüfung dort, wo das angestaute Wasser über einen Streifen glitschiger Steine läuft. Es ist nur ein schmaler Streifen, links staut sich das tiefe Wasser und rechts stürzt es 2 1/2 Meter abwärts , auf spitzes von Gischt umrandetes Gestein. Auch stellte sich heraus, dass wir bis zur Hüfte durchwaten müssen, bei der Strömung auf den glitschigen Steinen kein angenehmes Gefühl . Aber es muss gewagt werden. Mein Freund kann sich sogar nicht von seinem Fahrrad trennen. Er bittet mich, seinen Rucksack zu nehmen und steigt vor mir her durchs Wasser, sein Fahrrad mit beiden Händen nach oben stemmend. Nach einer viertel Stunde sind wir glücklich alle drüben - auch die beiden anderen Landser und die Zivilisten. Wir trocknen unsere Beine und ziehen uns lachend die Stiefel an. Da rattert und knirscht es neben uns. Ein Auto fährt vor und ihm entsteigen Amerikaner, ein Streifenposten hat uns erwischt. „Soldaten oder Zivil? " fragt einer in gebrochenem Deutsch. Wir erfahren noch, dass Zivilisten sofort wieder über das Wehr zurück müssten, Soldaten aber gefangen genommen und in ein Lager überführt werden. Da keiner von uns Soldaten eine Neigung verspürt, über das glitschige Wehr wieder zu den Russen zurückzuwaten, entschließen wir uns, von beiden Übeln das letztere zu wählen. „Gehen Sie sofort zum Oberbürgermeister nach Eilenburg und warten Sie dort auf uns. Sagen Sie Ihren Kameraden, dass jeder erschossen wird, der sich diesem Befehl entzieht und auf der Straße wieder aufgegriffen wird", sagt der Führer der Streife auf englisch zu mir. Also auf denn zum „Lord-Major". Nach unserer Ankunft dort müssen wir eine lange Weile warten, und ich liebäugelte schon mit dem Gedanken, mich stillschweigend davon zu machen, zumal ich höre, dass innerhalb der Kreise Delitzsch Passierscheinfreiheit besteht, in der Nähe von Delitzsch aber Zschortau mit Wohnhaus und Park unserer guten Tante Eva als liebliche Oase winkt. Aber die Kameraden haben keinen Schneid. Es sind eben keine Dirlewanger. Der Toni fehlt mir sehr. Wieder einmal kämpfe ich den Kampf zwischen den Pflichten der Kameradschaft und denen gegen mich selbst bzw. meine Familie. Eine Flucht bedeutet vielleicht Nachteil für die drei

Kameraden. Noch ehe der Kampf ausgekämpft ist, kommen unsere Amerikaner und nehmen mir die Freiheit der Entscheidung. Wir müssen auf einen kleinen Wagen steigen, das Fahrrad bleibt zu unserem Schmerz zurück. In rasendem Tempo geht es durch die kühle Abendluft nach einem Ort zwischen Delitzsch und Eilenburg. Dort werden uns wieder einmal die Taschen entleert und die Rucksäcke durchsucht und wir werden von oben bis unten abgeklopft. Die Amerikaner sind viel gründlicher noch als die Russen. Nun verschwindet auch meine Brieftasche auf Nimmerwiedersehen. Mein Portemonnaie mit Geld, Rasierklingen und Trauring hatten bereits die Russen abgenommen. Jetzt bin ich ein völliger Habenichts. Nur das letzte Stück Brot von unserem asiatischen Freunde bleibt uns erhalten. Eine Stunde müssen wir warten. Inzwischen

vergrößert sich unser Haufen. Ständig kommen neue Landser oder Zivilisten, die auf der Straße aufgegriffen sind, um in gleicher Weise abgeklopft und durchsucht zu werden. Viele haben weder Hut noch Mantel und fangen an, in der maikühlen Abendluft erbärmlich zu frieren. Stimmung sehr mies, wie immer in einem großen Haufen. Einige wissen ganz genau, dass wir nun nach Eisleben, einem Konzentrationslager überführt werden und dort wahrscheinlich monatelang bleiben werden. Eisleben war es zunächst noch nicht, wohl aber Delitzsch und das Lager machte auch einen stark K-Z-ähnlichen Eindruck. Wir gelangten etwa um 12 Uhr abends auf einen mit Kies gedeckten Fabrikhof , der von drei Scheinwerfern beleuchtet war. An den Seiten-und Hinterwänden des Hofes kauerten etwa 150 Menschen, Frauen und Kinder. Sie wurden von 6 Amerikanern bewacht, die vorn an der rechten Seite des Hofes in dem Veranda ähnlichen Vorbau eines Schuppens saßen. In der Mitte des Hofes stand eine Milchkanne, die mit abgestandenem Wasser gefüllt war. Wer trinken wollte, musste höflich um Erlaubnis fragen. Diese wurde ihm je nach Laune des diensttuenden Postens gewährt oder abgeschlagen. Ähnlich erging es jedem , der ein menschliches Bedürfnis zu verrichten hatte. Noch vor der Kanne, mit dem Rücken zu den übrigen Häftlingen, saßen etwa 9 bis 10 Männer, die ab und zu aufstehen und eine Weile stramm stehen oder auf dem Hof Papier sammeln mussten. Sie mussten sitzen bleiben und durften sich im Gegensatz zu den anderen nicht auf dem Kies zum Schlafen ausstrecken. Wie ich später erfuhr, waren es Parteileute, die dieser besonderen Behandlung unterworfen wurden. Wir selbst wurden noch einmal durchsucht und abgeklopft und mussten uns dann am hinteren Ende des Hofes irgendwo niederlegen. Auch hier tat meine Decke uns wieder einmal gute Dienste und mit Genuss verzehrten wir das letzte Stück Russenbrot. Die Amerikaner holten ihre Kochgeschirre voll duftenden Essens aus der Küche. Wir Häftlinge bekamen nichts. Das war natürlich eine recht unangenehme Nacht.

Montag, 14. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Die letzten deutschen Truppen in Ostpreußen (rund 150 000 Mann) ergeben

sich der Roten Armee. Britische Truppen besetzen die Nordseeinsel Helgoland.

Auch der Tag verlief höchst langweilig zwischen übernächtigten, übellaunigen

Landsern, die alle den Teufel an die Wand malten. Allen knurrte der Magen und

jeder wusste eine andere Schauermär zu erzählen. Wenn 300 Mann zusammen

wären, würden wir abgeholt und in ein Gefangenenlager gefahren. Wahrscheinlich kämen wir nach Halle zum Aufräumen oder nach Eisleben oder nach Nordhausen in übermächtige K.Z.-Lager. Keine dieser verschiedenen Möglichkeiten reizte mich. Vor allen Dingen wollte ich nicht noch eine Nacht auf dem Kies schlafen. Nachdem ich den größten Teil des Tages verduselt hatte, erwachten nachmittags zwischen 4 und 5 meine Lebensgeister zu neuen Taten. Ich suchte meine paar englischen Brocken zusammen und fragte den Posten, ob ich nicht ein paar Worte mit dem Kommandanten des Lagers sprechen könne. Das wurde mir gewährt und ich hatte nun Gelegenheit, die Amerikaner darauf aufmerksam zu machen, dass ich kein gewöhnlicher Soldat sei, sondern ein Opfer der SS, das unschuldig in eine Strafeinheit verschleppt worden sei, wo ich das letzte halbe Jahr mit lauter Kameraden aus K.Z. Lagern verbracht hätte. Bei der Erwähnung der SS gingen die Amerikaner zwar hoch und wollten mich wieder zum SS-Offizier stempeln. Ich beeilte mich, zu versichern, dass ich kein SS-Mann, sondern ein Opfer der SS sei und bat, einer höheren Stelle zur Nachprüfung meines Falles vorgeführt zu werden. Da bequemte sich der Wachhabende zu einem Ferngespräch mit dem secret service, der meine sofortige Vorführung anordnete. Das war so gut wie gewonnenes Spiel. Ich kam wieder weg vom großen Haufen. Ich war wieder Individuum, nicht nur Masse. Ich sollte aber noch größeres Glück entwickeln. Im Hotel zur Linde, wohin ich von dem Posten geführt wurde, saß ein intelligent aussehender Mann in Zivil mit zwei amerikanischen Offizieren am Tisch. Es war der Polizeichef Dr. Dressler. Ich erinnerte mich, diesen Namen bereits einmal von einem Kameraden Heinrich-Christian Meier gehört zu haben, der ihn aus dem K.Z.-Lager Neuen-Gammel her kannte. Und richtig, es war der gleiche Dr. Dressler, der über die Einrichtung „Dirlewanger" völlig im Bilde war, darüber mit den Amerikanern in scharf kritisierender Weise sprach, sich durch Befragung nach mir bekannten führenden Männern der Division und einigen Kameraden aus dem KZ davon überzeugte, dass ich wirklich ein „Dirlewanger" sei ,und dann erklärte, dass er es für angebracht halte, mich wie den Insassen eines K.Z.-Lagers zu behandeln und sofort zu entlassen.

Hurra, wieder einmal frei! Vorsichtshalber erbat ich mir ein Papier, über diese unverhoffte Freilassung. Da das Büro des Polizeichefs schon geschlossen war, wurde ich auf den nächsten Morgen zwischen 9 und 10 Uhr bestellt. Dr. Dressler war aber so freundlich, mir ein Nachtquartier im Schlosse Delitzsch anzuweisen. Nachdem ich das Quartier gesehen hatte, zog ich es freilich vor, woanders zu übernachten. Ich stellte fest, dass unsere gute Tante Evchen ja nur eine knappe Stunde von Delitzsch entfernt wohnte und machte mich sofort auf den Weg dorthin. Das war eine Überraschung und eine Freude! Ich hatte es mir schon auf

dem Wege oft erträumt, in Zschortau einen Ruhetag einzulegen. Einen so lieben und herzlichen Empfang und solche Verwöhnung hatte ich mir jedoch nicht träumen lassen. Ich kam mir vor wie im Paradiese und genoss in vollen Zügen all die Herrlichkeiten, die mir früher vielleicht als selbstverständlich erschienen wären: Ein warmes Bad, ein gut gedeckter Tisch, der Gartenplatz im Fliederduft und das Klagen und Jubeln der Nachtigall bei hereinsinkender Dämmerung und dem langsam aufsteigendem Mond. Welch ein Szenenwechsel vom harten Kies des Fabriklagers zum traulichen Gespräch mit Tante Eva, in dem so manche Erinnerungen aufbrachen und währenddessen das Gefühl immer stärker wurde, bereits Zuhause angelangt zu sein im schützenden Schoß der Familie, der Heimat, aus der wir alle Wurzelkräfte unsers Daseins ziehen.

„Ist es ein Traum, ich kam zurück,

ich fass es kaum, ein tiefes Glück

die Heimat hat mich wieder. Erfüllt mein Herz mit Freuen.

Schwer ist die Zeit, Es wird die Welt,

tief unser Leid, die jetzt zerfällt,

und doch - blüht weiß der Flieder. einst wieder sich erneuern. "

Diese Worte schrieb ich ins Gästebuch, ehe ich nach einem herrlichen Ruhetag zur letzten Reiseetappe aufbrach. Der gute Gärtner Maul gab mir rührender weise sein Fahrrad. („Es will ja jeder gern nach Hause) Von Tante Eva bekam ich etwas Geld und reichlich Marschverpflegung. Nun sollte es doch Wahrheit werden, dass ich Pfingsten nach hause kam. Fast freilich hätte es noch schief gehen können. 18 km hinter Halle stieß ich auf einen Doppelposten, der meinen von Dr.Dressler

ausgestellten Zettel missverstand. Kaum lasen sie etwas von SS, da hatte ich schon einen Boxhieb im Gesicht und alles Reden half nichts. Unter vorgehaltenem Revolver musste ich auf einen Lastwagen klettern , konnte aber Gott sei Dank noch mein Fahrrad nachziehen und wurde nach Halle zurückbefördert. Dort sollte ich mich eigentlich beim Military-Govenor melden, zog es aber vor, auf Nebenstraßen in Richtung Kloster-Mansfeldt-Ballenstedt mich davon zu schleichen. Es gelang mir auch, die an einzelnen Ortschaften aufgestellten Posten zu umgehen und unbehelligt bis nach Hasserode zu gelangen, wo ich im Gasthof „zum grünen Röckchen " die letzte Nacht meiner Wanderschaft verbrachte.

Samstag, 19. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Alfred Rosenberg, der ehemalige Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, wird in einem Marinelazarett in Flensburg Mürwik von britischen Soldaten verhaftet.

Am Pfingstsonnabend, den 19. Mai fuhr ich in das Gebiet der engeren Heimat ein. Ich nahm es als gutes Omen, dass ich über Meisdorf-Ermsleben herüberkam, wo die Geister Klamrothscher Ahnen mich umwehten . In Ballenstedt empfing mich die Freundschaft in Gestalt von Dorothea Franke, in Quedlinburg die Verwandtschaft in Gestalt der lieben Grusons im Mummenthale, aber wie ich in Halberstadt und Wernigerode empfangen wurde, das braucht hier nicht mehr beschrieben zu werden. Es waren unvergeßliche Augenblicke.

Nachwort des Herausgebers

Auch ich habe diesen unvergesslichen Augenblick, als mein Vater zurückkam, vor Augen. Es war am Nachmittag des Pfingstsonntags in Wernigerode, wo inzwischen unsere Familie vollzählig bei den Eltern meiner Mutter untergekommen war. Wir bereiteten eine Pfingst-Kaffeetafel im Garten vor und zählten Sitzgelegenheiten und erwartete Teilnehmer an der Runde ab. Da rief einer unerwartet über den Gartenzaun: „und einen Stuhl mehr! " Das war eine glücklicherweise ganz reale Pfingsterscheinung, die für uns jede zu diesem Kirchenfest bisher überlieferte

übertraf.

Als mein Vater zurückkam, war ich 12 Jahre alt. Seine Heimatstadt war in ihrem historischen Teil bis auf die schwer beschädigten Kirchen am Domplatz vollkommen zerstört, der Firmensitz „an der Woort" lag in Schutt und Asche. Das Vaterhaus am Bismarckplatz, das den Luftkrieg überstanden hatte, war mit ausgebombten Halberstädtern und Flüchtlingen überfüllt. Dazu kam dann noch für eine Weile die Einquartierung russischer Offiziere.

Dass dies zum großen Teil alles Folgen nationaler, und schlimmer noch, „völkischer" Selbstüberschätzung waren, wurde offenbar verdrängt. Ich kann mich nicht entsinnen, dass darüber im Familienkreis und seinem Umfeld gesprochen und geschrieben wurde.

Mein Vater Kurt Klamroth brachte alsbald in seiner Heimatstadt den Willen zu überleben und wieder aufbauen zu wollen zum Ausdruck:

Gedanken an Revanche kamen diesmal gottlob nicht wieder auf und weitsichtige Politiker begannen, an der Verwirklichung europäischer Gemeinsamkeiten zu arbeiten.

So durften wir bis heute über 50 Jahre erleben, in denen sich Europa und die westliche Welt ohne größere kriegerische Auseinandersetzungen entwickeln konnten.

Die Großeltern- und Elterngeneration hatten offenbar nicht die innere Unabhängigkeit und fanden keinen Weg, gegenüber dem nationalsozialistischen Irrsinn deutlichere Zeichen der Missbilligung zu setzen. Obwohl sich meine Mutter von Parolen nie anstecken ließ und deshalb sogar gelegentlich heftige Auseinandersetzungen mit meinem Vater hatte, wie ich aus eigenem Erleben weiß, kam nach dem Zusammenbruch kein Wort der Schuldzuweisung über ihre Lippen. Man konnte aber auch „nein" sagen, so wie es mein Vater und meine Großeltern für mich taten, als zunächst das Gaupersonalamt Hauptstelle „Führernachwuchs" der NSDAP Gau Berlin" am 6.März 1944 den Eltern des Schülers Kl. Klamroth mitteilte, „dass Ihr Sohn für die Oberschule der Reichsschule Feldafing der NSDAP in Frage kommt " und danach noch einmal ein Parteibeauftragter mit gleichem Ansinnen in Halberstadt vorsprach, wo ich seit 1943 wegen der zunehmenden Bombenangriffe auf Berlin zur Schule ging und im großelterlichen Haus lebte.

Mein Vater hat über das, was er „bei Dirlewanger" vor der hier wiedergegebenen Erzählung erlebte, mit niemandem gesprochen, selbst mit seinem Freund und Arzt Jürgen Klamroth nicht, der ein ähnliches Schicksal im letzten Kriegsjahr erlitt. Ebenso war kein Wort über die Lippen seines Bruders Hans-Georg gekommen, bevor er sein Leben lassen musste, über dessen Aufgaben „im Felde". Es wird

barbarisch gewesen sein. Ich glaube, die Generation meiner Eltern war nicht fähig, individuelle, eigene Gefühle auszudrücken. Zu stark war die Ihnen von klein auf vermittelte Verpflichtung zur Selbstdisziplin und war wohl die Furcht, Schwäche zu zeigen. Seine Emotionen legte mein Vater in das Musizieren, das er mit seiner Geige so vortrefflich beherrschte und in seine Gedichte.

Mir hat er 1949 zur Konfirmation die folgenden Gedanken mit auf den Weg gegeben. Die Verse mögen vielleicht auch meine Enkel noch anrühren, nicht nur die Jungen, auch die Mädchen, eine Enkelgeneration, die heute schon lange vor dem 14. Lebensjahr sehr selbstbewusst in die Welt schaut.

Ich danke Herrn Udo Mammen, Vorstand der familienkundlichen

Arbeitsgemeinschaft im Förderverein Gleimhaus e.V. Halberstadt, für sein Einverständnis, auf Passagen aus seiner Biographie „Kurt Klamroth, ein Halberstädter Bürger" zurückgreifen zu können.

Dem Verlag Ullstein GmbH danke ich für die Erlaubnis, aus dem Buch

„Der große Krieg 1914/18 - von Sarajewo bis Versailles", von Joe J. Heydecker,

erschienen 1988 in Stuttgart, zitieren zu dürfen.

Die Chronik des 20. Jahrhunderts ist unter ISBN 3-570-11005-0 im Bertelsmann Lexikon Verlag Gütersloh, München 1993 erschienen.

Ernst Jünger, Leben und Werk in Bildern und Texten, Klett-Cotta, Stuttgart 1988

ISBN 3-608-95432-5

Thomas Mann: „Betrachtungen eines Unpolitischen". S. Fischer/Verlag/Berlin 1922

Winston S. Churchill: „Der zweite Weltkrieg". Bertelsmann Lizenzausgabe

Copyright 1948, 1954, 1985 beim Scherz Verlag, Bern, München, Wien

Christian Graf von Krockow: „Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890 - 1990"

Ungekürzte Lizenzausgabe für die Bertelsmann Club GmbH

Copyright 1990 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg